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Hürden bei der Entwicklung von Bikulturalität | Zwischen zwei Kulturen

11Mai2026
5 min
Bikulturalität Hürden

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Wie geht es Menschen, die bikulturell sind? Kommen sie von Anfang an klar mit diesem besonderen Aspekt ihrer Identität? Gibt es Phasen, in denen sie eher nur einer Kultur den Vorzug geben und die andere zurückdrängen? Bikulturalität aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

Autorin: Dr. Karin Schreiner ist interkulturelle Consultant und Coach (www.iknet.at)

Bei näherer Betrachtung ergeben sich unterschiedliche Wege, um Bikulturalität zu leben, die nicht immer geradlinig sind.

Welche Hürden gilt es zu überwinden, um im Einklang mit einer bikulturellen Identität zu sein? Dies soll im Folgenden dargelegt werden.

Anpassungsprozess und Assimilation

Die Verdrängung der Herkunftskultur ist bei zugewanderten Personen eine Strategie, um sich möglichst rasch an die neuen soziokulturellen Gegebenheiten anzupassen. Diese Art der Anpassung wird Assimilation genannt. Sie wird eher von Personen gewählt, die einen starken Willen zur Anpassung haben und möglichst rasch Teil der Gesellschaft sein möchten, um sich auf sozialer, beruflicher und ökonomischer Ebene zu etablieren.

Das Beispiel von Davud, der als Jugendlicher im Zuge des Kriegs in Bosnien nach Österreich kam, illustriert diesen Prozess:

Ich bin aus Bosnien geflohen. Ich war im Überlebensmodus und sehr anpassungsfähig. Im Eiltempo lernte ich Deutsch und schloss mich Gruppen an, die mich weiterbrachten. Schule, Berufsausbildung, Berufswahl – ich sah meinen Weg klar vor mir. Es ist mir gelungen, mein Ziel zu erreichen.

Davud hat den Anpassungsprozess Assimilation gewählt und konsequent sein Ziel verfolgt. Dies ermöglichte ihm eine finanziell abgesicherte Existenz zu erarbeiten und das Gefühl, dazuzugehören. Um das zu erreichen, verdrängte er zunächst seine Herkunftskultur weitgehend und fokussierte sich vorerst auf die österreichische Kultur.

Häufig kommt es erst im Zustand der psychologischen Sicherheit dazu, dass der anfangs verdrängte Teil der Identität wieder bewusster wird und seinen Raum fordert. Das ist der Beginn der Integration beider Kulturen in die eigene Identität.

Bikulturalität & soziopolitische Hindernisse

Nicht nur innere Hürden verhindern, dass die Herkunftskultur wenig bis keinen Raum hat. Auch die Gesellschaft und die politische Stimmung in einem Land beeinflussen diesen Prozess. Eine Ablehnung über die äußere Erscheinung von zugewanderten Personen führt häufig dazu, dass alles dafür getan wird, um dazuzugehören, wie das Beispiel von Lihua, einer Chinesin, die mit ihren Eltern als Kind nach Österreich gekommen ist:

Ich bin ja in Österreich aufgewachsen und kenne alles. Ich spreche die Sprache und habe einen österreichischen Habitus. Und ich fühle mich als Teil der Gesellschaft. Aber ich sehe anders aus und deshalb betrachten mich die anderen als nicht zugehörig – wegen meines Aussehens und meines Namens. Ich hatte früher das Bedürfnis, meine Herkunft zu verleugnen. Ich wollte meinen Namen und meine dunkle Haarfarbe ändern und lehnte meine Sprache ab. Unbedingt wollte ich dazugehören. Aber wenn ich sagte, ich sei Österreicherin, dann akzeptierten die Leute das nicht.

Das Dilemma, sich einerseits als Teil der Mehrheitsgesellschaft zu fühlen, andererseits von ihr jedoch als Außenstehende betrachtet zu werden, erzeugt letztlich das Gefühl, nirgends zugehörig zu sein.

Es wird also auch assimilierten Personen nicht immer leicht gemacht, sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen. Das geht auch auf die Tendenz zurück, in nationalen Kategorien zu denken und die Frage nach der Herkunft – der „wirklichen“ – in den Fokus zu stellen. In einer Einwanderungsgesellschaft sind eine nationale Zuschreibung oder die Frage nach der Herkunft nicht sehr zielführend, es sei denn, man möchte wirklich mehr über die Person und ihre Familiengeschichte wissen. Das Aussehen oder den Namen oder auch eine nationale Zuschreibung als Kriterium zu nehmen, um jemanden als Außenstehenden zu kategorisieren, kann verletzend und diskriminierend wirken.

