Die multiplen Krisen der letzten Jahre haben nicht nur die Weltwirtschaft belastet oder den Spritpreis in die Höhe getrieben. Sie haben auch unseren Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen nachhaltig verändert. Leider nicht zum Besseren.
Das Zeitalter der Extreme zeigt sich zunehmend in unserer Konfliktkultur. Konflikte geraten schneller außer Kontrolle: Sie spitzen sich zu, kreisen um das eigene Ich und werden rasch moralisierend geführt. Zumindest ist das meine Wahrnehmung als Konfliktberater.
Was aber geschieht mit einer Gesellschaft, in der Egozentrik und moralische Überhöhung zunehmen?
Wenn Haltung zu Spaltung führt
Die unberechenbare Zeit hat auch tiefe Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Jahre der Unsicherheit nagen an unserer Resilienz, weil wir uns im Dauerstress befinden. Was dazu führt, dass wir Widersprüche immer weniger aushalten und auch nicht diskutieren wollen. Moralische Haltung bietet hier eine einfache Orientierung. Dafür oder dagegen, richtig oder falsch – Abstufungen dazwischen werden nicht gesehen und nicht hinterfragt.
Dieses Schwarz-Weiß-Denken führt sehr häufig dazu, dass Andersdenkende nicht mehr als Gesprächspartner wahrgenommen werden, sondern als Problem. In meist hoch emotionalen Diskussionen wird nicht nach Lösungen gesucht, sondern nach Zustimmung. Wer widerspricht, gilt als unsensibel, falsch informiert oder zumindest als moralisch fragwürdig.
Die Folge? Auf der Suche nach Orientierung und Sicherheit meiden wir einen sinnvollen, aber zeitaufwendigen Dialog und holen uns dafür Bestätigung bei Gleichgesinnten. Diese Dynamik fördert Blasenbildung und das Entstehen von immer mehr Subkulturen in unserer Gesellschaft. Anstelle von Vielfalt tritt Zersplitterung.
Die Ironie hinter dieser Entwicklung: Getrieben vom moralischen Anspruch entstehen neue Formen der Stigmatisierung. Bestes Beispiel das Thema Energiewende: Während deren Kritiker schnell als rückständig abgestempelt werden, bezeichnet man deren Befürworter häufig als radikale Idealisten. Welche Argumente und Bedürfnisse hinter diesen Haltungen stecken, interessiert niemanden in den jeweiligen Bubbles.
Der digitale Buddy als Egoismus-Verstärker
Aber nicht nur das zunehmende Schwingen der Moralkeule erschwert den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Auch ein ausgeprägtes „Meine Sicht ist die einzig richtige“-Mindset ist sehr häufig zu beobachten. An dieser Entwicklung hin zu mehr Egozentrik in unserer Gesellschaft haben die digitalen Kommunikationskanäle einen beträchtlichen Anteil.
Waren es bei Facebook noch die erhaltenen Likes, die den eigenen Selbstwert gepusht haben, stehen mit zunehmender KI-Nutzung regelrechte Ego-Booster ante Portas. Egal ob Claude, ChatGPT oder You Chat – allen KI-Chatbots (LLM’s) ist eines gemeinsam: Deren Algorithmen sind in der Regel danach ausgelegt, Antworten so anzupassen, das sie mit der Sichtweise bzw. der Meinung des Users übereinstimmen.
Wohin dieses Sycophancy (Speichellecken) führt, lässt sich u.a. in einer aktuellen Studie der Universität Standford nachlesen https://science.orf.at/stories/3234792/. Zentrale Aussage der Studie: „Chatbots haben im Schnitt 49 Prozent öfter die Fragesteller in ihrer Haltung bestätigt als eine Vergleichsgruppe von Menschen, denen die gleiche Frage gestellt wurde.“ Oder anders gesagt: Die Gefahr, dass nach Nutzung einer „Schmeichel-KI“ nur die eigene Meinung zählt, ist entsprechend groß.
Für die Konfliktkultur einer Gesellschaft birgt die zunehmende KI-Nutzung also das Risiko, dass Selbstbestätigung belohnt und Widerspruch ausgeblendet wird. Und Konflikte dadurch schneller persönlich, härter und unlösbarer werden.
Fazit | Echter Dialog statt digitale Moralkeule
Wenn Moral und Ego über den Dialog mit dem Gegenüber gestellt werden, wird ein Konflikt nicht mehr als Chance zur Entwicklung gesehen, sondern als Bedrohung der eigenen Identität. Genau darin liegt die gesellschaftliche Sprengkraft unserer Zeit. Und diese Spaltungsprozesse erleben wir seit einigen Jahren.
Was aber tun? Ein Lösungsansatz liegt im bewussten Bremsen im Konfliktfall. Statt reflexhafter Positionierung samt moralischer Verurteilung braucht es simple, analoge Tools: Zuhören, Nachfragen und das Heraushören von Bedürfnissen. Und ganz entscheidend: Konfliktkompetenz bedeutet vor allem, die eigene Sicht als eine von mehreren zu begreifen.
Gleichzeitig ist ein bewusster Umgang mit digitalen Systemen erforderlich. Wer sich das eigene Ego von einer KI pushen lässt, verlernt den konstruktiven Umgang mit Widerspruch. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht aber nicht durch ein moralisierendes Recht-haben auf Social-Media-Plattformen, sondern im Dialog auf Augenhöhe, bei echten Begegnungen.
Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.
(Bob Dylan)
Egotrip & Moralkeule | Spiegelbild unserer Konfliktkultur?



