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Coaching-Ausbildung aus dem Blickwinkel der Anbieter. Fokus: Teilnehmer- & Anbieter-Seite

Das heutige Experten-Interview bzgl. Coaching-Ausbildungen befasst sich mit der persönlichen Seite (im Gegensatz zum letzten Interview, das die organisationalen Hintergründen von Coaching-Ausbildungen fokussierte).

HRweb-Interviews: Coaching-Ausbildung aus dem Blickwinkel der Anbieter.
• Fokus: Ausbildung & formale Seite (16märz2016)
• Fokus: Teilnehmer- & Anbieter-Seite (23märz2016)

Heute hinterfrage ich: steht im Zuge der Ausbildung der fachliche Inhalt oder die persönliche Entwicklung des Teilnehmers im Vordergrund, macht eine Coaching-Ausbildung – ob der großen Zahl an vorhandenen Coachs – überhaupt Sinn, was können selbst die Lehrenden von ihren Ausbildungs-Teilnehmern lernen , uvm.

 

 

Die Teilnehmer-Seite

In wie fern ist die persönliche Entwicklung des einzelnen Teilnehmers während der Ausbildung relevant (oder „nur“ logisches Nebenprodukt) oder fokussieren Sie eher auf die Vermittlung von Fach-Inhalten?

Mag. Günther Kampitsch, MBA (WIFI Steiermark): Die persönliche Entwicklung der Teilnehmer ist kein Nebenprodukt, sondern unabdingbar: Wenn in der Rolle des Coaches an der Selbstreflexion und an der Entwicklung seiner Kunden gearbeitet wird, dann ist die Reflexion der eigenen Entwicklung wohl Voraussetzung, um solche Prozesse bei anderen initiieren zu können.
Entsprechend ergibt sich im Coaching-Lehrgang eine möglichst sorgfältige Balance zwischen der Vermittlung von Interventionstechniken einerseits und der Reflexion der Beraterpersönlichkeit andererseits. Jedes „Werkzeug“ ist nur so nützlich wie der Anwender es zu handhaben weiß.

Mag. Sabine Prohaska (seminar consult prohaska): Eine gute Coachingausbildung beinhaltet ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Theorie, Praxis und Selbstreflexion. Ein Coach ist immer nur so gut, wie sein Maß an Selbsterfahrung ist. Coachs müssen reflektierte Persönlichkeiten sein, die zum Beispiel mit dem Phänomen der Übertragung/Gegenübertragung umgehen können. In unserer Ausbildung legen wir auf alle 3 Punkte wert. Da wir über einen Zeitraum von 8 Monaten mit der Lehrgangsgruppe arbeiten kann ein guter Prozess entstehen, der eine persönliche Entwicklung des Teilnehmers begünstigt. In den Präsenzmodulen arbeiten wir mit Theorieinputs und Übungssequenzen, dabei halten wir die Teilnehmenden immer wieder zur Selbstreflexion an. Die vorgeschriebenen Peergruppenarbeiten dienen der Praxis und werden schriftlich mit Fragen zur Selbstreflexion dokumentiert. Unsere Ausbildung beinhaltet weiters Supervision und Eigencoaching.

Es gibt bereits so viele Coachs – macht es da den überhaupt noch Sinn eine Ausbildung zu machen? Wird die Ausbildung eher als Zusatzqualifikation besucht oder ist das Ziel die Selbständigkeit?

Mag. Michael Tomaschek, MSc (ESBA-European Systemic Business Academy): Der Markt für Coaching ist laut aller Umfragen bei BranchenkennerInnen und KundInnen immer noch am Wachsen – und auch die Krise konnte dem keinen Einhalt gebieten, ganz im Gegenteil. Da Coaching eine überschaubare, auch monetär eingegrenzte Beratungsdienstleistung ist. Dennoch sind sehr viele Anbieter mit der Dienstleistung Coaching am Markt, jedoch wenige mit umfassender Qualifizierung und noch weniger mit langjähriger Erfahrung. Coaching als Zusatzangebot neben Training, Fachberatung oder anderen beratungsintensiven Dienstleistungen macht für Kunden viel Sinn und ist gefragter denn je. Auch als Zusatzqualifikation allein ist Coaching als soziale Kompetenz für alle, die mit Kundenkontakt zu tun haben oder als Projektleiter oder generell als Führungskraft positioniert sind, sehr hilfreich. Durch die höhere Rollenflexibilität und Methodenvielfalt wird die Kommunikation in Konflikten oder Mitarbeitergesprächen leichter und zielorientierter und das ist auch der Hauptgrund, wieso so viele Menschen Coaching Ausbildungen besuchen. Nur die wenigsten wollen unmittelbar selber Coach werden, die meisten Teilnehmer nutzen die Lehrgänge zur persönlichen Entwicklung und um für ihre aktuelle Tätigkeit mehr Rüstzeug zu bekommen.

