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Die Zügel locker lassen – Mehr Freiheiten für zufriedenere Mitarbeiter

Die meisten Vorgesetzten agieren nach wie vor nach dem Prinzip von „Zuckerbrot und Peitsche“, um Mitarbeiter zu motivieren und das Leistungsspektrum zu erhöhen. Dabei zeigt sich, dass gerade ein liberales Umfeld die besseren Leistungen produziert.

Autor: Jahn Kaupnitz

Denken Sie Mal an Ihre Schulzeit zurück. Sicher gab es dort einen Lehrer, der die Klasse mit eisenharter Hand regierte, jegliche Abweichung unterdrückte und seinen Stoff unbarmherzig durchprügelte. Fast jeder hatte einst das „Vergnügen“ mit einer solchen Person. Und nun die Frage: Fanden Sie, dass das ein ansprechendes, inspirierendes Arbeitsumfeld war? Eines, auf das man sich freute und bei dem Höchstleistungen fast ohne Anstrengungen möglich waren? Falls die Antwort Nein lautet, haben Sie auch die Quintessenz des folgenden Artikels bereits begriffen: Je mehr Liberalismus am Arbeitsplatz herrscht, desto besser gedeiht Mitarbeiterzufriedenheit und somit Arbeitskraft.

Liberalismus ≠ Laissez-faire

Dabei muss zunächst mit einem weitverbreiteten Irrglauben ausgeräumt werden: Laissez-faire ist zwar eine Strömung des Liberalismus. Nicht jede Form des Liberalismus ist jedoch gleich Laissez-faire. Es geht dabei ganz konkret nicht darum, in seinem Unternehmen eine vielleicht falsche heile Welt vorzugaukeln, in der keinerlei Regeln herrschen. Es geht vielmehr darum, seinen Mitarbeitern ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen.

1. Anerkennung

Dass fehlende Anerkennung regelrecht krank machen kann, ist bereits wissenschaftlich anerkannter Konsens. Was jedoch in einem liberalen Arbeitsumfeld obendrein zu beachten ist, ist die Tatsache, dass Anerkennung, sofern sie den richtigen trifft, ein im höchsten Maß zufriedenes Verhältnis zum Mitarbeiter schafft.

Es ist eine einfache Gleichung: Er erbringt eine Arbeitsleistung, die vielleicht weit über das zu Erwartende hinausgeht. Ignorieren Sie dies, ist das so, als würden sie den Mitarbeiter persönlich ignorieren. Ebenfalls nicht richtig wäre es, solche Leistungen einfach nur finanziell zu quittieren. Ein Bonus ist zwar eine gute Anerkennung, meist ist er jedoch zeitlich sehr weit von der erbrachten Leistung getrennt. Zudem schafft Geld eine Art „Söldner-Mentalität“, die sich zum Bumerang für das Unternehmen entwickeln kann.

Dabei ist liberales Verhalten mehr als einfach: Ein zeitnahes, ehrliches und passend formuliertes Lob. Und den Bonus, den kann man dann auch noch nachschieben.

2. Corporate Look = Corporate Zwang

Werfen wir einen Blick über den Tellerrand Österreichs hinaus auf die wertvollsten Unternehmen unserer Zeit. Was fällt dabei auf, außer dass die meisten davon in den USA beheimatet sind? Es sind vornehmlich Firmen aus der Internet-Branche. Haben Sie in einem Bericht über Google, Facebook oder Alibaba im Hintergrund schon mal einen Mitarbeiter in etwas Förmlicherem als einem Hemd mit offenem Kragen herumlaufen gesehen? Könnte es da vielleicht einen Zusammenhang geben?

Man kann argumentieren, dass „die mit dem Internet“ durch die vergleichsweise kurze Zeit, in denen es diese Branche gibt, nicht in dem Maß auf traditionellen Pfaden gehen müssen, als andere Branchen. Fest steht jedoch: Mitarbeiter, die sich:

  • Keine teure Kleidung kaufen müssen
  • Sich nicht jeden Tag stylen müssen
  • Dem Wetter entsprechend kleiden können

sprich, Mitarbeiter, die ihren Job in Kleidung verrichten können, in denen sie sich am wohlsten fühlen, zufriedener sind. Fraglos haben Dresscodes gewisse Vorteile. Jedoch mit einem dicken Aber versehen: Für Mitarbeiter, die keinen Kundenkontakt haben, die Tag für Tag nur unter Kollegen agieren, gibt es schlichtweg keinen Grund, auf die Regularien von „Business-Casual“, „Smart-Casual“ und ähnliche Strömungen zu achten. Fragen Sie sich selbst: Welchen Vorteil hat es, wenn jemand, der am Computer sitzt, dies im Anzug tut, wenn er in Jeans und T-Shirt dort wesentlich bequemer arbeiten könnte?

Bei Mitarbeitern ohne Kundenkontakt gibt es eigentlich keinen Grund, diese in strenge Kleidungsregeln zu zwängen.

3. Ja zum Bürohund

Österreicher lieben Hunde. Allerdings sagen die meisten davon aus, dass der Arbeitsalltag ihnen oft Probleme macht. Klar, ein Hund ist kein Tier, das einen Vollzeit-Arbeitstag über alleine bleiben kann. Einfacher Liberalismus wäre es deshalb, Mitarbeitern zu erlauben, den Vierbeiner mit auf die Arbeit zu bringen – sofern das Tier gut erzogen ist und den Betriebsablauf nicht hemmt, gibt es eigentlich kein wirkliches Gegenargument außer eventuelle Allergien anderer Mitarbeiter.

