Leadership

Schon in der Antike waren religiöse Würdenträger als Manager gefordert – zB. nachdem der christliche Glaube im Jahr 380 römische Staatsreligion geworden war, entwickelte sich die Kirche zu einer so großen und mächtigen Organisation, dass man sie mit ihren zahlreichen Bistümern, Orden und Klöstern mit einem multinationalen Unternehmen mit vielen Tochtergesellschaften vergleichen kann.

Eine relevante Frage war somit für die Entscheider in der Kirche: Nach welchen gemeinsamen Prinzipien führen wir unsere Organisation? Und: Wie sollten sich die „Führungskräfte“ verhalten?

Auch Papst Gregor I. beschäftigte sich mit diesem Thema und formulierte Ende des 6. Jahrhunderts den „Lasterkatalog“. In ihm listet er 7 Wurzelsünden auf, die fälschlicherweise oft als Todsünden bezeichnet werden. Sie beschreiben Einstellungen und Haltungen, die zu einem Fehlverhalten und somit Fehlentwicklungen führen können. Diese 7 Wurzelsünden sind auch heute noch relevant. Manager, die echte Führungspersönlichkeiten sind, vermeiden sie intuitiv.


Wurzelsünde 1: Superbia (Hochmut, Ruhmsucht, Stolz)

Der Hochmütige begreift sich nicht mehr als Teil eines großen Ganzen. „Ich kann alles – steuern, beherrschen, tun.“ Er ist sich seiner Grenzen nicht mehr bewusst. Bei Managern ist das typischer Weise wenn sie bereits Überdurchschnittliches geleistet haben und nur von Bewunderern umgeben sind. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

Wurzelsünde 2: Avaritia (Geiz, Habgier, Habsucht)

„Hauptsache, ich gewinne“, „Hauptsache, ich stehe gut da und komme voran.“ Wer stets versucht für sich das Optimum herauszuschlagen, wird einsam.

Wer nach oben will (Menschen und Organisationen), muss einen gewissen Biss, also Ehrgeiz, haben. Die Folge: Kunden werden über den Tisch gezogen, Lieferanten und Mitarbeiter bis zum Geht-nicht-mehr ausgepresst. Die Folge: illoyale Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter worunter zumindest langfristig der Erfolg leidet.

Wurzelsünde 3: Luxuria (Verschwendung, Ausschweifung)

Was ist unserem Chef wirklich wichtig? Der Erfolg des Unternehmens? Oder ist es vielleicht doch eher der eigene Aufzug und Chauffeur? Oder eine gute Presse und sein guter Ruf? Für solche Dinge haben (nicht nur) Mitarbeiter eine feine Nase. Und alles, was Führungskräfte tun, wird letztlich mit ihren Unternehmen identifiziert – ganz gleich, ob dies inner- oder außerhalb der Firmenmauern geschieht.

Wurzelsünde 4: Ira (Zorn, Wut, Vergeltungssucht)

Manch „Alphatiere“ an der Unternehmensspitze genießen es geradezu, Untergebene oder Schwächere vor Publikum mit Worten zu „sezieren“ (ähnlich wie es Bundesfinanzminister Schäuble Ende 2010 mit seinem Pressesprecher tat). Mit „sadistischen Despoten“ arbeiten nur Masochisten gerne zusammen. Selbstbewusste Mitarbeiter kehren ihnen entweder eigeninitiativ den Rücken oder sie werden „gefeuert“– weil sie ein offenes Wort wagten. Die Folge: Der von Ira geplagte Unternehmensführer ist irgendwann nur noch von „Bücklingen“ umgeben.

Wurzelsünde 5: Gula (Völlerei, Gefräßigkeit, Unmäßigkeit)

„No pain, no gain“ beziehungsweise „Ohne Fleiß kein Preis“. Ist diese Maxime erst mal verinnerlicht, ist die Gefahr groß, dass sich das Leben irgendwann nur noch um die Arbeit dreht, während andere Lebensbereiche verkümmern. Also muss es kompensiert werden – zum Beispiel mit Alkohol oder mit Tabletten, die helfen, den Stress zu ertragen. Oder mit der Suche nach dem ultimativen Kick – sei es in irgendwelchen Affären oder sonstigen Abenteuern, die den Betroffenen das Gefühl vermitteln: Ich lebe noch. Doch leider ist damit meist wenig Genuss verbunden, denn: Genießen erfordert Zeit.

Wurzelsünde 6: Invidia (Neid, Missgunst, Eifersucht)

Sich im Wettstreit mit anderen Menschen zu messen und ihnen nachzueifern – das scheint eine zentrale Triebfeder zu sein (… und darauf basiert auch die Marktwirtschaft). Zerstörerisch wird dieser schöpferische Trieb, wenn daraus resultiert: Ich muss stets der Beste, Tollste, Erfolgreichste sein. Folglich muss der Erfolg des anderen zerstört oder zumindest verkleinert werden. Invidia zerstört jede Form der Kooperation.

Wurzelsünde 7: Acedia (Trägheit des Herzens und des Geistes)

Wer unter Acedia leidet, dem ist letztendlich alles egal, er nimmt mangels Neugier und Interesse vieles in seiner Umwelt nicht mehr wahr. Und wenn doch? Dann löst es in ihm keine Emotionen aus: weder Freude, noch Ärger, weder Neugier, noch Motivation. Menschen und Organisationen ersticken dann mit der Zeit in ihren Denk- und Handlungsroutinen. Sie gleiten, selbst wenn sie einmal Spitze waren, zunehmend ins Mittelmaß ab – oft ohne es zu registrieren.


Die Wurzelsünden sind letztendlich Grundprinzipien für ein balanciertes Leben und zum Vermeiden einer zu starken Ich-Bezogenheit – etwas, was vielen Führungskräften gut tun würde. Vielleicht ein neuer (alter) Ansatz in der Managementlehre?


Gastautor: Dr. Georg Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur promovierte an der TH Karlsruhe zum Thema Projektmanagement. Er ist u.a. Autor des „Change Management Handbuch“ (Cornelsen Verlag, 3. Auflage 2010) sowie zahlreicher Projektmanagement-Bücher. Seit 1994 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-provence und der technischen Universität Clausthal.