Mag. Sabine Prohaska (seminar consult prohaska): In den letzten Jahren haben wir mehr Teilnehmende, die die Ausbildung machen, um ihre Gesprächskompetenz im Beruf (Führung, Personalentwicklung) zu professionalisieren, also gar nicht vorhaben, als Coach zu arbeiten. Unsere Absolventen berichten, dass sich ihre Sichtweise auf zB Konflikte, Entscheidungssituationen, Verhalten von Mitmenschen etc. sehr stark ändert. Gerade die Auseinandersetzung mit der Coachinghaltung und dem dazugehörigen Menschenbild regt zur Selbstreflexion an und bewirkt sehr oft einen Perspektivenwechsel. Dies schafft in Folge neue Möglichkeiten, Situationen anders zu bewerten bzw. damit umzugehen. Die Techniken wiederum erweitern das eigene Handlungsrepertoire. Egal ob man im Verkauf arbeitet, eine Sitzung moderiert oder ein Mitarbeitergespräch führt, man hat nach der Coachingausbildung umfassendere Möglichkeiten (Fragetechniken, Gesprächsmethoden) zu agieren.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): „Coaching“ findet sich gewerberechtlich im Tätigkeitskatalog von zwei Gewerbescheinen, in dem des Unternehmensberaters und in dem des Lebensberaters. Daher ist es sinnvoll als Selbstständige, je nach Spezialisierung einen dieser beiden Gewerbescheine zu beantragen. Dies gilt nicht, wenn jemand schon einen entsprechenden Grundberuf hat wie z.B. Arzt, Berater, Psychologe, Psychotherapeut etc. pp. – diese Personen machen eine Coachingausbildung als Zusatzqualifikation.
Ca. 30% machen sich selbstständig – die anderen nützen die Techniken in ihrem angestammten Beruf.

Auch Sie haben selbst eine potenzialfokussierte Coaching-Ausbildung absolviert. Warum war es für Sie die richtige?

Mag. Doris Perg (Potentialfokus Center): Die Ausbildung hat mir ermöglicht, potenzialfokussiertes Coaching nicht nur als Methode zur Unterstützung von Coachees in seiner reinen Form zu sehen, sondern vielmehr als Einstellung – unterfüttert mit den passenden Methoden – zu betrachten, die mir hilft, sowohl in meinem beruflichen, als auch privaten Umfeld Ressourcen und Potenziale zu erkennen. So ist es möglich, auch Wege aus scheinbar festgefahrenen Situationen zu finden.

Die Institut- / Anbieter-Seite

Wann war die Coaching-Ausbildung für Sie als Ausbildner erfolgreich?

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Wenn ich in den letzten Modulen der Ausbildung und in der Supervision sehe, dass sie Kunden gut durch einen Coachingprozess begleiten können und wenn sie berichten, was ihnen in ihrem Berufsleben hilfreich ist.

Mag. Michael Tomaschek, MSc (ESBA-European Systemic Business Academy): Immer wenn Teilnehmer ihr gewohntes Verhalten oder ihre Sichtweisen in Frage stellen können und sich auf das neue Unbekannte einlassen können, um etwas auszuprobieren und zu lernen ist das ein Erfolg. Da wir Menschen eher bewahrend an dem festhalten, was da ist und wir eh schon wissen, ist das oft schon ein großer Schritt. Ein wesentlicher Erfolg in der Coaching Ausbildung ist, wenn Teilnehmer endlich die Kunden wirklich ins Zentrum Ihrer Bemühung stellen und differenziert zuhören und wahrnehmen was das Gegenüber eigentlich will und braucht. Diese Grundhaltung im Coaching erfordert ein sich selbst Zurücknehmen und seinen eigenen Expertenstatus mit all dem damit verbundenen Machtanspruch aufzugeben. Wenn dann auch noch eine saubere Gesprächsstrukturierung mit einer konkreten Zielklärung gelingt, dann hat der Ausbildner Grund zur Freude.

