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New Work und die neue Mixtur von Arbeit und Freizeit

Junge Talente möchten selbstbestimmt arbeiten und gestalterisch tätig sein. Betreutes Arbeiten und Dienst nach Vorschrift sind für sie uninteressant. Sie folgen anderen Lebensentwürfen als früher. Dazu zählt auch ihr Verhältnis zu Arbeit und Freizeit.

Arbeit ist mühsam, Erfolg bedeutet Erfolg im Beruf, und erst ab 65 beginnt man zu leben: Solche Mindsets von früher sind für die junge Generation einfach uninteressant. Natürlich sind sie leistungsbereit, aber nur dann, wenn alles Berufliche zu einem befruchtenden und in hohem Maße befriedigenden Teil ihres Lebens wird. Denn Arbeitszeit ist Lebenszeit.

In den Lebensentwürfen der Millennials, ab 1985 geboren und im Internetzeitalter sozialisiert, stehen Wohlbefinden, Zeitsouveränität und privates Glück meist an vorderster Stelle. Denn nur wer gut lebt, kann auch viel leisten. Und Leistung bedeutet dabei nicht nur Arbeitsleistung, sondern auch ein gelungenes Lebenswerk.

Dieser Zustand wird das „New Normal“ sein – und die Wirtschaft der Zukunft maßgeblich prägen. So fordern die jungen Talente vehement ein, was sich die älteren Kollegen zwar ebenfalls wünschen, aber in antiquierten Systemen kaum auszusprechen wagen. Alex T. Steffen, Jahrgang 1990, hat sich in „Fit für die Next Economy“ intensive Gedanken zum Thema gemacht, die er im Folgenden nun mit uns teilt.

Für alle gleich? Auf immer und ewig?

Wir sollen alle zur gleichen Zeit zur Arbeit kommen, obwohl wir zu unterschiedlichen Zeiten produktiv sind. Wir sollen alle die gleichen Arbeitswerkzeuge verwenden, obwohl nahezu alles mit allem vernetzbar ist und jeder Mitarbeiter andere Präferenzen hat. Wir sollen alle dieselbe Führung erhalten, obwohl manche Menschen eher bei disziplinärer Führung und andere bei lockerer Führung zur Hochform kommen. Doch Bevormundung führt zur Verstümmelung des Selbstvertrauens und der Kreativität.

So mancher Manager bildet sich ein, dass über Drohungen und finanzielle Anreize alle Mitarbeiterprobleme gelöst werden können. Falsch gedacht! Heutzutage geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich der Mitarbeiter wohlfühlt, um im Team sein Bestes zu geben und sich entwickeln zu können. Und das alles so lange, bis die Zeit gekommen ist, weiterzuziehen, um sich in einem anderen Umfeld neu zu entfalten.

Doch vielfach herrscht noch immer die Vorstellung vor, dass Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber auf lange Zeit treu bleiben müssten. Weil das aber zunehmend nicht mehr der Fall ist, hören sie auf, in ihre Mitarbeiter zu investieren. In einer meiner Lieblingsanekdoten fragt der Finanzchef den Firmenchef: „Was passiert, wenn wir in die Entwicklung unserer Angestellten investieren und sie uns daraufhin verlassen?” Darauf der Firmenchef: “Was passiert, wenn wir das nicht tun, und sie bleiben?”

Lebenslanges Lernen? Völlig normal!

Wir Millennials wünschen uns eine kontinuierliche Weiterentwicklung, sei es, um unsere Arbeit professioneller fertig zu bringen oder um für den nächsten Karriereschritt gewappnet zu sein. Wir begnügen uns nicht mit dem Kenntnisstand zu einem gegebenen Zeitpunkt. In Zeiten, in denen Wissen und Können schneller veralten als jemals zuvor, ist eine solche Einstellung einfach ein Muss.

„Das ist anders in früheren Generationen”, berichtet Carine Leroy, HR-Chefin bei der Investment-Firma Sofina. „Wir müssen unsere Baby Boomer und Angehörige der Generation X oft dazu zwingen, Fortbildungen zu besuchen. Sie bleiben fern, während sich die Millennials um solche Angebote geradezu reißen.”

62 Prozent der Wissensarbeiter kümmern sich selbst um ihre Weiterbildung, und 59 Prozent entwickeln ihre Themengebiete in ihrer Freizeit weiter, so die Wissensarbeiterstudie 2017. Wer das durch zeitgemäße interne Fortbildungsprogramme unterstützt, verbessert nicht nur die Leistung der Mitarbeiter. Er stärkt auch seinen Ruf am Arbeitsmarkt und macht sich zu einem Magneten für Top-Talente.

