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Synergien der Kulturen | Vorteile im Arbeitsalltag

22Jun2026
6 min
Bikulturalität Arbeitsalltag

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Bikulturelle Personen leben mit zwei kulturellen Identitäten. Diese Bikulturalität prägt ihre Persönlichkeit ebenso wie ihren Arbeitsalltag.

Autorin: Dr. Karin Schreiner ist interkulturelle Consultant und Coach (www.iknet.at)

Doch wie gelingt es, beide Kulturen zu leben, ohne sich ständig für die eine oder die andere entscheiden zu müssen? Wie können aus zwei kulturellen Bezugssystemen Synergien entstehen? Diesen Fragen geht der folgende Beitrag nach und zeigt, wie bikulturelle Personen beide Kulturen miteinander verbinden und weshalb dies im Arbeitsalltag von Vorteil sein kann.

Was bedeutet Bikulturalität?

Bikulturalität bedeutet, in zwei kulturellen Bezugssystemen aufzuwachsen oder zu leben und beide Kulturen als Teil der eigenen Identität zu erfahren. Dadurch entsteht die Möglichkeit, unterschiedliche kulturelle Sichtweisen einzunehmen und je nach Situation zwischen beiden kulturellen Bezugssystemen zu wechseln, ohne sich für die eine oder die andere Kultur entscheiden zu müssen.

Vom Entweder-Oder zum Sowohl-als-Auch

Nina hat japanisch-österreichische Wurzeln und schildert, wie die Wahrnehmung ihrer Umwelt den Umgang mit ihrer Bikulturalität geprägt hat:

Ich habe es früher immer differenziert: das ist meine österreichische Seite, das meine japanische. Ich bin selbst in diese Falle geraten. Aber ich bin ja nicht halb japanisch und halb österreichisch. Ich bin auch kein Mischling oder eine Melange. Ich habe eine komplexe Identität, bei der ich beide Kulturen nicht voneinander trennen kann.

Die Frage „Wer bin ich?“ stellt sich bikulturellen Personen häufig. Sie fühlen sich zuweilen weder der einen noch der anderen Kultur zugehörig, glauben jedoch, sich mit zumindest einer identifizieren zu müssen. Dieser Trugschluss wird von der Umwelt noch verstärkt, wenn nationale Zuschreibungen am Werk sind oder gefragt wird, woher man „eigentlich“ komme.

Anzuerkennen, dass die eigene Identität von beiden Kulturen geprägt ist, erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Denn häufig müssen die Betroffenen mit widersprüchlichen Wertehaltungen umgehen und fühlen sich in ihrer Loyalität ihren Kulturen gegenüber hin und her gerissen. Das Erleben der Relativität von kulturellen Werten und verschiedenen kulturellen Bezugssystemen ist eine Herausforderung und kann zu Identitätskonflikten führen.

Erst wenn diese Spannung des Zwischen-den-Kulturen-Seins ausgehalten werden kann und es gelingt, mühelos zwischen beiden Kulturen hin und her zu switchen, ist es gelungen, beide als gleichwertig zu leben. Diese Personen leben dann sowohl die eine Kultur als auch die andere. Dieser Zustand gewährleistet einen permanenten Perspektivenwechsel.

Wie gelingt die Integration beider Kulturen?

Wie gelingt es nun, beide Kulturen in die eigene Identität zu integrieren? Alicia ist türkischer Herkunft und erzählt dazu folgendes:

Man kennt die türkische Tradition, aber man denkt so anders, dass man sagt, so müsste es nicht mehr sein. Man übernimmt das, was hier in Österreich im Vordergrund ist. Das macht man einfach so. Ohne viel nachzudenken. Man ist da und man macht es so. Man lernt, beidseitig zu denken und dass es andersrum auch sein kann.

„Beidseitig denken“ ist das Schlüsselwort für das bikulturelle Bewusstsein. Das bedeutet aus beiden Referenzsystemen heraus zu denken und handeln und ständig den Blickwinkel wechseln. Dabei gibt es kein Richtig und Falsch. Beide kulturelle Systeme stehen nebeneinander und je nach Situation wird kulturspezifisch gehandelt. Die Kulturen stehen zueinander nicht mehr in Widerspruch.

Je besser beide Kulturen verinnerlicht sind, desto leichter gelingt es, sie als nicht widersprüchlich, sondern nur als unterschiedlich wahrzunehmen und fließend zwischen ihnen zu wechseln.

Die Integration beider Kulturen bedeutet nicht, die Herkunftskultur aufzugeben, um die andere Kultur anzunehmen, sondern beide Kulturen als ein Sowohl-als-Auch zu leben.

Studien zu Bi- und Multikulturalität (Benet-Martínez & Haritatos, 2005) zeigen, dass Personen, denen es gelingt, divergierende kulturelle Werte und Einstellungen in ihre Persönlichkeit zu integrieren – in der Forschung als Bicultural Identity Integration (BII) bezeichnet –, leichter zwischen unterschiedlichen kulturellen Bezugssystemen wechseln können. Sie erleben ihre beiden Kulturen häufiger als gleichwertige Teile ihrer Identität und berichten über eine größere emotionale Stabilität sowie eine höhere Anpassungsfähigkeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Dies ist eine gute Voraussetzung für die Zusammenarbeit in einer multikulturellen Arbeitsumgebung.

Welche Vorteile hat Bikulturalität im Arbeitsalltag?