Mag. Doris Perg (Potentialfokus Center): Wenn unsere Absolventen uns ihre Überzeugung signalisieren, dass die Ausbildung die goldrichtige für sie war und der Kontakt und der Austausch über den Ausbildungszeitraum hinaus besteht und aktiv gepflegt wird.

Mag. Günther Kampitsch, MBA (WIFI Steiermark): Vieles ist im Ausbildungsfinale bei den praktischen Prüfungen erkennbar, wenn von den Prüflingen Coachings zu gestalten sind, die analysiert und bewertet werden – Die dort gezeigten Leistungen würde ich für mich als „Ernte“ beschreiben. Natürlich gibt es auch im Verlauf des Jahres Einzelerlebnisse, die aufzeigen, dass die Entwicklung der TN gut voranschreitet, und dass Konzeption und Umsetzung der Ausbildung stimmen.
Und manches zeigt sich dann, wenn beobachtbar wird, wie sich der eine Absolvent am Markt entwickelt oder was der andere Absolvent in seiner Arbeitsorganisation nach der Ausbildung anders macht …

Können Sie als Experte von Coaching-Auszubildenden etwas lernen? Wenn ja, was?

Mag. Doris Perg (Potentialfokus Center): Oh ja! Wenn ich nicht offen und neugierig wäre, in jeder Sequenz, in jedem Gespräch mit meinen Auszubildenden zu lernen, wäre ich keine gute Ausbildnerin! Jeder probiert individuell seine Fragetechnik, sein Setting, steuert ein wenig anders. Die Praxiseinheiten, wo konkrete Situationen und Fälle bearbeitet und Erfahrungen zurückgespiegelt werden, bieten eine Fülle an Neuem – auch für uns Ausbildner!

Mag. Sabine Prohaska (seminar consult prohaska): Die Konzeption und Durchführung meiner Ausbildungsinhalte hat die Qualität meiner eigenen Arbeit maßgeblich beeinflusst. Man ist gezwungen viel genauer zu reflektieren, warum man was wie macht. Außerdem sind die Fragen der Auszubildenden oft sehr erfrischend und kritisch, so dass man auch hier sein eigenes Tun anders hinterfragen oder auch neu bewerten muss. Außerdem ist man als Ausbildner angehalten, am Puls der Zeit zu sein und sich selber auch ständig in Bezug auf Coachingtrends oder rechtliche Rahmenbedingungen am Laufenden zu halten.

Mag. Günther Kampitsch, MBA (WIFI Steiermark): Selbstverständlich lerne ich auch viel von den Auszubildenden. Erwachsenenbildung ist Lernen auf Augenhöhe – und wir haben nicht nur interessierte, sondern auch sehr interessante Teilnehmer in den Lehrgängen, die ein hohes Maß an Erfahrungen, Fachwissen, persönlichen Ressourcen und Kreativität mitbringen

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Ich lerne unterschiedliche Kontexte und Strukturen in Firmen kennen sowie immer wieder neue „innere Landkarten“ und Persönlichkeiten. Dabei verfeinere ich ständig mein didaktisches Konzept.



Die Gesprächspartner

 


Mag. Michael Tomaschek, MSc
Leitung

E.S.B.A- European Systemic Business Academy

www.esba.eu

Unternehmens-Profil


Mag. Sabine Prohaska
Geschäftsführerin

seminar consult prohaska

www.seminarconsult.at


Mag. Doris Perg
Mitglied Coachingpool

Potentialfokus Center

www.potenzialfokuscenter.at


Corinna Ladinig
Geschäftsführerin

CTC Academy OG

www.ctc-academy.at


Mag. Günther Kampitsch, MBA
Coaching-Lehrgangsleiter

WIFI Steiermark

www.transfer-tc.at


Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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