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Vorsicht Experten!

Nichts ist unausrottbarer als unser Glaube, Experten sprächen a priori die Wahrheit. Wenn dieser „Experte“ dann auch noch einen Professorentitel trägt, scheinen wir unseren Verstand auf Sparflamme zu schalten. Doch „Experten“ wissen viel über den Inhalt ihres Spezialgebiets, ihres Glases. Was sich außerhalb so tut … dorthin reicht die Erfahrung meinst nicht.

Mit dem unerschütterlichen Glauben an Experten haben wir selbst dieser Manipulation eine große Tür aufgemacht. Was ist eigentlich ein Experte? Grundsätzlich gibt es zwei Sorten. Jene mit akademischen Titeln und Experten kraft Aussage.

Nicht jeder weiß, wie akademische Karrieren zustande kommen. Schon nach dem Grundlagenstudium beginnt die Spezialisierung. Die Diplomarbeit beleuchtet ein noch kleineres Feld der Erkenntnis, denn schließlich muss sie nicht etwa das Aufzählen empirischer Fakten enthalten, sondern eine eigene geistige Leistung. Das ist ziemlich schwierig geworden heutzutage, wo Millionen von Akademikern zum Beispiel im Fach Chemie ihre Diplomarbeiten schreiben. Man stürzt sich also auf einen winzig kleinen Teil der Leinwand und malt mit einem Pinsel, der nur ein Haar hat. Anschließend ist man unmöglich in der Lage, mit breitem Pinsel ein großes und prächtiges, meinetwegen auch nur impressionistisches Bild seiner kompletten Wissensdisziplin zu malen.

Der „gewöhnliche Experte“ wird einfach nur ausgelobt. Im Fernsehen – gerade die Privatsender – benutzen den Begriff ganz inflationär. Ein Experte im Fernsehen steht für die Richtigkeit der Aussagen – ein Nachweis für „Qualitätsjournalismus“. Ansonsten ist der Experte eine gelungene Marketing-Kreation. Nicht mehr und nicht weniger. Das heißt nicht, dass alle Experte keine Ahnung haben. Die aktuelle Finanzkrise zeigt aber überdeutlich, dass wir uns Experten gegenüber völlig falsch verhalten. Wir sollten eher skeptischer sein – als gläubiger. Kaum ein Problem ist so simpel, dass es von nur einem einzigen Experten beschrieben oder gar gelöst werden kann.


Nobelpreisträger in der Küche

Wenn Sie in Ihrem täglichen Leben eher weniger mit Nobelpreisträgern zu tun haben – wie wäre es mit den vielfältigen Problemen beim Einbau Ihrer neuen Küche?

Sie benötigen einen Installateur. Der hat aber keine Ahnung von Elektrik. Dann muss ein Fachmann die schönen neuen Fliesen anbringen. Schließlich kommt noch der Maler, der verputzt und alles streicht. Anschließend brauchen Sie einen Eheberater, weil die Küche doch nicht so aussieht, wie Ihre Holde es sich vorgestellt hatte.  Kämen Sie auf die Idee, diese Aufgaben einem Professor für Innenarchitektur zu übertragen? Das ist natürlich eine rhetorische Frage.


Nobelpreisträger melden Konkurs an

Ein klassisches Beispiel dafür, wie Experten sogar viele tausend Fachleute manipulieren konnten – gerade wegen ihres Nobelpreises – ist der Zusammenbruch des 1998 größten Hedgefonds: Long-Term Capital Management, kurz LTCM genannt (unter den Präsidenten waren auch Myron Samuel Scholes und Robert C. Merton, denen 1997 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde). Während der Währungskrise in Russland 1998 verspekulierten sich die Experten gehörig. LTCM stand nicht mehr genug Eigenkapital zum Ausgleich zur Verfügung und seine komplette Zahlungsunfähigkeit stand kurz bevor. In dieser Situation war ein Zusammenbrechen der US-amerikanischen und internationalen Finanzsysteme mehr als wahrscheinlich. Und das war 1998. Die ganze Börse hängt eben nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.

Wir kommen jetzt nicht wirklich weiter, wenn wir auf andere Erklärungsmuster ausweichen. Kahneman (ein berühmter US-amerikanischer Psychologe, Nobelpreis 2002) hat zum Beispiel einen schönen Spruch gemacht: „Geld wird nicht gezählt. Geld wird gefühlt.“ Und ein Hedgefond, der von zwei Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften geführt wurde, fühlte sich eben sehr gut an.


Der Wolf im Schafspelz

Und dann gibt es noch Experten, die im Namen der Wissenschaft auftreten aber eigentlich Lobbyisten sind. Da gibt es den von den Medien gerne hochgehaltenen  Rentenexperten-Professor von einer Fachhochschule der in den Medien die Vorzüge der Riesterrente auslobt. Ein genauer Blick in sein Tätigkeitsspektrum entlarvt dann aber die Versicherungsbranche als spendablen Brötchengeber (sie finanziert großzügig seinen Lehrstuhl mit, fragt um seinen Rat und lässt ihn als Referent auftreten). Doch das kriegt keiner mit.


Neonschrift im Kopf

Zweifelsohne versteht mein Arzt mehr von Bronchitis. Natürlich mein Anwalt mehr vom Erbrecht. Selbstverständlich mein Steuerberater mehr von Abschreibungen. Aber Faktenwissen ist nur eine Seite der Medaille. Weisheit und Lebensklugheit eine ganz andere. Wir schalten nur allzu gerne unseren Verstand aus, wenn uns jemand als „Experte“ gegenübertritt. Damit werden wir das willkommene Opfer von Experten. Vom Arzt, der mir als willkommenem Privatpatienten eine teure, aber auch wirkungslose Spezialtherapie verpasst. Vom Anwalt, der mir eine zu optimistische Prognose über den vielleicht zu führenden Prozess gibt. Vom Steuerberater, der mir empfiehlt in Schweinebäuche zu investieren, weil er „zufällig“ dazu auch ein „Finanzprodukt“ im Angebot hat. Wenn Ihnen in Zukunft also ein Experte gegenübersitzt – vertrauen Sie ihm ruhig – aber lassen Sie gleichzeitig vor Ihrem inneren Auge eine rote Neonschrift aufleuchten: Vorsicht Manipulation.


Literaturtipp

Wolf Erhardt: Ich mache doch, was ich nicht will. Wie wir täglich manipuliert werden und wie wir uns dagegen wehren können. 1. Auflage BusinessVillage 2011, 254 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-869801-39-1, mehr Infos direkt bei Verlag


Gastautor: Wolf Ehrhardt ist Unternehmensberater und beschäftigt sich seit über 10 Jahren mit den Manipulationsmustern der Verhaltensökonomie. Er ist Betriebswirt sowie Diplom-Ingenieur und ergänzte seine akademische Ausbildung durch einen Master in Behavioral Economics. Wolf Ehrhardt ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem „Verkaufen mit Psychologie“ und „Nicht geschenkt“.

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Ein Kommentar

  1. Eva Selan am

    … dabei liebe ich es, Experten-Interviews für das HRweb zu führen …

    Nach dem heutigen HRweb-Artikel stell ich mir die Frage: Sind meine Experten wirklichere Experten als andere Experten? Ich gehe mal in mich und komme zu dem Schluss: ja, natürlich sind meine Experten expertiger als jene, die lediglich mit einem Titel wedeln. Meine Experten haben Fachwissen. Experten-Fachwissen. Daher darf ich die Experten-Interviews weiterhin gerne führen!

    Lg, Eva Selan (GF des HRweb)

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