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Benefits und Herausforderungen von Bikulturalität

17Mär2026
5 min
Bikulturalität, Karin Schreiner

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Durch Zuwanderung, bikulturelle Partnerschaften, Vertreibung und auch Flucht leben heute zahlreiche Menschen im Spannungsfeld zweier Kulturen. Welche Vorteile und Herausforderungen bringt ein solches Leben?

Autorin: Dr. Karin Schreiner ist interkulturelle Consultant und Coach (www.iknet.at)

Wie können Wertehaltungen und Einstellungen zweier unterschiedlicher Kulturen in einer Person in Einklang gebracht werden? Was macht eine Bikulturalität mit den Menschen und wie wirkt sie sich auf ihre Identität aus? Diesen Fragen gehe ich im Folgenden nach. Denn Bikulturalität ist in unserer Gesellschaft häufiger als gedacht.

  1. Vorteile und Herausforderungen von Bikulturalität
  2. Vorteile im Arbeitskontext
  3. Vorteile für die Gesellschaft

1. Vorteile und Herausforderungen von Bikulturalität

Von außen betrachtet erscheint Bikulturalität attraktiv: Man kennt sich in zwei Kulturen aus, ist zweisprachig und erscheint weltoffen. Das kann zu Bewunderung führen.

Leben in zwei Kulturen erweist sich bei genauerer Betrachtung als Spannungsfeld, das sowohl Vorteile als auch Herausforderungen mit sich bringt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Profunde Kenntnisse in zwei Kulturen,
  • Mehrsprachigkeit,
  • Fähigkeit zum Perspektivenwechsel durch das ständige Switchen zwischen den beiden Kulturen und Sprachen.

In zwei Kulturen sozialisiert zu werden bedeutet, diese zwei Kulturen besonders gut zu kennen und über sie implizites Wissen zu haben. Das bedeutet ein profundes Verständnis für die jeweiligen Wertehaltungen, die auch sehr gegensätzlich sein können.

Mehrsprachigkeit ist ein weiterer Vorteil, sofern beide Sprachen sehr gut beherrscht werden.

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsels ergibt sich daraus, dass bikulturelle Personen ständig zwischen ihren Kulturen und Sprachen hin und her switchen. Sie sehen immer auch durch einen anderen Blickwinkel und haben damit mehrere Sichtweisen. Damit verfügen sie über ein erhöhtes Verständnis für kulturelle Unterschiede. Das kann in schwierigen Situationen deeskalierend wirken.

Herausforderungen

Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich auch Herausforderungen. Ein Leben in zwei Kulturen kann zu inneren Konflikten und Identitätsproblemen führen. Bikulturalität wird zuweilen als Spaltung, als zwei Ichs oder als ein Leben in zwei Welten und als Nicht-Zugehörigkeit weder in der einen noch in der anderen Kultur erlebt.

Das kann zu Orientierungslosigkeit und schließlich auch zu einer Identitätskrise führen. Man erlebt, wie man sich je nach kulturellem Kontext unterschiedlich verhält und widersprüchliche Wertehaltungen einnimmt. Die Folge davon kann das Fehlen einer eindeutigen Verortung der eigenen Identität sein, die wichtig ist, um sich als kohärente Person zu fühlen. Man pendelt zwischen zwei Kulturen hin und her, lebt beide, fühlt sich jedoch weder da noch dort zugehörig.

„Ich fühle mich wie ein Chamäleon“ ist eine häufige Beschreibung von Betroffenen. Die ständige Veränderung des eigenen Verhaltens in unterschiedlichen kulturellen Kontexten kann den Eindruck entstehen lassen, die eigene Identität nicht zu fassen oder nicht auf den Punkt bringen zu können. Die eigene Anpassungsfähigkeit wird als nicht-Erfassen-Können der eigenen Identität erlebt. Darin liegt einer der größten Herausforderungen von Bikulturalität.

2. Vorteile im Arbeitskontext

Im Arbeitskontext erweist sich Bikulturalität als wertvolle Ressource, die zuweilen nicht vollständig erkannt wird. Mehrere Aspekte sind zu erwähnen:

Mehrsprachigkeit

Allen voran ist Mehrsprachigkeit ein gewinnbringender Vorteil. Häufig werden Personen eben wegen ihrer Mehrsprachigkeit eingestellt. „Ich werde wegen meiner Sprachkenntnisse oft im Kundenservice eingesetzt“, so eine häufige Beschreibung des Arbeitsspektrums. In sämtlichen Service- und Dienstleistungsbereichen ist Mehrsprachigkeit heute ein anerkannter Vorteil, so vor allem im Gesundheitsbereich. Eine kultursensible Betreuung von Patienten wird durch die entsprechenden Sprachkenntnisse unterstützt.

Kulturwissen

Mehrsprachigkeit geht mit profundem Kulturwissen einher. Bikulturelle Personen kennen ihre Kulturen sehr gut und haben implizites Wissen über sie aufgebaut. Daher können sie im Arbeitskontext auch Brückenbildner zwischen den Kulturen sein. Da sie selbst permanent zwischen ihren Kulturen switchen, beherrschen sie die Fähigkeit des Perspektivenwechsels. Dieser ist eine unverzichtbare Komponente interkultureller Kompetenz.

