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eLearning braucht Räume | There is no place called ‘anywhere’

eLearning: Ein großes Versprechen des Lernens mit digitalen Medien lautet: „Learning Anywhere Anytime!“ Dummerweise funktioniert das nicht immer.

Autor: Jöran Muuß-Merholz (Foto)

eLearning | Das „anytime anywhere“-Paradox

Man kann mit digitalen Medien (eLearning) zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Platz lernen. Aber nur theoretisch. In der Praxis findet JEDES Lernen zu einer konkreten Zeit und an einem konkreten Ort statt. Paradoxerweise macht das „anytime anywhere“-Credo des eLearning die Umsetzung häufig schwieriger: Gerade WEIL das Lernen jederzeit und an jedem Ort stattfinden könnte, findet es häufig gar nicht statt. Denn der Arbeitsalltag ist schon mit komplett mit anderen Dingen belegt, so dass eine Akvitität ohne Zeit und Raum nicht stattfindet.

So kommt es, dass manche Menschen sich gezielt Lernzeiten in den Kalender schreiben. Sie versuchen dann verzweifelt, ihren Kolleg*innen, wenn diese sie am Schreibtisch ansprechen, klarzumachen: „Ich bin gerade gar nicht hier! Ich lerne gerade!“ Oder sie weichen auf das Wochenende, auf Bahnfahrten oder in Cafés aus, um in Ruhe lernen zu können.

Der gefährliche „Muss-ich-mir-in-Ruhe-ansehen“-Stapel

Die „Anytime Anywhere“-Orientierung scheitert an der Unterscheidung zwischen #dringend und #wichtig im Arbeitsalltag. Ein jederzeit mögliches Lernen ist zwar #wichtig, aber nicht #dringend. Es kommt häufig auf den „Muss-ich-mir-mal-in-Ruhe-ansehen“-Stapel. Und dieser Stapel ist für die meisten Menschen der Stapel, der nie mehr angeschaut wird.

Künstliche Verknappung hilft

Die Erfahrung zeigt: Beim Arrangieren von Lehr-Lern-Settings mit (eigentlich) großer zeitlicher Flexibilität sorgt eine künstliche Verknappung der Zeit für mehr Beteiligung. Ein solches Phänomen sieht man im Alltag z.B. bei Fristen: Man bekommt bisweilen mehr Rücklauf bei einer Deadline von 3 Tagen gegenüber einer Deadline von 3 Wochen.

Das moderne Schlagwort „Workplace Learning“ wirbt für Konzepte, die das Lernen direkt in den Arbeitsprozess einbinden und an den Arbeitsplatz verorten. Dafür spricht vieles, aber nicht alles. Eine künstliche Verknappung ist häufig nicht nur für die Zeit, sondern auch für den Raum sinnvoll.

LernRaum statt Workplace Learning

Ein Beispiel: Im Text „Wie lernen wir (über-)morgen? Ein Ausblick auf die Bildung der Zukunft“ wird eine Organisation beschrieben, in der es einen expliziten „LernRaum“ gibt. Mitarbeiter gehen für bestimmte Lernaktivitäten in diesen LernRaum – obwohl dieses Lernen ja „anywhere“ stattfinden könnte. Aber es gibt eben keinen konkreten Raum namens „Anywhere“ – und alle anderen Räume sind schon besetzt.

Menschen können nur zu konkreten Zeiten, in konkreten Räumen, in konkreten sozialen Settings lernen. Lernangebote, die das ignorieren, haben ein Problem. Solange es keine expliziten LernRäume oder Vorschläge für Lernorte gibt, müssen sich Menschen individuelle Nischen und Rückzugsorte suchen, die sie für sich zu Lernräumen umdeuten. Professionelle Alternativen würden vielen von ihnen helfen.

 

Fotos: Porträt JMM (Fotonachweis: Hannah Birr, J&K); Anywhere-Raum (Fotonachweis: Blanche Fabri, J&K)

Gast-Autor

Autor Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und Inhaber der Agentur J&K – Jöran und Konsorten.


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