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Der „Gesprächsproberaum“: Kaderschmiede gegen Killerphrasen und andere schwere Kaliber

6Mär2026
6 min
Gesprächsproberaum, Karin Lebenbauer

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Man kann ins Schwitzen kommen. Auch als Kommunikationsprofi, routinierter Speaker oder souveräne Moderatorin. Nämlich wenn es peinlich und brenzlig wird. Passende und wirksame Reaktionen kann man aber im „Gesprächsproberaum“ trainieren. Wie, das lesen Sie hier …

Gast-Autorin

Karin Lebenbauer, MSc ist selbständige Organisationsberaterin, Trainerin und Moderatorin. Über 25 Jahren Erfahrung bringt sie mit in den Bereichen strategische Personalentwicklung, Change Management, Führungskräfteentwicklung, Kommunikationstraining sowie der Konzeption und Moderation innovativer, interaktiver Großgruppenveranstaltungsformate. Ihre große Leidenschaft sind kreative, lebendige, unkonventionelle Lern-Formate. Heute arbeitet sie für Menschen, Organisationen, Projekte, Branchen und Initiativen, denen es ein Anliegen ist, einen Beitrag zu nachhaltiger, regenerativer Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten.

www.karin-lebenbauer.at

Karin Lebenbauer, Gesprächsproberaum, Business Coach

Kann bitte jemand die Stopp-Taste drücken …

Wie beim Tennis-Finale in Wimbledon bewegen sich die Augenpaare der 150 Konferenzgäste hin und her. Zwischen dem honorigen Professor, der schon viel zu lange spricht und der Moderatorin. Denn sie hat es in der Hand. Das zweite Mikro. Und die Aufgabe, ihn zu unterbrechen. Er hätte nur ein paar Begrüßungsworte sagen sollen. Zur heutigen vom Neurologie-Fachvorstand lange geplanten interaktiven Open Space Konferenz, wo sich Ärzte und Patienten zum Thema Kopfschmerz austauschen wollen, um innovative Therapieansätze zu finden.

Jetzt sagt der 82-Jährige auch noch, dass er nun seine langjährige Expertise zum Besten geben wird. Dabei wurde er 3 Mal im Vorfeld gebrieft. Telefonisch. Schriftlich und 10 Minuten vor Beginn auch noch persönlich. Aber jetzt bereits 15 Minuten Monolog. Was die Sache nicht leichter macht, seit 5 Monaten ist er emeritierter Professor der Medizinischen Universität. Und hat wohl daher schon wieder Sehnsucht nach Bühne und Aufmerksamkeit.

Wie dafür sorgen, dass jetzt die Workshops starten? Wie klar machen, dass es heute nicht um noch mehr Expertenwissen sondern um die Erfahrungen der Patienten geht?

7 Rettungsbojen zum Festhalten …

Die Moderatorin reißt es hin und her. Soll sie auftragsgemäß dafür sorgen, dass der Open Space beginnt? Oder soll sie dem Professor aus Respekt noch ein bisschen Bühne geben? Aber wie geht sich dann das geplante Programm aus?

Einen konkreten Gesprächsleitfaden – wie ich ihn in den beiden vorangegangenen Artikeln zu „entwicklungsorientierten Kritikgesprächen“ sowie „Kunden-Deeskalation“ gezeigt habe – gibt es hier zwar nicht, aber dafür ein paar Rettungbojen, an denen man sich festhalten kann:

  1. Vogelperspektive: Worum geht´s heute? Was ist das Ziel der Veranstaltung? Können wir das auch mit kleinen Abweichungen erreichen? Kann ich den Professor noch reden lassen? Die Mittagspause kürzen?
  2. Gemeinsamkeiten beim Anliegen suchen, um eine Beziehungsbrücke zu bauen. Dem Professor geht´s ja auch um die Linderung von Kopfschmerzen für Patienten.
  3. Die Mimik der anderen Gäste lesen: Da steht bereits in Leuchtschrift: Bitte liebe Moderatorin stell den Professor ab!
  4. Allerdings macht das der folgende Grundsatz etwas schwierig: Niemanden niemals vor Publikum das Gesicht verlieren lassen!
  5. Versuchen Sie ebenfalls nie mit einem schlagfertigen Sager auf Kosten einer Person auf der Bühne zu punkten. Denn der „Return“ kommt mit Garantie. Und könnte persönlich oder auf Social Media sehr weh tun.
  6. An die Wirklichkeit und momentane Komfortzone des Professors andocken. Er glaubt ja, dass er gerade etwas Gutes tut.
  7. Und auch wenn´s alte Hüte sind: Mut kann man nicht kaufen. Und: You cannot be everybody´s darling.

Killerphrasen sind eigentlich Kinderkram

Wenn ich einen Gesprächsproberaum für Kommunikationsprofis leite – zum Beispiel für firmeninterne Moderatoren, Projektmanager, interne Berater, Trainer oder für Master-Studierende im Fachbereich Organisations- und Personalentwicklung – dann verwenden wir viel Zeit für das Reflektieren über eigene Grundannahmen und für das Antizipieren möglicher Wirkungen unterschiedlicher „Sager“. Denn wie so oft im Leben (ver)stecken (sich) Lösungen oft im eigenen Mindset, der subjektiven Wirklichkeit.

Beschäftigen wir uns mal mit „einfachen“ Killerphrasen: Jede Killerphrase serviert den Lösungsansatz eigentlich sofort am Silbertablett. Man muss nur die Wahrnehmung darauf richten und sich nicht fürchten wie das Kaninchen vor der Schlange.

