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Führungsstile | Führungskräfte in Konzernen unterscheiden sich von Führungskräften in KMU. Eine Behauptung.

Ich behaupte: Führungskräfte in Konzernen unterscheiden sich von Führungskräften in KMU.
Kaum hängt die Behauptung in der Luft, komme ich in Erklärungsnotstand. Worin manifestieren sich die Unterschiede? Hinsichtlich Persönlichkeit, Arbeitsauffassung, Führungsstile, … Klammheimlich schiebe ich die Frage zu meiner Experten-Runde.

 

 

Ich persönlich war sowohl in großen Konzernen als auch in KMUs tätig. Mir liegt KMU-Welt deutlich mehr. Mit all den Spielräumen & Gestaltungsmöglichkeiten, dort wo ich meine Gedanken in viele Richtungen fließen lassen kann und das Gesamtgeschehen im Auge habe. Obwohl … einen konkreten Auftrag zu haben, sich auf einen eingeschränkten Bereich konzentrieren zu können, das findet im Konzern eher statt. Und auch das genoss ich sehr.
Gibt es generelle Unterschiede zwischen den beiden Unternehmens-Formen, v.a. in der Führungsebene (Führungsstile, Persönlichkeit, etc)?

Eine Frage gleich vorausgeschickt: Gibt es überhaupt einen Unterschied bzgl. Führungskräfte & Führungsstile in Konzernen / KMU oder ist dieses Interview-Thema grundsätzlich Humbug?

Günther Mathé, MBA (careercenter): Aus meiner Sicht gibt es einen Unterschied. Er war jedoch vor 10-20 Jahren noch stärker erkennbar als in der jetzigen Zeit und der Unterschied schwindet mehr und mehr, da der Bereich Personalentwicklung mittlerweile auch bei kleinen Unternehmen angekommen ist.

Martin Musil (WIFI Management Forum): Nicht Humbug. Ich sehe die Unterschiede als gering an. Die Frage lohnt sich schon, denn wenn die Analyse ergibt, dass Führung eben Führung ist, da wie dort (meine Hypothese), dann ist das schon eine klare Aussage. …..

Reinhard Krechler, MSc (Beraterkreis): Es gibt Unterschiede, aber ich würde diese nicht überbewerten.

Dr. Clemens Widhalm (Dale Carnegie Austria): Im Rahmen unserer weltweiten Studie zu Mitarbeiter-Engagement (QUELLE: How to Drive Employee Engagement in SMALL AND MID-SIZED BUSINESSES (Whitepaper-Download: http://www.dalecarnegie.com/white-papers/employee-engagement-best-practices) haben wir tatsächlich gesehen, dass in kleineren Unternehmen 36% top-engagiert sind, während es in größeren nur 29% sind. Gleichzeitig ist bei den großen Unternehmen bei 26% das Engagement erloschen, bei KMUs nur bei 18% der Beschäftigten. Eine Differenzierung macht also Sinn.

Gut, da ich mit meinem Gedanken der unterschiedlichen Führungskräfte & Führungsstile nicht ganz falsch liege, gehe ich in die Tiefe.

Worin unterscheiden sich Führungskräfte in Konzernen von Führungskräften in KMU?

Mag. Eva-Maria Ayberk (Hernstein Institut): Bei Einsatzbereitschaft und Leistungswillen lassen sich kaum Unterschiede festmachen. Führungskräfte in Konzernen weisen jedoch oft ein höheres Bedürfnis nach Sicherheit und Struktur auf. Dies muss aber mit Vorsicht betrachtet werden. Oft ergibt sich dies auch durch die Prägung im Umfeld.
KMU-Führungskräfte sind meist sehr Hands-on-orientiert. Funktionstitel sind weniger wichtig. Führungskräfte im Konzern müssen aufgrund der komplexeren Organisations- und Kommunikationsstrukturen stärker ein gewisses politisches Agieren erlernen als dies für KMU-Führungskräfte der Fall ist.
KMU-Führungskräfte führen oft sehr kollegial und ebenfalls pragmatisch. Doch gerade im oberen Management findet sich oft noch der patriarchalische Führungsstil. Konzern-Führungskräfte müssen ihren Führungsstil je nach Anforderung sehr flexibel gestalten. Die Hierarchie prägt aber auch dort noch oft stark mit. In den kleineren Teams gerade im unteren Management findet man aber häufig einen modern geprägten kollegialen Stil.

Reinhard Krechler, MSc (Beraterkreis): Als systemischer Berater ist meine erste spontane Antwort folgende: Durch ihr Umfeld und die Interaktionen mit demselben.
Die Unternehmenskultur in (internationalen) Konzernen ist eine andere als in den meisten KMU und als Führungskraft gilt es, mehrere Stakeholder zu bedienen. Das prägt natürlich auch das Führungsverhalten, das in Konzernen nach meiner Erfahrung oftmals noch immer durch Abteilungsdenken, internem Konkurrenzverhalten und nach wie vor autoritärerem Führungsstil als in KMU geprägt ist.

Günther Mathé, MBA (careercenter): Viele Führungskräfte haben als hervorragende Fachspezialisten durch schnelles Wachstums eines KMUs eine Führungsaufgabe bekommen, ohne tatsächlich für die Führungsposition ausgebildet zu werden. Diese Führungskräfte sind sehr engagiert, identifizieren sich stark mit dem Unternehmen und sind sehr loyal. Die Rückmeldungen der Mitarbeiter über ihre Führungsqualitäten sind manchmal mäßig erfolgreich. Durch den starken gewachsenen Bezug zur Unternehmensleitung, ist es für die Geschäftsführung oft schwierig, die Führungskräfte innerhalb des Unternehmens umzubesetzen, zu entwickeln bzw. auszubilden.
Führungskräfte in Konzernen sind meist im Vorfeld bereits gut ausgebildet, weil es ein internes Schulungsprogramm für alle Mitarbeiter gibt bzw. Nachwuchsführungskräfte-Programme und Führungskräfte-Schulungen. In vielen Konzernen ist eine Führungsposition auch nur mit akademischem Abschluss möglich, was in KMUs irrelevant ist.