Betreutes Arbeiten? Nein danke!

Wenn jeder zu seiner individuell passenden Zeit arbeiten, kreativ sein und schlafen könnte, wären die Ergebnisse ganz sicher besser. Stattdessen denken die meisten Arbeitgeber immer noch, ein Standardformat wie der Acht-Stunden-Tag zwischen neun und 17 Uhr sei für alle gleichermaßen ein sinnvolles Modell.

Gut, dass der technologische Fortschritt uns hilft, präzise zu bestimmen, welche Arbeitsform, welche Arbeitszeit und welcher Arbeitsort am besten für eine bestimmte Person und Aufgabe ist. Digital Natives erkunden das Gebiet der körperlichen und geistigen Arbeitsproduktivität längst ganz intensiv, zum Beispiel durch Selbstmessung am eigenen Leib.

So kann zugleich die Verantwortung übertragen und die Verpflichtung eingefordert werden, die besten Umstände für ein optimales Arbeitsergebnis frei zu wählen. Das stärkt die Selbständigkeit und fördert den Ehrgeiz. So kann man die Command & Control-Welt verlassen und eine Kultur der Selbstverantwortung implementieren.

Arbeit und Leben in Einklang? Geht!

Erwerbsarbeit kann heute auf zahlreiche Weise geschehen. Der Wechsel zwischen angestellter und selbständiger Arbeit ist relativ unkompliziert möglich. Die Auswirkungen dieser Entwicklung werden zunehmend deutlich. An die Stelle der klassischen, räumlich und zeitlich begrenzten Karrierebilder tritt eine Vielzahl von Vollzeit-, Teilzeit- und Auszeit-Modellen, die Arbeit und Lebens in Einklang bringen.

Besonders junge Mitarbeiter sind jederzeit und überall einsatzfähig. Der feste Büroarbeitsplatz wird von ihnen meist nicht mehr benötigt. Arbeit kann so zu einem Teil unserer Lebensqualität werden. Eine sinnvolle Taktung zwischen Arbeit und Leben, die für unsere Urahnen selbstverständlich war und erst im Industriezeitalter zerlegt worden ist, kann wieder entstehen.

Für flexible Arbeitsmodelle sind wir bereit, härter zu arbeiten. Ein Beispiel ist die Berliner Agentur Frische Fische, bei der der Geschäftsführer die Vier-Tage-Arbeitswoche eingeführt hat. Die Mehrheit der Belegschaft arbeitet je zehn Stunden an vier Tagen, dann folgen drei freie Tage am Stück. Diese Variante zeigt, dass das traditionelle Fünf-plus-Zwei-Modell ernsthafte Konkurrenz bekommen hat.

Daueranwesenheit? Wozu denn?

Wer unser ganzes Können will, sollte sich besser von altmodischen Arbeitsmustern trennen. Die mögen im Industriezeitalter sinnvoll gewesen sein, doch heute sind sie ein Rohrkrepierer. Kreativität und Hingabe gedeihen nun einmal nicht nach Stundenplan und auf Befehl. Pure Anwesenheit ist kein Garant für Leistung. Das leuchtet wohl jedem ein. Wieso ist sie dann der allseits anerkannte Maßstab dafür?

Die Unternehmensverantwortlichen stehen definitiv vor der Aufgabe, ihre Arbeitszeitmodelle neu zu definieren. Je nach Branche, Geschäftszweck und Kundenstruktur ist das natürlich verschieden. Doch infolge der globalen ökonomischen Verflechtung und der zunehmenden Zahl ausgelagerter Dienstleistungen ist die räumliche Nähe für den Arbeitserfolg schon lange keine Anforderung mehr.

Studien zeigen zudem, dass die Verschmelzung von Arbeitszeit und Privatleben in den meisten Fällen zugunsten des Arbeitgebers ausfällt. Den berühmten „Feierabend“ gibt es nicht mehr. Da nun die Mitarbeiter den Unternehmen Privatzeit schenken, müssen die Unternehmen ihren Mitarbeitern auch Eigenzeit während der Arbeit schenken. Eine perfekte Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit ist damit nah.

 


Das Buch „Fit für die Next Economy“

Anne M. Schüller, Alex T. Steffen: Fit für die Next Economy. Zukunftsfähig mit den Digital Natives. Wiley Verlag 2017, 272 Seiten, 19,99 €, ISBN: 978-3527509119. Zur Bestellung: http://www.anneschueller.de/shop.html


 

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