Hier ein paar Beispiele inklusive „lösungsorientierte Rückfrage“:

  1. Das geht sich doch nie bis nächste Woche aus! ⇒ Bis zu welchem Termin könnte es aus Ihrer Sicht funktionieren?
  2. Das ist viel zu teuer! ⇒ Welches Budget haben Sie sich konkret vorgestellt?
  3. Lernen Sie mal die Unternehmensgeschichte, bevor Sie g‘scheit daherreden! ⇒ Welche Ereignisse in der Vergangenheit sind aus Ihrer Sicht wichtig, um über diese Bescheid zu wissen und in welcher Form könnten sie das Projekt in Zukunft beeinflussen?

40:0 – in Wimbledon also fast schon der Satz-Sieg.

Hat man den Dreh mit den Killerphrasen einmal raus, ist das eigentlich Volksschul-Niveau. Und beim witzigen “Killerphrasen-Speed-Dating“ kann man im Gesprächsproberaum fast schon eine hinterlistige Freude am Kontern entwickeln …

So funktioniert der Gesprächsproberaum:

Wie ist das Format „Gesprächsproberaum“ entstanden?

Ich habe vor rund 20 Jahren begonnen, Führungs-, Kommunikations- und Moderationstrainings zu halten. Und von Beginn an habe ich den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Praxissituationen einzubringen.

Über die Jahre wurde der „pure Praxis-Teil“ immer größer, bis ich dann meine Erfahrungen aus dem Improvisations- und Forumtheater und das Format des Peer Group Learnings (kollegiale Fallberatung) zum „Gesprächsproberaum“ kombiniert habe.

Was ist das Besondere am Gesprächsproberaum?

Zu Beginn gibt es keine trockene Theorie. Stattdessen werden herausfordernde Beispiel-Situationen der Teilnehmenden gesammelt. Dazu passend gibt es hilfreiche Grundprinzipien für die Herangehensweise und ein paar Geschichten aus meiner persönlichen Praxis. Dann geht es sofort ins Tun.

Ich verwende keine Rollenspiele aus der Schublade, sondern inszeniere spontan mit den Teilnehmenden ihre Echtsituationen. Der große Vorteil: Die Teilnehmenden müssen zum Üben keine Rolle spielen, sie bleiben ganz sie selbst. In den Part der „Gegenspieler“ gehen eine Co-Trainerin oder auch die anderen Kollegen.

Die zu übende Situation beginnt – und mit den Funktionen „Pause, Zurückspulen und Wiederholung“ entsteht im gemeinsamen, kollegialen Beobachten und Reflektieren eine Vielfalt von neuen Handlungsmöglichkeiten.  

Und wenn die harte Nuss gar nicht zu knacken ist, darf – angelehnt an das Forumtheater – ein Teilnehmer auch die Eject-Taste drücken: Er kann Kollegen „von der Ersatzbank“ bitten, einzuspringen und Ideen für die Handhabung der Situation zu zeigen.  

Lernformat & erwünschte Nebenwirkungen

Im Gesprächsproberaum bekommen interne Berater, Trainer, Projektleiter und Moderatoren, also eben auch die Profis, mal Zeit, Best Practices auszutauschen und voneinander zu lernen. Rollenstärkung und Know-How-Multiplikation im Unternehmen wird so gleich mitgeliefert.

Das Setting ist anspruchsvoll und dennoch mit Humor gemixt. Es wird in kleinen Gruppen von 5 bis max. 9 Personen gearbeitet. Ausschließlich live in Präsenz. Ein streng-vertraulicher Rahmen ist zwingend. Ein anlassbezogenes, individuelles Moderations-Coaching für große Auftritte kann eine sinnvolle Ergänzung sein.

Matchball: Ein bisschen Honig und ein geheimer Komplize …

Nach einem er-MUT-igenden Training im Gesprächsproberaum macht die Moderatorin bei der Neurologenkonferenz dann Folgendes: Sie überlegt, dass Kaffee- und Mittagspause zusammen einen Zeitpolster von locker 25 Minuten hergeben. Daher lässt sie den Herrn Professor noch ein paar Minuten sprechen.

Im dunkleren, hinteren Teil des Konferenzraumes verbündet sie sich mit dem Tontechniker.

Dann wartet sie auf den richtigen Moment. Als der Professor einen Gedankengang zu Ende führt und auch mal wieder einatmen muss, schreitet sie beherzt, ohne körpersprachliches Zögern auf die Bühne und sagt laut in ihr Handmikro:

Sehr geehrter Herr Professor, wir sehen, wie Sie sich mit Ihrem wertvollen Wissen und Ihrer langjährigen Erfahrung so engagiert für die Kopfschmerzpatienten einsetzen.

Und das wollen wir alle, die heute hier sind, Ihnen gleichtun. Daher starten wir nun programmgemäß mit der Themensammlung für die Open Space Workshops.

Ich sage im Namen von allen Gästen ein ganz großes Dankeschön für Ihren Beitrag und bitte um einen ganz großen Applaus für unseren Herrn Professor!

Und in diesem Moment erlischt am Rednerpult das kleine grüne Lämpchen am Schwanenhalsmikrofon – ganz wie von Zauberhand.

Der „Gesprächsproberaum“: Kaderschmiede gegen Killerphrasen und andere schwere Kaliber

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