Veronika Aumaier MAS, MSc (Aumaier Coaching Consulting): Der Unterschied, den ich in der Zusammenarbeit mit KM und Konzernführungskräften erlebe, liegt in den unterschiedlichen Kommunikationserfordernissen. KMU Führungskräfte erlebe ich hemdsärmeliger, bodenständiger und direkter im Umgangston. „Mann/Frau“ steht zu seinem/ihrem Wort. Die Entscheidungswege sind kürzer, die Umsetzungsorientierung ist größer. Es werden rasch Ergebnisse erzielt. Sie haben Chefs, die langfristig im Unternehmen bleiben und es prägt sich daher mit Ihnen und den Mitarbeitern eine starke, oftmals sehr persönliche Beziehung aus.
Führungskräfte in Konzernen hingegen brauchen taktisches und manchmal auch politisches Kommunikationsgeschick. Sie haben stärker abzuwägen „wann sie was zu wem wie sagen“ und müssen sich in komplexeren Netzwerken und Seilschaften bewegen können. Sie haben sich als Personen stärker und breiter zu verankern, wenn sie dauerhaft bleiben wollen, da die Chefs rascher wechseln. Der interne Umgang ist formeller, strukturierter und distanzierter. Auch internationale und somit interkulturelle Kommunikationserfordernisse steigern die Komplexität.

Dr. Clemens Widhalm (Dale Carnegie Austria): Bei aller Individualität jeder einzelnen Führungskraft gibt es dennoch unterschiedliche Tendenzen. In kleineren Organisationen ist meist der unternehmerische Gestaltungsspielraum größer. In größeren gibt es mehr Einschränkungen durch Policies und ausführlicher definierte Prozesse. Dementsprechend werden Führungskräfte mit starkem Umsetzungswillen eher bei den KMUs ein Biotop vorfinden, wo sie ihre Stärken leben können. In Größeren Unternehmen sind möglicherweise eher die strategieorientierten mit Geduld und Beharrlichkeit erfolgreich, und werden dort daher eher anzutreffen sein.

Eignen sich KMU-Führungskräfte auch für Konzerne und umgekehrt?

Reinhard Krechler, MSc (Beraterkreis): Ja, vorausgesetzt die Führungskräfte reflektieren ihr eigenes Rollenverständnis und passen ihr Verhalten an die jeweiligen Umfeldbedingungen und an die sie gestellten Erwartungen an.

Martin Musil (WIFI Management Forum): Grundsätzlich ja. Beim Wechsel vom Konzern zum KMU wird sich eine Führungskraft vielleicht an die kleinere Infrastruktur gewöhnen müssen. Im umgekehrten Fall muss sich die Führungskraft vielleicht an das mehr an Politik und das glattere Parkett gewöhnen müssen.

Veronika Aumaier MAS, MSc (Aumaier Coaching Consulting): Grundsätzlich ja, wenn man sich sowohl in formellen als auch in informellen Strukturen bewegen kann. Es kann aber durchaus sein, dass man sich in der einen oder anderen Welt heimischer fühlt.

Mag. Eva-Maria Ayberk (Hernstein Institut): Oft gilt noch immer die Devise: Einmal Konzern – immer Konzern. Für die jetzige Generation „etablierter“ Führungskräfte ist es oft noch erstrebenswert, die gesamte Karriere in einem einzigen Unternehmen zu verbringen. Doch mit der zunehmenden Dynamisierung der Wirtschaft ändert sich das nun zusehends. Ein geplanter oder oft auch ungeplanter Ausstieg aus der Konzernwelt führt mittlerweile dazu, dass ehemalige Konzernführungskräfte vermehrt in KMUs arbeiten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schätzen sie es oft, dass sie nun viel freier und direkter gestalten können.
Umgekehrt ist es so, dass es für KMU Führungskräfte gerade zu Beginn auch sehr schwer ist, sich in der Konzernwelt zurechtzufinden. Viele müssen erst lernen, mit längeren Entscheidungswegen umzugehen.
Meine Annahme ist, dass sich in Zukunft diese beiden Welten langsam aneinander annähern werden. Konzerne haben erkannt, dass sie gerade in Richtung Markt mehr Geschwindigkeit brauchen und beginnen Strukturen und Prozesse zu hinterfragen. Umgekehrt professionalisieren sich immer mehr KMUs, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

 

Abschließend interessiert mich noch, ob sich dieser Unterschied – Führungskraft in Konzern oder KMU – auch in den Ausbildungen widerspiegelt. Dazu gibt es in wenigen Tagen ein Anschluss-Interview, in dem ich die Ausbildungs- und Teilnehmer-Seite hinterfrage.

 



Die Gesprächspartner


Mag. Eva-Maria Ayberk
Leiterin

Hernstein Institut für Management und Leadership

www.hernstein.at

Unternehmens-Profil


DI Dr. Clemens Widhalm
Managing Partner

Dale Carnegie Austria

www.dale-carnegie.at

Unternehmens-Profil


Veronika Aumaier, MAS, MSc
Geschäftsführerin

Aumaier Coaching | Consulting

www.aumaier.com

Unternehmens-Profil


Günther Mathé, MBA
Geschäftsführer

careercenter

www.careercenter.at

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Reinhard Krechler, MSc
Eigentümer und Geschäftsführer

Beraterkreis

www.beraterkreis.at

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Martin Musil

WIFI Management Forum


Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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