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HR in Covid-19 Woche 3 | Human Resources was nun?

Wie es nach der ersten Schockphase mit der Personalarbeit in den Unternehmen konstruktiv weitergehen kann.

Autor: Mag. Michael Pichler

Es waren turbulente Tage. Noch nie wie in den letzten beiden Wochen waren so viele Unternehmer und Manager gefordert, das Überleben ihrer Firmen abzusichern – bildlich gesprochen: Gegen das Kentern ihrer Schiffe anzukämpfen: Sichern der Liquidität, rechtliche Klärungen / Absicherungen, Kosten reduzieren – all das stand im Mittelpunkt der Handlungen. Ach ja, und da waren ja auch noch Kunden und Mitarbeiter …

Es waren auch die Stunden der Personalabteilungen, die wie selten zuvor in den Unternehmensmittelpunkt gerückt sind und endlich auf Augenhöhe beweisen konnten, dass sie gerade jetzt mitten in der Covid 19-Krise mehr denn je zum Überleben des Unternehmens beitragen können. Und die Rahmenbedingungen und Dynamiken waren mehr als herausfordernd – zum Beispiel änderten sich beinahe stündlich die Parameter für die speziell zusammengezimmerte Corona Kurzarbeit. Viele Entscheidungsträger waren sichtlich froh, verlässliche Partner in der Personalabteilung als Mitkämpfer gegen das Kentern Ihres Schiffes zu haben. Auch sie – die Personalleiter, Gehaltsabrechner und viele Mitarbeiterinnen der Personalabteilungen – verdienen es „Helden der Arbeit“ genannt zu werden, wie ich schon in meinem letzten Gast-Artikel schreiben durfte „HR Management in Covid Krisenzeiten | Die große Chance für HR, im „Standing“ (weiter) zu wachsen„.

Phase 1: die Stoßwelle

Die erste heftige Stoßwelle – Phase 1 – ist (hoffentlich) gemeistert und das Schiff nicht untergegangen. In den meisten Fällen hatte die Personalabteilung in der Erarbeitung der geeigneten Maßnahmen einen hohen Anteil. War`s das jetzt schon wieder mit der ernsthaften Miteinbeziehung von HR? Nein, natürlich müssen nun auch noch Zeiterfassungssysteme neu angepasst, Regeln für das Arbeiten von zu Hause aufgestellt und mögliche Formalfehler bei der Kurzarbeit nachgebessert werden …

Aber dann? Business as usual…? HR was nun?

Phase 2: für viele Personalabteilungen besteht nun die Chance, erwachsen zu werden.

Kurzes Ausrasten ist gut und war hoffentlich über das Wochenende möglich. Aber jetzt beginnt für HR eine weitere wichtige Phase, in der sie ihren Stellenwert weiter ausbauen kann.

Für die meisten Unternehmen wird der Weg zum wirtschaftlichen Frühling mit ruhiger See voraussichtlich ein sehr langer. Aber die Schiffe werden die nächsten Wochen noch kräftig weiter schwanken – die Wellen haben sich noch nicht gelegt. Vielfach haben die Mitarbeiter der betroffenen Unternehmen aber in den letzten beiden Wochen nicht jene kommunikative Aufmerksamkeit erfahren, die sie in Schönwettersituationen gewohnt waren. Viele werden die unterschiedlichsten getroffenen Entscheidungen für die eigene Lebenssituation hinterfragen:

  • Warum wurde ICH gekündigt?
  • Warum wurde gerade ICH in die Kurzarbeit geschickt und andere dürfen bleiben?
  • Warum muss gerade ICH arbeiten und mich in Gefahr begeben?
  • Warum wurde ICH in Kurzarbeit geschickt und muss trotzdem voll weiterarbeiten, während ANDERE vor Langeweile die Zeit totschlagen?
  • Werde ich HOME-OFFICE denn auch wirklich langfristig bewältigen können oder bin ich damit überfordert?
  • Hat mein Unternehmen tatsächlich ZUKUNFT?

Möglicherweise waren die Art der Entscheidungen, die über die Mitarbeiter getroffen wurden wesentlich weniger ausschlaggebend als die Frage, wie diese von den vielen in der Krise völlig verunsicherten Führungskräften konkret kommuniziert wurden. Die Mitarbeiter benötigen gerade in den nächsten Tagen wieder Zuwendung, Struktur und Orientierung.

Jetzt, wo wir als Personalmanager auf Augenhöhe gemeinsam mit dem Top Management die Phase 1 gemeistert haben, kann HR mit dem Management gemeinsam das Boot in Balance bringen.

Und dies ist keine Frage der finanziellen Mittel, sondern vielmehr eine Frage des Bewusstseins und eines ehrlichen Wollens des Führungsteams.

Die Sensibilität, dass der Faktor „Mensch“ für den unternehmerischen Erfolg wichtig ist, sollte noch nie so hoch gewesen sein wie jetzt. Die Mitarbeiter müssen spätestens jetzt wieder spüren beginnen, dass sie von ihren Führungskräften auch tatsächlich wahr- und ernstgenommen werden – in Ihren Ängsten, Sorgen und Befürchtungen. Firmenleitbilder und Führungsleitsätze müssen nun (wieder) dem Belastungstest standhalten. Dabei können die Personalabteilungen beweisen, dass sie nicht nur arbeitsrechtlich, sondern auch mit ihrem sonstigen Methoden-Repertoire dem Unternehmen einen wertvollen Dienst erweisen können.

