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Arbeit neu denken | Liegt unsere Zukunft im Unternehmertum?

25Jun2026
6 min
Unternehmerin

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Die Stimmung am Arbeitsmarkt ist gedrückt, die KI übernimmt die spezialisierten Tätigkeitspakete, in denen wir stark sind. Die eigentliche Chance liegt nicht mehr im nächsten Job, sondern in der Frage nach den Möglichkeiten, um selbst etwas zu bauen.

Laut dem aktuellen Arbeitsmarkt-Kompass von Marketagent und Leitbetriebe Austria halten es nur noch 44 Prozent für leicht, eine neue Stelle zu finden — zu Beginn der Erhebung vor drei Jahren waren es 68. Die Wechselbereitschaft der Beschäftigten in Österreich ist so hoch wie nie seit Beginn der Messung. Und der Glaube, dass ein Wechsel überhaupt gelingt, so niedrig wie noch nie: Die Energie, sich zu bewegen, ist da.

In diesem Spannungsfeld fallen drei Optionen auf. Jede klingt für sich vernünftig. Und alle drei teilen denselben blinden Fleck.

3 Optionen mit demselben blinden Fleck

Die erste folgt einer schlichten Logik: dorthin verschieben, wo die Lücke ist. Das erklärt, warum Qualifizierungsprogramme so verlässlich auf die Mangelberufe zeigen. Nehmen wir zum Beispiel das Lehramt und die Altenpflege. Zwei Felder, in denen seit Jahren händeringend Personal gesucht wird — und deren Bedingungen sich in denselben Jahren so verdichtet haben, dass viele genau dort nicht arbeiten wollen: u.a. mehr Verantwortung bei gleicher Bezahlung, dünnere Personalschlüssel, eine administrative Last, die mit dem Beruf wenig zu tun hat. Wer empfiehlt, sich in den Mangel umschulen zu lassen, empfiehlt den Weg dorthin, wo das System Menschen eher hinausdrängt als hält. Dieser Weg entwertet, leise, die Arbeit, in die er führt. Über Attraktivierung wird seit Jahren diskutiert; sichtbar verändert hat sich wenig.

Die zweite vertagt. Die Politik reagiert, so rasch es ihr unter Budgetdruck und schwacher Konjunktur möglich ist — Aktivpension, Transformationsfonds beim AMS, Mittel für Qualifizierung. Vernünftige Schritte. Die großen, mutigen Reformen aber bleiben aus.

Die dritte individualisiert das Scheitern: Bilde dich weiter, sonst bleibst du zurück. Das Weltwirtschaftsforum rechnet vor, dass von hundert Beschäftigten neunundfünfzig bis 2030 eine Umschulung brauchen und elf sie voraussichtlich gar nicht bekommen.

Alle drei Optionen sind, genau gesehen, Formen des Wartens — auf eine Stelle, auf die Reform, auf den nächsten Bewerbungsprozess.

Wenn Arbeit nicht mehr sicher trägt

Und Warten ist nicht neutral. Wer heute arbeitslos ist, trägt einen Makel; je länger es dauert, desto mehr zehrt es am Selbstwert, und viele fühlen sich erst wieder vollwertig, wenn sie zurück in Arbeit sind. Das ist die eine Seite. Die andere ist noch unbequemer: Das Ziel, auf das hin gewartet wird, trägt längst nicht mehr sicher. Neun Prozent der Erwerbstätigen in Österreich — 361.000 Menschen — gelten laut der jüngsten SILC-Erhebung der Statistik Austria als „Working Poor“: Sie arbeiten und leben trotzdem unter der Armutsschwelle. Teilhabe am Arbeitsmarkt ist nicht mehr automatisch ein gutes Leben.

Im Hintergrund aber läuft die tiefere Verschiebung: Die Künstliche Intelligenz übernimmt zuerst die spezialisierte Tätigkeit, auf der berufliche Biografien gebaut sind: das, worin man über Jahre gut wurde, ist oft das, was sich am leichtesten automatisieren lässt. Wer auf die Rückkehr in den vertrauten Beruf wartet, wartet auf ein System, das an zwei Fronten bröckelt: Die Arbeit trägt finanziell nicht mehr sicher und es gibt sie morgen vielleicht nicht mehr in der Form, für die man ausgebildet wurde.

Die Möglichkeit, selbst etwas zu bauen

Zwei Wege, die nach Selbständigkeit aussehen, sind damit nicht gemeint — und bei beiden lohnt sich die Genauigkeit, bevor man sich einlässt. Die Vertriebsprogramme, in denen man fremde Produkte unter Freunden verkauft, sind näher an abhängiger Arbeit als an Selbständigkeit: eigenes Risiko, fremde Wertschöpfung — sie nutzen die Reichweite, nicht das Urteil. Und das Franchise ist der Kauf eines fertigen Apparats samt Konzept, bei tragfähigen Systemen oft um viel Geld — die Ausführung bringt man ein, das Urteil hat ein anderer gefällt. Beides kann sich rechnen, ist aber im Kern das Modell eines anderen.