Diskriminierungserlebnisse

Ein weiterer Aspekt, der die Entwicklung von Bikulturalität behindert, sind Diskriminierungserlebnisse. Stereotypisierende Zuschreibungen und Ablehnung wirken kränkend und können dazu führen, dass die Betroffenen sich eher ihrer Herkunftskultur bzw. ethnischen Community zuwenden und von der Mehrheitskultur abwenden. Das führt zu einer Polarisierung in der Gesellschaft. Sozialpsychologisch lässt sich diese Entwicklung anhand der Theorie der sozialen Identität erklären, die besagt, dass von der dominierenden Innengruppe (Mehrheitsgesellschaft) die Tendenz ausgehen kann, sich von der Außengruppe (Zugewanderte) zu differenzieren und positiv abzugrenzen, indem letztere als negativ beschrieben wird.

Dazu das Beispiel von Aliya, die ägyptische Wurzeln hat:

Ich denke, wenn man ständig mit Vorurteilen konfrontiert wird, schüchtert das eher ein und es entsteht die Ansicht, warum man sich anpassen sollte, wenn man ja hier eh nicht gewollt wird.

Häufig erlebte gesellschaftliche Ablehnung kann zu Missachtung der Werte der Mehrheitsgesellschaft führen. Diskriminierungserfahrungen sind im Alltag häufig z.B. bei der Wohnungssuche, bei Bewerbungen oder Alltagsroutinen.

Um ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, kann dann die Tendenz bestehen, eher in der eigenen Community, in der man anerkannt ist, zu bleiben. Dadurch vermindert sich jedoch der Kontakt zwischen Zugewanderten und Mitgliedern der Mehrheitskultur. Die Kulturkontakt-Hypothese besagt jedoch, dass je mehr Kontakt zwischen diesen beiden Gruppen besteht, desto mehr gegenseitiges Verständnis und Toleranz entwickelt wird.

Strategien gegen Diskriminierung

Was können Betroffene den vielfältigen Weisen von Diskriminierung entgegenhalten, um einen positiven Selbstwert zu erhalten? Leistung ist häufig der Schlüssel. Viele berichten, dass sie, wenn sie zeigen, dass sie besser, fleißiger, perfekter als die anderen sind, eher akzeptiert werden. Das muss immer wieder in unterschiedlichsten Situationen bewiesen werden.

Dazu ein Beispiel von Zainab, die pakistanische Wurzeln hat:

Mir wurde in der U-Bahn mehrmals „Tschusch verschwinde, wo du herkommst“ gesagt. Das machte mich erbost und vor allem sprachlos. Heute reagiere ich gelassener und antworte mit perfektem Deutsch und genieße den Überraschungseffekt.

Es stellt sich die Frage, weshalb Betroffene immer wieder durch ihre Sprach- oder Sachkenntnisse beweisen müssen, dass sie von hier und Teil der Gesellschaft sind. Eine Strategie, mit der Alltagsdiskriminierung umzugehen, ist dennoch wichtig für den Erhalt eines positiven Selbstwerts.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bikulturalität unsere Gesellschaft zwar bereichern, aber auch sicherlich herausfordern kann. Nationale Zuschreibungen treffen nicht immer zu. Anders aussehende Personen reklamieren ihre Zugehörigkeit und verhalten sich auch so. Ein Umdenken ist erforderlich: Ein Bekenntnis zur Einwanderungsgesellschaft, die kulturell vielfältig ist. Menschen, die selbst oder deren Eltern einmal zugewandert sind, Zugehörigkeit zuzusprechen und sie auch als solche zu behandeln, das wäre ein wichtiger Schritt zu einer kulturell vielfältigen Gesellschaft, in der alle ihren Platz haben.

Bikulturalität zeigt auf, dass Identität sehr komplex sein kann und sowohl die eine als auch die andere Kultur – und damit natürlich auch Mehrsprachigkeit – miteinschließt. Lassen wir uns die Chance dieser Bereicherung nicht entgehen.

Hürden bei der Entwicklung von Bikulturalität | Zwischen zwei Kulturen

Quelle

Karin Schreiner, Bikulturalität: Lost in Cultures? Eine unerkannte Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft.

Neofelis Verlag, Berlin 2026, ISBN-13: ‎ 978-3958086180

Bikulturalität, Karin Schreiner: Buchcover, Mehrsprachigkeit

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