Leben der kulturellen Synergie

Beide Kulturen in sich zu vereinigen ist eine Bereicherung, die viele Vorteile mit sich bringt. Dazu erzählt Lea, die chinesischer Herkunft ist:

Meine Identität ist gekennzeichnet von Vielschichtigkeit. Ich sehe immer verschiedene Perspektiven. Ich habe ein Bewusstsein im Sinne von Vielschichtigkeit und mehreren Sichtweisen. Das ist bei mir sehr präsent. Bei vielen, die in mehreren Kulturen aufgewachsen sind, ist das so. Da ist eine Offenheit, auf der man aufbaut. Ich meine damit eine Sensibilität für kulturelle Unterschiede.

Die Vielschichtigkeit, die erlebt wird, führt zu Offenheit und der Fähigkeit, mehrere Blickwinkel auf einmal zu haben. Diese hoch differenzierte Wahrnehmung ermöglicht auch eine Toleranz und Akzeptanz für unerwartete und ganz andere Sichtweisen.

In einem interkulturellen Kontext ist das ein großer Vorteil. Die Betroffenen begegnen anderen mit einer offenen Haltung und mit wertfreier Neugierde. Das sind die besten Voraussetzungen für einen Austausch auf gleicher Augenhöhe.

Synergien entstehen, wenn beide Kulturen in die eigene Identität verinnerlicht oder integriert werden. Es entsteht eine Art dritter Kultur als Lösung, um unterschiedliche Ansätze in kulturell unterschiedlichen Referenzrahmen synergetisch zusammenzubringen. Dabei ist der Ausgangspunkt pluralistisch: Nicht nur eine Kultur bildet den Referenzrahmen, sondern zwei oder mehrere.

Vorteile im Arbeitskontext

Warum Bikulturalität Unternehmen stärkt

Die Vorteile von Bikulturalität im Arbeitsalltag und im Berufsleben sind mittlerweile auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Vor allem in international zusammengesetzten Teams profitieren Unternehmen von Mitarbeitenden, die unterschiedliche kulturelle Perspektiven miteinander verbinden können.

Die Vorteile von Bikulturalität im Arbeitskontext liegen auf der Hand: Die Fähigkeit, unterschiedliche Blickwinkel zu haben und sie auch bei anderen zu akzeptieren und damit offen zu sein für unorthodoxe Sichtweisen, ist in einem multikulturellen Arbeitskontext unentbehrlich. Dazu erzählt Alicia:

Wir sind im Team fünfzehn, aus Österreich, andere aus der Slowakei, aus Nordmazedonien und ich aus der Türkei. Wir reden über unsere unterschiedlichen Bedürfnisse beim Erstellen des Dienstplans offen miteinander. Daraus ist ein System entstanden, das für alle gut ist, es läuft. Ich muss nicht extra etwas sagen. Wir gewinnen so mehr Menschen, die sich bewerben. Durch die Bikulturalität, durch das Verständnis für die Kulturen. Das ist ein großer Vorteil.

Bikulturelle Personen kennen ihre Kulturen gut und haben über sie implizites Wissen aufgebaut. Das bedeutet sie haben Kenntnisse über Alltagsroutinen, Einstellungen und Wertehaltungen. So können sie sich entsprechend einbringen und ihr Kulturwissen in unterschiedlichsten Bereichen anwenden. Damit können sie anderen mit größerer Empathie und Verständnis begegnen.

Sie haben ein tiefes Verständnis für kulturelle Unterschiede und sind fähig, diese Unterschiede in den jeweiligen Kontexten auch anderen zu vermitteln. Bikulturelle Personen sind hoch sensibilisiert für so genannte blinde Flecken, das heißt selbstverständliche und unhinterfragte Annahmen, die, werden sie in einem multikulturellen Arbeitskontext nicht adressiert, zu kulturellen Missverständnissen führen können.

In einem multikulturellen Arbeitskontext stellen bikulturelle Personen durch ihre komplexe Identität, ihre umfassende interkulturelle Kompetenz und große Sensibilität für kulturelle Unterschiede daher einen großen Mehrwert dar. Leider bleibt dieser im Arbeitsalltag oft im Verborgenen, weil er nicht explizit zur Sprache gebracht wird. Eine größere Aufmerksamkeit gegenüber bikulturellen Personen könnte diese Schieflage aufheben.

Fazit: Bikulturalität als Zukunftskompetenz

Mit der zunehmenden kulturellen Vielfalt in der Arbeitswelt wächst auch die Bedeutung bikultureller Kompetenzen. Die Fähigkeit, unterschiedliche kulturelle Perspektiven miteinander zu verbinden und zwischen verschiedenen Bezugssystemen zu wechseln, kann zu einem besseren gegenseitigen Verständnis und einer gelingenden Zusammenarbeit beitragen. Bikulturelle Personen bringen hierfür besondere Voraussetzungen mit. Damit dieses Potenzial im Arbeitsalltag wirksam werden kann, braucht es Aufmerksamkeit für bikulturelle Kompetenzen und die Bereitschaft, diese als wertvolle Ressource bewusst wahrzunehmen und einzubeziehen.

Synergien der Kulturen | Vorteile im Arbeitsalltag

Quelle

Karin Schreiner, Bikulturalität: Lost in Cultures? Eine unerkannte Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft.

Neofelis Verlag, Berlin 2026, ISBN-13: ‎ 978-3958086180

Bikulturalität, Karin Schreiner: Buchcover, Mehrsprachigkeit

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