Was war an einer Unternehmung eigentlich je das Knappe? Das Urteil davor: zu wissen, welches Bedürfnis echt ist und was sich zu bauen lohnt.

Genau daran hat die Künstliche Intelligenz mehr verschoben, als der Gründungs-Enthusiasmus benennt:

Sie hat nicht das Urteil kostengünstig gemacht. Sie hat den Apparat kostengünstig gemacht.

Der Apparat wird günstig, das Urteil bleibt knapp

Das ist die eigentliche Verschiebung und sie trifft eine bestimmte Generation. Die Erfahrenen, die Fünfzig- bis Fünfundsechzigjährigen, waren immer urteilsstark und apparatschwach: Sie wussten, welche Idee trägt, hatten aber nicht den Betrieb, um sie allein zu bauen. Also blieben sie angestellt, dort, wo der Apparat schon stand. Jetzt steht er fast gratis bereit.

Und die Bewegung läuft längst — als Wahl, nicht aus Not: Die Neugründungen stehen auf einem Allzeithoch, nur 1,5 Prozent nennen laut WKO, in die Selbständigkeit gedrängt worden zu sein. Von der KI-Seite sagt die Futuristin Sinead Bovell dasselbe voraus: eine Ökonomie, in der die meisten zu Unternehmerinnen bzw. Unternehmern werden — ob sie sich so nennen oder nicht. 

Bemerkenswert ist zweierlei. Sie ist jung: Das Durchschnittsalter liegt bei 36 Jahren. Ausgerechnet die urteilsstarke Generation reitet die Welle noch nicht. Sie hatte bisher den einen Nachteil, der gerade verschwindet: keinen eigenen Apparat.

Auch die Motive trennen sich mit dem Alter. Die Jungen gründen oft aus einer großen Vision heraus, die Welt zu verbessern oder zu retten. Die Älteren machen häufiger ihr Thema zum Beruf: das Hobby, die Expertise zum Consulting. Was die KI daran ändert, ist, was sich bauen lässt und wer es bauen kann, aber natürlich nicht die älteste Regel des Gründens: Welchen Schmerz, welches Problem löst es?

Der Markt bezahlt für gelöste Probleme

Die Freiheit, etwas zu bauen, ist viel realer geworden, aber ihr einziger ehrlicher Gegenstand ist ein echtes Bedürfnis. Vielleicht hat der Markt früher einmal für Selbstverwirklichung bezahlt. Jetzt tut er es nicht — er bezahlt für gelösten Schmerz, für das gelöste Problem.

Es gibt zudem einen Markt, den die Babyboomer-Generation nicht erst erforschen muss: den eigenen. Die Silver Economy wächst und ihren Schmerz kennen die Älteren nicht aus einer Studie, sie leben ihn. Hier fallen Zielgruppe und Lösung in einer Person zusammen.

Anthropic-CEO Dario Amodei hält ein Szenario für möglich, das er als Kombination aus sehr schnellem Wachstum und gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit beschreibt. In einer solchen Welt schrumpft der Markt für das, worauf wir Lust haben, und wächst der für das, was wir zum Durchkommen brauchen: Koordination, Orientierung, Vertrauen. Nicht der sichere Beruf, sondern das sichere Bedürfnis.

Es ist die alte Einsicht von Jacque Fresco: „You really don’t want a job. What you want is access to those things you’d like to have.“ Niemand will die Stelle an sich — gewollt ist, wozu sie Zugang verschafft. Wer diesen Zugang baut, trifft die eigentliche Nachfrage. Und die Chancen dafür tun sich gerade dort auf, wo es am wenigsten imageträchtig ist.

Das verlangt einen Verzicht, der vielen schwerfällt: aufhören, nur das Imageträchtige zu verfolgen. Das Sichtbare, das auf einer Visitenkarte gut klingt. Schmerz zu lösen ist vielleicht unglamourös: Pflegekoordination für überforderte Angehörige, die Begleitung durch ein System, das nur noch Formulare ausgibt statt Antworten. Nichts davon ist sexy. Alles davon wird gebraucht.

Die Chance der urteilsstarken Generation

„Wer jetzt hinschaut, hat Optionen“, hieß es an dieser Stelle zuletzt. Das ist die Option, ausbuchstabiert. Sie lautet nicht „mit Künstlicher Intelligenz gründet jetzt jeder“, und sie lautet nicht „verwirkliche dich“.

Sie lautet: Der Apparat ist kostengünstig geworden, das Urteil nicht. Wer Jahrzehnte Kontext mit sich trägt, hat das Urteil. Zu bauen lohnt sich, was ein echtes Problem löst: eines, das man besser beurteilt als jeder andere. Das verlangt Mut und Kreativität, gerichtet auf das Nötige. Und das Nötige muss nicht grau bleiben: Wer den Schmerz löst, darf die Lösung auch schön machen.

“Pimp my Rollator”.

Vielleicht werden wir also wirklich alle Unternehmerinnen und Unternehmer — und für eine urteilsstarke Generation ist das gerade jetzt die ehrlichste und erfolgsträchtigste Chance, die der Markt zu bieten hat.

Arbeit neu denken | Liegt unsere Zukunft im Unternehmertum?

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