Das Erarbeiten von regelmäßigen Formaten, in denen Mitarbeiter auch im Homeoffice ein „Wir-Gefühl“ erfahren. Strukturierte, stimmige Interaktion mit jenen, die in Kurzarbeit stehen oder vorübergehend gekündigt wurden. Informationen darüber, wo das Unternehmen in der Krisenbewältigung steht und welche nächsten Schritte geplant sind. Aber auch das Angebot zur Qualifizierung von Mitarbeitern mittels digitaler Tools war noch nie so kostengünstig wie jetzt – viele Tools stehen sogar kostenfrei zur Verfügung.

Die Frage, inwiefern kompetente Mitarbeiter gehalten werden können und für das Hochfahren der Unternehmen mit überzeugtem Engagement zur Verfügung stehen, wird einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen. Ich weiß, dass viele Personalabteilungen mit ihren Ideen dazu wertvolle Antworten geben können. Noch nie wurde ihnen so aufmerksam zugehört wie jetzt.

HR wird erwachsen – und das ist gut so.


Gastautor

Mag. Michael Pichler, langjähriger HR Manager / Trainer / Coach; unterschiedlichste Erfahrungen im nationalen und internationalen Unternehmen; erlebte 2013 als HR Manager der Alpine Bau den größten Konkurs Österreichs (16.000 betroffenen MA) und war in weiterer Folge entscheidend involviert in der Restrukturierung der bauMax Gruppe. Für seine Bemühungen im Kampf um Arbeitsplätze wurde er in diesem Zusammenhang als „HR person of the year“ beim HR Summit 2016 ausgezeichnet.

Michael Pichler lebt in Wien-Strebersdorf, arbeitet als Trainer/Coach und Projektmanager. Er ist mit einer Personalmanagerin verheiratet und Vater von zwei Mädchen.

Michael Pichler @ Xing


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9 Kommentrare

  1. Mario Filoxenidis am

    Vielen Dank für Deine Worte, die hoffentlich vielen Lesern Mut machen, aktiv und positiv in die Zukunft zu blicken. Und die Erinnerung an Führungskräfte, dass sie GESTALTER und ÜBERSETZER sind.

  2. Peter Marsch am

    Das ist ein guter Artikel, der sich endlich auch mit den Tagen nach dem Überstehen der Coronakrise beschäftigt und welche Aufgaben auf HR zukommen werden. HR wird nun endlich wieder die Rolle bekommen, als GESTALTER UND ÜBERSETZER UND UMSETZER. Das heißt es wird sich auch der Job im Personalbereich gewaltig ändern, Gratulation zu diesem tollen Artikel.

  3. Beidernikl Gerd am

    Lieber Michael,
    Danke für den Beitrag. Eine wohltuende Abwechslung zu vielen anderen Berichten!

  4. Bernhard Dworak am

    Ein sehr guter Artikel, der widerspiegelt, was sich so abspielt! Ich bin schon auf die Fortsetzung neugierig, denn das „Beste“ 🙁 kommt sicherlich noch!

  5. Martina Kowar am

    Lieber Herr Pichler, Sie haben es auf den Punkt gebracht – ein sehr guter Artikel. Und mittlerweile freue ich mich auf‘s „Erwachsen werden“ – grossartiger Denkanstoß, vielen Dank!

  6. Elisabeth am

    sehr toller Artikel, der die Erfahrungen der letzten drei Wochen nicht besser beschreiben könnte. Danke!

  7. Andreas Onea am

    Großartiger Artikel der aufzeigt wie wichtig es ist, dass wir in Zeiten wie diesen alle an einem Strang ziehen und gemeinsam Lösungen finden müssen. Dass HR hier besonders gefordert ist, kann eine unglaubliche Chance sein um diesem wichtigen Teil einer Organisation auch intern diese Gewichtung zu geben! Danke für die spannenden Zeilen!

  8. Alexander Norman am

    Lieber Michael,
    Danke für Deinen wertvollen Impuls. Ich bin Deiner Meinung, dass es weitere Herausforderungen gibt die Zeit nach „Corona“ zu bewältigen. Es wäre aber jetzt schon Zeit sich Gedanken für die Zeit darnach zu machen, Veränderungen anzudenken und sich schon jetzt mit den Mitarbeitern auseinander zu setzen, deren Kreativität und Potenziale in Hinblick auf neue, veränderte Aufgaben anzusprechen und zu nutzen.
    Es gilt schon diese Zeit zu nutzen, die Kommunikationskultur auch auf digitaler Basis weiter zu entwickeln. Wann wenn nicht jetzt?
    Liebe Grüße Sandor

  9. Bernhard Dworak am

    Eine Beobachtung, die ich in letzter Zeit bei einigen Unternehmen gemacht habe ist, dass viele Ideen der HR-Abteilungen von anderen Einheiten (Marketing, Vertrieb, etc.) „vermarktet“ bzw. gestohlen werden 🙁
    HR könnte hier mit etwas mehr Nachdruck das „Copyright“ einfordern bzw. diese Situation dazu nutzen, damit das – in manchen Unternehmen gängige – HR-Bashing aufhört!

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