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Arbeit neu denken | Die Skizze und der Befund

17Sep2026
6 min
Zukunft Skizze

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Was über die Zukunft der Arbeit behauptet wird, was sich messen lässt, und was daraus für Einzelne folgt.

Zwischen Prognose und Realität

Die Zukunftsforschung hat sich in den vergangenen Monaten festgelegt. Um 2035 herum, so die derzeit prominenteste Skizze, kippt es. Die acht Stunden Lohnarbeit verschwinden schrittweise, die Wertschöpfung entsteht dann nicht mehr aus menschlicher Arbeit, sondern aus Kapitaleinsatz in Maschinen und Systeme. In den Haushalten stehen humanoide Roboter, die Wäsche waschen und den Kalender führen, zu einem Preis, der einer Handyrechnung entspricht. Wer sich rechtzeitig an dieses Wachstum anschließt, wird wohlhabender als je zuvor. Wer es nicht tut, wird schlicht kein Geld haben.

Das ist eine kraftvolle Erzählung, und sie ist nicht aus der Luft gegriffen. Sie entsteht aus Interviews mit den Strategie- und Innovationsverantwortlichen jener Unternehmen, die derzeit die größten Summen in diese Technologien stecken. Genau das ist aber auch ihre Grenze. Was dort erhoben wird, sind die Erwartungen der Investierenden. Eine Skizze der Zukunft ist damit vor allem ein Abbild dessen, was heute jemand vorhat.

Eine Prognose misst nicht die Zukunft. Sie misst, was jemand mit seinem Geld vorhat.

Wie zuverlässig das ist, hat kürzlich einer der Beteiligten selbst eingeräumt. Hätte man 2019 das heutige Modell gezeigt, so der Chef eines der führenden KI-Unternehmen, hätten alle gesagt, die Wirtschaft werde umgestülpt. Eingetreten ist das nicht. Wer so falsch und so sicher gewesen sei, müsse seine Annahmen anpassen.

Die Jahreszahlen werden dabei kürzer. Wo zuletzt 2035 im Raum stand, ist inzwischen von 2027 die Rede, ohne dass jemand eine Prognose widerrufen hätte. Im Umlauf ist derzeit jede Zahl dazwischen, und daneben die Auffassung, es komme überhaupt nicht. Weitergetragen wird die knappste. Widersprochen wird ihr nicht, korrigiert wird sie nicht, und beim nächsten Mal ist sie der Ausgangspunkt.

Was sich tatsächlich messen lässt

Neben den Skizzen gibt es Daten. Das Stanford Digital Economy Lab wertet Lohnverrechnungsdaten von mehreren Millionen Beschäftigten in den USA aus, zuletzt bis Juni dieses Jahres. Gesamtwirtschaftlich ist von Verdrängung nichts zu sehen, die Beschäftigung wächst. Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen liegt allerdings neunzehn Prozent unter dem Stand, den sie bei gleichem Verlauf wie die weniger exponierten Vergleichsgruppen hätte.

Entscheidend ist, wie dieser Rückgang zustande kommt. Nicht durch Kündigungen. Er entsteht durch unterbliebene Einstellungen. Es wird niemand abgebaut, es kommt nur niemand mehr nach. Die Autor:innen nennen ihre Befunde ausdrücklich beschreibend und nicht ursächlich, ein Teil des Effekts löst sich unter Kontrolle des Bildungsniveaus auf, und es sind US-Daten. Übertragbar ist nicht die Größenordnung, sondern die Form: sichtbar am Eingang, unsichtbar in der Gesamtstatistik.

Die Verdrängung, über deren Zeitpunkt alle streiten, beginnt nicht dort, wo Menschen ihre Arbeit verlieren, sondern dort, wo sie keine bekommen. Und sie taucht in keiner Statistik auf, die Arbeitslosigkeit misst.

Und dann kommt Europa dazu

Für den europäischen Arbeitsmarkt kommt eine zweite Bewegung hinzu, und sie läuft in die entgegengesetzte Richtung. Das AMS hat die Erwerbspersonen bis 2050 fortgeschrieben. Bei den 15- bis 34-Jährigen wird ein Minus von neun Prozent erwartet, im mittleren Alter ein Minus von drei Prozent, bei den Über-55-Jährigen ein Plus von 9,9 Prozent, bei den Frauen dieser Gruppe sogar von achtzehn.

Der Eingang schließt sich also, und derselbe Arbeitsmarkt rechnet fest damit, dass die Älteren länger bleiben. Die Zukunftsskizze geht genau vom Gegenteil aus. Sie erklärt, warum bis 2035 keine Massenarbeitslosigkeit sichtbar werde: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension und federn die wegfallenden Stellen ab. Für Österreich ist dieser Puffer dünner als angenommen, denn das gesetzliche Antrittsalter der Frauen wird gerade schrittweise angehoben. Die Älteren gehen nicht. Sie müssen bleiben.

Verfügbar heißt nicht beschäftigt

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Definition. Als Erwerbspersonen gelten Selbständige und mithelfende Familienangehörige, unselbständig Beschäftigte sowie Arbeitslose. Die Kategorie misst, wer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, nicht wer dort tätig ist.

Die Prognose sagt nicht, dass mehr Ältere arbeiten werden. Sie sagt, dass mehr Ältere zur Verfügung stehen werden.

