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Psychische Belastung hat viele Ursachen

Die Zahl der Berufstätigen mit psychischen Erkrankungen steigt. Und regelmäßig streiten sich Arbeitenehmer- und Arbeitegeber-Vertreter. Wer hat Recht? Warum klagen heute mehr Arbeitnehmer als früher über ihre psychische Belastung?

Die veränderte Arbeitswelt spielt hierbei durchaus eine Rolle. Davon ist Frank Linde (Geschäftsführer des Beratungsunternehmens im-prove, D, Lingen – Ems), überzeugt. Doch darin allein die Ursache für die gestiegene Belastung zu sehen, greift seines Erachtens zu kurz. Denn nicht nur am Arbeitsplatz, auch privat werde heute von den Menschen „mehr Eigeninitiative und -verantwortung erwartet“. Das überfordere viele – „auch weil sich die Sozialstrukturen in unserer Gesellschaft gewandelt haben“.

Unterstützungssysteme fehlen

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren in Deutschland Familien mit drei, vier Kindern gang und gäbe. Und wenn der Nachwuchs selbst eine Familie gründete? Dann geschah dies meist relativ nah beim Elternhaus. „Entsprechend groß waren das familiäre Unterstützungssystem und der gewachsene Freundeskreis, auf den man sich im Bedarfsfall stützen konnte“, erklärt Linde.

Heute hingegen dominieren zumindest in den städtischen Ballungsräumen die Singlehaushalte. Und die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie? Sie ist schon fast die Ausnahme. Und was wurde aus den Verwandten, auf die man im Bedarfsfall zurückgreifen kann? Die existieren oft nicht mehr oder wohnen Hunderte von Kilometern entfernt.

Auch das erhöht den Druck unter dem Berufstätige stehen. Denn wegen der fehlenden Unterstützungssysteme werden „oft schon Kleinigkeiten zu einem Stress verursachenden Problem“, weiß die Wiener Managementberaterin Sabine Prohaska. Zum Beispiel das Paket, das abgeholt werden muss. Oder der Besuch eines Handwerkers.

Die Lebenssituation der Menschen im Blick haben

Auch Werner Ollechowitz, Bereichsleiter Personal bei der

Bausparkasse Schwäbisch Hall, ist überzeugt: Die veränderte Arbeitswelt ist nur einer von vielen Faktoren, die dazu führen, dass heute mehr Berufstätige unter einer großen psychischen Anspannung stehen. Deshalb greifen alle betrieblichen Work-Life-Balance-Konzepte zu kurz, die ihren Blick nur auf die Arbeitswelt richten. Ihr Ausgangspunkt müsse sein: Wie leben die Mitarbeiter heute und mit welchen Anforderungen sind sie aufgrund ihrer Lebenssituation konfrontiert?

Dasselbe gilt für die Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch sie greifen laut Aussagen von Christina Seitter von der Managementberatung Müllerschön, Starzeln, oft zu kurz, „weil sie den Fokus primär auf Familien und Alleinerziehende richten“. Dabei stehen Singles häufig sogar „stärker unter Strom“ als stolze Väter und Mütter – „auch weil sie mehr Zeit in die Pflege eines Freundeskreises investieren müssen, der sie emotional trägt“.

Dass vielen Berufstätigen ein soziales Unterstützungssystem fehlt, betont die systemische Beraterin und Trainerin Seitter „meist so lange kein Problem wie im Leben alles rund läuft“. Doch wehe die Liebesbeziehung oder Ehe bricht auseinander. Oder der Lebenspartner erkrankt. Oder ein Elternteil wird zum Betreuungsfall. Dann geraten viele Berufstätige an ihre Belastungsgrenze.

Die Mitarbeiter individuell unterstützen

Bei fast allen Burn-out-Gefährdeten und -Geschädigten „hat die Überlastung auch private oder persönliche Gründe“, betont denn auch die Beraterin Prohaska. Und nennt mehrere Beispiele. Da ist zum Beispiel die Controllerin, die seit Jahren unter Schlafstörungen leidet – auch weil sie nicht den gewünschten Lebenspartner findet. Oder da ist der Salesmanager und Vater zweier Kinder, der meist nur am Wochenende zuhause ist, weshalb es in seiner Ehe kriselt. Oder da ist die Sachbearbeiterin, deren Mutter nach einem Schlaganfall einer intensiven Pflege bedarf. Bei all diesen Personen hat die Überforderung auch berufliche Gründe, doch nicht nur.

Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt. Deshalb bieten sie ihren Mitarbeitern ein immer breiteres Spektrum an Unterstützungsmaßnahmen an, um ihr Leben in Balance zu halten. Und manche machen sich auch gezielt Gedanken darüber, wie sie ihre Mitarbeiter entlasten können – zum Beispiel, wenn ein Elternteil zum Pflegefall wird. So existiert zum Beispiel bei Schwäbisch Hall eine betriebliche Regelung, dass Mitarbeiter dann eine Auszeit von zwei Jahren und länger nehmen können. Und zunehmend beinhalten die Weiterbildungsprogramme der (Groß-)Unternehmen neben Stressmanagement-Seminaren auch Angebote, die darauf abzielen, die Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken, damit aus dem „Gefordert-sein“ nicht allzu schnell ein „Überfordert-sein“ wird.

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