Jedoch ermöglicht gerade der Vierbeiner noch eine Art „Next-Level-Liberalismus“. Denn Hunde haben einige Vorteile im Unternehmen:

  1. Sie verbessern das Betriebsklima, weil sie unterschiedlichen Kollegen eine Gemeinsamkeit geben
  2. Sie entspannen jeden, der sie streichelt, oder auch nur einen Blick auf sie wirft, durch Ausschüttung des Anti-Stress-Hormons Oxytocin
  3. Sie nehmen dem Herrchen oder Frauchen eine Sorge – wo der Hund unter dem Schreibtisch liegt, muss man sich keine Gedanken machen, was er zuhause alleine anstellt
  4. Sie zwingen Mitarbeiter dazu, nicht nur ungesunder Weise dauernd am Schreibtisch zu sitzen, sondern sich zu bewegen – und sei es nur für einen Spaziergang in der Mittagspause

Und diese Vorteile lassen sich auf praktisch jedes weitere nur denkbare Haustier umlegen, wobei die Punkte freilich bei Hunden am stärksten zusammen zutage treten. Natürlich müssen die Bedingungen des Umfelds stimmen. Es darf nicht einem Mitarbeiter der Hund erlaubt sein, dem anderen jedoch nicht. Aber es gibt eine gute Nachricht: Eine große Majorität österreichischer Arbeitnehmer ist durchaus d’accord mit tierischen Kollegen.

Haustiere sind nicht nur „eine Sorge weniger“ für ihre Besitzer, sondern tatsächlich ein Vorteil fürs ganze Team

4. Weg mit dem Einheitsstil

Ein Unternehmen hat, um eine Zahl zu nennen, 87 Mitarbeiter. Unter Garantie wird es bei jedem davon zuhause anders aussehen, denn Menschen sind individuell. Leider ist es in vielen Unternehmen aber nach wie vor noch so, dass Individualität am Arbeitsplatz in Sachen Einrichtung nur Vorgesetzten vorbehalten ist. Doch warum eigentlich? Weil der Arbeitsplatz nur zum Arbeiten da ist?

Rechnen Sie Mal aus, wie viele Stunden monatlich ihre Untergebenen am Arbeitsplatz verbringen. Und dann ergründen Sie, warum dies ein steril eingerichteter Platz sein sollte, an dem keine persönlichen Noten vorhanden sind, die über die klischeehafte Topfpflanze und ein Foto des Partners hinausgehen. Manche Unternehmen verbieten es ihren Angestellten sogar, den Desktop des Rechners mit einem Bild zu personalisieren, andere wiederum haben gar eine Clear-Desk-Policy, die den Arbeitsplatz außerhalb der Bürozeiten wie ein Bild aus einem sterilen Einrichtungskatalog wirken lässt.

Dabei ist der umgekehrte Weg eigentlich der richtige: Je mehr Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz einem gewissen Nestbautrieb frönen dürfen, umso persönlicher wird der Arbeitsplatz für sie. Er wird zu mehr als einem Ort, an dem man gegen Geld sein Tagwerk vollbringt, sondern ein Platz, der ebenso persönlich und einladend gestaltet ist, wie das eigene Zuhause.

Und auch hier gilt eigentlich nur eine Regel: Solange kein regelmäßiger Kundenkontakt dagegenspricht und die Einrichtung nicht von der Arbeit abhält, gibt es eigentlich keinen Grund, seinen Mitarbeitern in irgendeiner Form die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes zu beschränken.

Führung ist nur dann ein einsamer Job, wenn Sie ihn dazu machen. Ein Guter Chef arbeitet inmitten seiner Leute – jederzeit.

5. Vorne führen, statt hinten lenken

Eine Menge Entscheider führen ihr Unternehmen oder die Abteilung nach dem Vorbild der „Grauen Eminenz“. Sie sitzen weit weg von ihrem Team, abgeschlossen und lassen sich nur blicken, um Anweisungen oder Kritik zu verteilen. Genau der richtige Weg – wenn man möchte, dass die Mitarbeiter jedes Mal froh sind, wenn man wieder den Raum verlässt.

Dabei lohnt sich ein Blick ins Militär. Dort gilt seit Jahrzehnten, dass Anführer nicht irgendwo von weit hinten ihre Einheit lenken, sondern vorne, inmitten der Truppe. Und dieses Prinzip lässt sich eins zu eins in eine liberale Unternehmenskultur integrieren:

  • „der Chef“ sitzt inmitten seines Teams – auch räumlich
  • Er bleibt nicht länger und auch nicht kürzer
  • Er nimmt an den gleichen Veranstaltungen teil, auch nach Feierabend
  • Er sondert sich in Pausen etc. nicht mit seinesgleichen ab

Eine solche flache Hierarchie, ist zwar nichts, das über Nacht umgesetzt werden kann. Aber es führt dazu, dass Vorgesetzte als Teil des Teams begriffen werden – nicht nur dem Rang nach, sondern durch positives Beispiel. Einer, der „mitten drin“ ist und die gleichen Belastungen erträgt, wie seine Untergebenen.

 

Bildquellen: fotolia.com  © alfa27, Liubov, LIGHTFIELD STUDIOS, fizkes

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