Der Zuwachs bei den Frauen entsteht aus der Anhebung des Pensionsantrittsalters. Das ist ein Rechtseffekt, kein Nachfrageeffekt. Die Menschen bleiben nicht länger, weil jemand sie will, sondern weil sie nicht gehen dürfen. Wie weit Verfügbarkeit und Beschäftigung auseinanderliegen, zeigt der laufende Bestand: Von den arbeitslos vorgemerkten Personen ab sechzig sind 55 Prozent langzeitbeschäftigungslos, über alle Altersgruppen sind es 34 Prozent.

Damit daraus Beschäftigung wird, müsste einiges zusammenkommen, und nichts davon ist neu. Recruiting müsste aufhören, Alter als Ausschlussgrund zu behandeln. Erfahrung müsste bewertbar werden. Ausbildungs- und Karrierewege müssten jenseits von fünfzig offen bleiben. Es bräuchte Arbeitsplätze, die vierzig Berufsjahre zulassen, und eine Betreuungsinfrastruktur, ohne die die Erwerbsbiografien von Frauen Lücken behalten, die später zu Pensionslücken werden.

Diese Liste steht in jedem einschlägigen Bericht. Ein Anreizsystem, das Betriebe für die Beschäftigung Älterer belohnen und für deren Fehlen belasten sollte, wurde vor zehn Jahren beschlossen und nie in Kraft gesetzt. Es wird derzeit erneut gefordert. Gleichzeitig verteuert die laufende Budgetkonsolidierung die Beschäftigung Älterer und kürzt die Mittel für Wiedereingliederung.

Auch die Verwaltung selbst geht in die andere Richtung. Eine derzeit im Parlament liegende Novelle sieht vor, dass Bescheide künftig ohne menschliche Einzelfallprüfung ergehen können; die Forderung, die abschließende Entscheidung bei einem Menschen zu belassen, wurde nicht übernommen. Der Entwurf räumt eine höhere Fehleranfälligkeit ein und gibt der Behörde zwei Monate zur Aufhebung, der Bürgerin zwei Wochen. Das Urteil verschwindet nicht. Es wandert dorthin, wo weniger Kapazität ist.

Was daraus folgt

Man muss sich zwischen den Skizzen nicht entscheiden. Ob 2027 der Kipppunkt ist oder 2035 oder gar keiner, lässt sich heute nicht wissen, und wer es behauptet, verkauft eine Erwartung als Befund. Zusammenrechnen lässt es sich trotzdem. Der Einstieg wird schmaler, und zwar messbar. Der Verbleib der Älteren wird vorausgesetzt, ohne dass Nachfrage entsteht. Die Bedingungen, unter denen beides aufginge, sind seit einem Jahrzehnt bekannt und treten nicht ein.

Für den Einzelnen ergibt das eine ernüchternde, aber übersichtliche Lage. Wer sein Einkommen aus einer Anstellung bezieht und diese verliert, hat in einer schrumpfenden Nachfrage zwei Möglichkeiten: arbeitslos gemeldet zu sein oder auf eigene Rechnung zu arbeiten. Die dritte Möglichkeit, sich über Kapitaleinsatz an das Wachstum anzuschließen, wie es die Zukunftsskizzen empfehlen, setzt voraus, was bei den meisten fehlt. Sie ist ein Rat für Menschen mit Rücklagen.

Wie die zweite Möglichkeit aussieht, lässt sich bereits messen. Im Jahresdurchschnitt gehen 88.600 Personen ab dem 65. Lebensjahr in Österreich einer Erwerbstätigkeit nach. 61,1 Prozent von ihnen tun das als Selbständige oder mithelfende Familienangehörige. Wer jenseits von 65 arbeitet, arbeitet mehrheitlich nicht im Angestelltenverhältnis. Das ist kein Ideal, sondern der gemessene Ist-Zustand.

Bleibt die Frage, was man daraus für sich selbst macht. Diese Reihe landet regelmäßig an dieser Stelle, und das hat einen Grund: Es ist die einzige Stelle in der ganzen Rechnung, an der überhaupt jemand entscheiden kann. Nicht: auf welches Jahr man sich einstellt, denn das weiß niemand. Sondern: woran das eigene Einkommen hängt, wie viele Auftraggebende es hat, wie schnell es sich verlagern lässt, wenn sich die Bedingungen ändern. Beweglichkeit ist unter volatilen Verhältnissen nicht nur Tugend, sondern eine Rechengröße.

Keine der Skizzen rechnet für den Einzelnen. Das muss jede und jeder selbst tun. Selbst heißt aber nicht allein.

Arbeit neu denken | Die Skizze und der Befund

Quellen

  • AMS Österreich, Spezialthema 03/2026 auf Basis der Erwerbspersonenprognose der Statistik Austria
  • Statistik Austria, Ältere Erwerbstätige 2023
  • arbeit plus auf Basis AK Arbeitsmarktmonitor 2025 und AMS-Daten
  • Brynjolfsson, Chandar & Chen, „Canaries in the Coal Mine?“, Stanford Digital Economy Lab, Fassung August 2026
  • at zur Novelle des Allgemeinen Verwaltungsverfahrensgesetzes, September 2026
  • veröffentlichte Interviews mit Vertreter:innen der Zukunftsforschung und der KI-Industrie, 2026
  • Transparenzhinweis: Die Stanford-Untersuchung verwendet unter anderem ein Expositionsmaß des KI-Unternehmens Anthropic.

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