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HR meets Industrie 4.0 (Österreich)

# Industrie 4.0 Österreich

 

Die vierte industrielle Revolution wird seit Monaten in Medien, Politik und technischer Forschung beschworen. Wie und ob die Errungenschaften des „Internet der Dinge“ letztendlich auch bei den Mitarbeitern eines Unternehmens ankommen werden – bzw. wie sich die Arbeitswelt aufgrund von Industrie 4.0 ändern wird, war Inhalt des Expertenforum des Netzwerk Humanressourcen am 11juni2015.

Rund 45 Interessierte fanden sich auf Einladung von Dir. Dr. Josef Kinast im Siemens-Forum ein um herauszufinden, was denn Industrie 4.0 eigentlich ist und welche Auswirkungen es auf Unternehmen als Organisationen haben wird. Experten aus Forschung und Wirtschaft haben das Thema von unterschiedlichen Seiten betrachtet und diskutiert.

Keine menschenleeren Fabriken

Mag.(FH) Clemens Zierler, vom Institut für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, erklärte zu Beginn der Veranstaltung, dass Industrie 4.0 (Österreich) eine aus der IT-stammende Vision für die produzierende Wirtschaft – sprich die Industrie – sei. Eine grundlegende Änderung der industriellen Wertschöpfung durch das „Internet der Dinge“ ist zu erwarten, wenn Industrie 4.0 voll umgesetzt wird. Aber: es wird keine menschenleeren Fabriken geben! Wohl werden sich die Anforderungsprofile an Mitarbeiter – aber auch Führungskräfte – verändern. In erster Linie wird aber eine Aufqualifizierung zu erwarten sein. Hilfsarbeiten werden weniger werden, Disziplinen übergreifende Ausbildung und Arbeitsweisen sind in Zukunft zunehmend gefragt. Und: Nur durch die umfassende Einbindung der Belegschaft sowie durch Anpassung des arbeitsorganisatorischen Rahmens kann Industrie 4.0 zu einem Erfolgsmodell werden.

Kommunikation ist das A und O bei der Industrie 4.0 Österreich

Dass Industrie 4.0 nicht nur ein Zukunftskonzept ist, erläuterte in Folge DI Wolfgang Timelthaler von E+E Elektronik. Schrittweise wurde im Unternehmen ein „Industrie 4.0“-Standard eingeführt – sowohl bei Prozessen die nach außen gerichtet sind, als auch bei internen Prozessen. Kern der evolutionären Entwicklung war das Management von großen Datenmengen und die Optimierung der Fertigung aufgrund der verfügbaren Informationen aus diesen Daten.

Es wird nun wesentlich mehr Information in stark strukturierter Form bereitgestellt. Das ist einerseits eine Chance, denn „was läuft, das läuft“. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass Dinge die falsch hinterlegt sind, systematisch falsch gemacht werden. Industrie 4.0 kann also zu Fehlern 2.0 führen. Um dem entgegen zu wirken, müssen Jobprofile durch innerbetriebliche Schulungen geschärft werden und die Kommunikation in den Vordergrund rücken.

Für DI Timelthaler heißt Industrie 4.0, dass die technische Arbeitswelt wohl komplexer werden wird – die gefühlte, menschliche Arbeitswelt aber durch die Technisierung einfacher werden sollte.

Tipps für Personalisten

Hermann Studnitzka von FESTO Didactic Concepts schloss an den vorhergehenden Vortrag an und stellte fest: „Industrie 4.0 wird Mitarbeiter, Unternehmen und Bildungseinrichtungen fordern. Es geht weniger um Qualifikation als um Kompetenzentwicklung in den Bereichen Fach-, Methoden-, Sozial-, und Selbstkompetenz, die eine Interaktion Mensch und Maschine ermöglichen.“ Im Besonderen ist die HR-Abteilung gefordert diese Kompetenzen bei ihren Mitarbeitern zu entwickeln – am besten gleich in Verwendung der I4.0 Technologien. Studnitzka gab dazu wertvolle Tipps für Personalisten: „Beginnen Sie bereits jetzt mit den Mitarbeiterschulungen. Setzen Sie verstärkt auf Trainings in Richtung Entwicklung von Methoden, Fähigkeiten, Haltungen und Einstellungen, also die soziale und emotionale Bildung. Und gewährleisten Sie, dass sich Mitarbeiter über den gesamten Arbeitslebensabschnitt mitentwickeln und verändern. Überprüfen Sie die Effizienz von Bildungsmaßnahmen und etablieren Sie ein nachhaltiges Bildungscontrolling.“

Beschleunigung der Maschinen führt zur Beschleunigung der Menschen

Der kritischste Vortrag des Nachmittags kam zum Schluss. MMag. Johann Beran, Neuro- und Arbeitspsychologe, stellt sich die Frage, ob das Gehirn 1.0 mit einer Technologisierung 4.0 überhaupt umgehen kann. Das Wunschdenken, dass der Mensch in natürlicher Interaktion mit Maschinen produktiver, fehlerloser und schneller arbeitet, wird dadurch zunichte gemacht, dass das Gehirn nur das KANN was es erlernt hat. Und das orientiert sich eben nicht an geplanten Innovationen und Computerprogrammen, sondern an Wissen, Erfahrungen und Anwendungen.

Diese Erkenntnisse beruhen auf neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, welche Aufschluss über Fähigkeiten, Veränderungen und Grenzen des Gehirns geben. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse können Unternehmen im Lichte von Industrie 4.0 wichtige Anhaltspunkte liefern, wie in der künftigen Arbeitsorganisation eine (gehirngerechte) Balance zwischen Anforderung und Erholung realisiert werden kann. Denn nur so wird der technologische Fortschritt auch mit positiven Einflüssen auf Motivation, Leistung und Loyalität von Mitarbeitern in Organisationen einhergehen.

Um Arbeitswelten zu erschaffen, die nicht rein technologisch getrieben sind, sondern sich auch gleichermaßen am Menschen orientieren, müssen geeignete Organisationsstrukturen, Kompetenzen bei Mitarbeitern sowie Arbeitszeitmodelle in Organisationen entwickeln werden. Das Personalmanagement spielt laut Beran auf dem Weg zur „intelligenten Fabrik“ eine Schlüsselrolle.

Fazit

Industrie 4.0 ist derzeit noch mehr Konzept als Realität. Und wie bei Vielem, das noch nicht umgesetzt wurde, herrscht zuerst Ablehnung und Misstrauen vor. Es liegt an den Unternehmen und den HR-Abteilungen, die Möglichkeiten des Konzeptes für sich zu nutzen und zum Wohle der Mitarbeiter einzusetzen. Letztendlich werden die positiven Aspekte überwiegen und Berufe, Kompetenzen und Tätigkeiten entstehen, die aus heutiger Sicht noch nicht vorstellbar sind.

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