Bikulturelle Personen nehmen ständig eine Sowohl-als-Auch Haltung ein: Es sind für sie immer mehr Perspektiven möglich, da sie Probleme oder Sachverhalte aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen können. Sie sind die idealen kulturellen Brückenbauer, allen voran in multikulturellen Teams.

Erkennen der Komplexität von Kulturen

Bikulturelle Personen erkennen Kulturen in ihrer Komplexität und verstehen kulturelle Unterschiede immer kontextbezogen. Daher sind sie in einem Arbeitskontext sehr wertvoll, da sie ihren Kollegen und Kolleginnen kulturelle Unterschiede in verschiedenen Bereichen fundiert erklären können. Sie erkennen Unterschiede auch dort, wo andere blinde Flecken haben, und können so unterschiedliche Wertehaltungen aufzeigen, die sonst verborgen bleiben würden. Denn häufig sind in der internationalen Zusammenarbeit Praktiken oder Vorgangsweisen so selbstverständlich, dass sie nicht extra erwähnt werden, da davon ausgegangen wird, dass es so überall normal ist.

In jeder Kultur bestehen solche Bereiche, die nicht hinterfragt werden, auch nicht in einer internationalen Zusammenarbeit. Genau um diese Schnittstellen geht es, die in einem interkulturellen Setting bewusst gemacht werden sollen. Bikulturelle Personen können als kulturelle Brückenbauer fungieren und durch ihre Fähigkeiten, zwischen kulturellen Referenzrahmen zu switchen, wertvolle Beiträge zur Kulturvermittlung in einem Arbeitskontext leisten.

Darüber hinaus erweist sich ihr multi-perspektivischer Blick im Kontext von Innovation und Ideenentwicklung als unverzichtbar, eben weil durch Bikulturalität immer mehrere Perspektiven gesehen und eingebracht werden.

Bevorzugung von kultureller Diversität

Bikulturelle Personen schätzen eine kulturell vielseitige Umgebung und fühlen sich darin besonders wohl. Ein wichtiger Aspekt im Arbeitskontext ist daher, bikulturelle Personen in ihrem Selbstbewusstsein zu fördern. Das kann im Kontext von Diversitätsmanagement erfolgen, wenn es darum geht, kulturelle Vielfalt im Unternehmen voranzutreiben. Für bikulturelle Personen ist die Gleichwertigkeit aller Kulturen selbstverständlich, da sie sie leben. Sie wären sicher ideale Botschafter für kulturelle Vielfalt, um glaubhaft zu zeigen, dass ein Unternehmen darauf viel Wert legt.

3. Vorteile für die Gesellschaft

Auf gesellschaftlicher Ebene bieten bikulturelle Personen viele Vorteile. Hier einige Aspekte:

Interkulturelle Kompetenz

  • Profundes Verständnis für unterschiedliche Kulturen
  • Mehrsprachigkeit
  • Toleranz und Respekt
  • Präferenz für kulturell diverse Umgebungen
  • Kulturelle Brückenbauer
  • Prädestiniert, um interkulturelle Konflikte zu lösen

Schaffen von Synergien

Ein weiterer Mehrwert von Bikulturalität besteht darin, dass Synergien als Vermischung beider Kulturen entstehen können und dabei durchaus kreative Lösungen gefunden werden. Bei diesem synergetischen Prozess des Zusammenführens verschiedener Aspekte aus unterschiedlichen Kulturen ist der Ausgangspunkt pluralistisch. Nicht mehr eine Kultur bildet den Referenzrahmen, sondern zwei oder mehrere.

Bikulturalität erweist sich als Internalisierung beider Kulturen, die nicht mehr getrennt voneinander gesehen werden können. Sie wird als etwas Fluides, Hybrides, Ineinander-Gehendes erlebt. Bikulturalität wird somit als Synergie erfahren. Die Kulturen werden als vermischt und überlappend wahrgenommen und nicht als fragmentarisch oder konkurrierend. Diese Erfahrung legt den Grundstein für ein tiefes Verständnis für Kulturen und kulturelle Unterschiede und ist in einer multikulturellen Gesellschaft unverzichtbar.

Förderung von Diversität

Diversität zieht bikulturelle Menschen an, sie fühlen sich in so einer Umgebung wohl. Sie profitieren von den Ressourcen und der Vielfältigkeit ihrer gewählten Umgebung im Beruflichen wie im Privaten. Im Gegenzug bringen sie durch ihre Bikulturalität profundes kulturelles Verständnis und Offenheit mit.

Genau diese Normalität von kultureller Diversität ist für eine Gesellschaft besonders relevant, weil die vielfältigen Sichtweisen selbstverständlich sind und als Ressource für die Zusammenarbeit gesehen werden.

Benefits und Herausforderungen von Bikulturalität

Quelle

Karin Schreiner, Bikulturalität: Lost in Cultures? Eine unerkannte Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft. Neofelis Verlag, Berlin 2026, ISBN-13: ‎ 978-3958086180

Bikulturalität, Karin Schreiner: Buchcover

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