Diese Artikelserie läuft seit November 2025. Bevor ich diese Folge geschrieben habe, habe ich alle zwölf noch einmal gelesen, nicht aus Ordnungsliebe. Die KI verschiebt gerade den Maßstab, mit dem wir unsere eigenen Fähigkeiten bewerten.
Ich wollte nachsehen, was von meinen Sätzen noch trägt und wo ich inzwischen anders denke. Dazu kommt die Lage, aus der ich schreibe: Ich gehöre zu den Jahrgängen, über deren Erfahrung gerade verhandelt wird.
Erfahrung hat Wert. Aber welchen Preis?
Drei Dinge halte ich nach zwölf Folgen für beantwortet. Die klassische Karriereleiter trägt ein längeres Arbeitsleben nicht: Zwischen 80 und 95 Prozent der Beschäftigten erreichen die Spitze nie. Das ist Mathematik, nicht mangelnder Ehrgeiz. Die trainierbare Schicht einer Fähigkeit ist genau die automatisierbare, übrig bleibt die gelebte. Und der Weg ins Eigene ist keine Hoffnung, sondern gemessen: 61,1 Prozent der Erwerbstätigen ab 65 arbeiten selbständig oder mithelfend.
Alle drei laufen auf einen Satz zu: Der Apparat wurde kostengünstig, das Urteil nicht. Wer Jahrzehnte Kontext mit sich trägt, hat etwas, das die künstliche Intelligenz nicht mitliefert.
Offen blieb die Frage, die daraus folgt. Knappheit erzeugt einen Preis. Beim Urteil erzeugt sie keinen.
Die Belege liegen quer durch die Serie. Im Beitrag Das Ende der Karriereleiter lautete das erste Argument gegen erfahrene Beschäftigte nicht, sie leisteten zu wenig, sondern sie seien zu teuer. Im Artikel KI für alle ging es um Unternehmen, die Erfahrungswissen in Systeme überführen und dieselben Menschen anschließend in die Pension begleiten: Bezahlt war die Arbeit, das Urteil nie eigens vergütet. Und wo erfahrene Menschen ihre Urteilskraft weitergeben, ist das Feld besetzt, nur unbezahlt: Der Austrian Senior Experts Pool, ein Wiener Verein pensionierter Fachleute und Führungskräfte, versteht die Honorare seiner Mitglieder als Aufwandsentschädigung. Auch die Selbständigkeit rettet die Rechnung nicht: Wer ausschließlich selbständig erwerbstätig ist, kam 2021 auf mittlere Jahreseinkünfte von 13.201 Euro, Frauen auf 7.579 Euro.
Einschätzung ist kein knappes Gut mehr
Einschätzungen gibt es derzeit reichlich. Jedes Modell liefert Vorschläge, Empfehlungen und Begründungen, rund um die Uhr und in ganzen Sätzen. Yoshua Bengio, einer der meistzitierten Forscher des Feldes, legt Chatbots seine eigenen Forschungsideen als die eines Kollegen vor, weil er sonst nur Zustimmung bekommt.
Was im Überfluss vorhanden ist, ist die Beurteilung als Auskunft. Im Beitrag Future Skills hieß es, ohne getragene Folge bleibe Urteilen Methode. Ökonomisch gelesen sagt derselbe Satz etwas Handfesteres.
Ein Urteil, für das niemand geradesteht, ist eine Auskunft. Auskünfte sind gerade sehr preiswert geworden.
Wer das Risiko trägt, dem gehört die Entscheidung
Im Beitrag Das Transformations-Dilemma stand das Dilemma des Angestelltenverhältnisses: Das Unternehmen trägt das wirtschaftliche Risiko, also braucht es Kontrolle, also liegt die Entscheidung bei ihm. Das ist Vertragslogik.
Daraus folgt mehr, als damals sichtbar war. Wenn die Folge beim Unternehmen liegt, gehören ihm auch die Einschätzungen, die im Haus entstehen. Sie mussten nie gesondert bezahlt werden, weil sie an die Person gebunden waren und abends mit ihr nach Hause gingen. Erst seit sie sich in Systeme überführen lassen, fällt auf, dass sie nie einen eigenen Preis hatten.
Die gängigere Erklärung lautet anders. Richard David Precht sagt sinngemäß, erfahrene Angestellte bekämen Ausstiegsangebote, weil sie teuer seien und als digital schwächer gälten. Das beschreibt dieselbe Beobachtung, lässt aber offen, warum Erfahrung als Kostenposition gilt und nicht als Leistung. Teuer ist jemand erst, wenn das, was er mitbringt, keinen eigenen Posten hat. Das erklärt den Widerspruch aus dem Artikel Das Ende der Karriereleiter: Die beste Fachkraft steht schlechter da als die mittelmäßige Führungskraft, nicht weil Fachtiefe weniger wert wäre, sondern weil die Führungskraft unterschreibt.
Bezahlt wird nicht die Qualität einer Einschätzung. Bezahlt wird die Zuständigkeit für ihre Folge.
Wo tatsächlich bezahlt wird
Zwei Beispiele aus einer ORF-Reportage vom August dieses Jahres. Ein Wiener Rechtsanwalt sagt, was die künstliche Intelligenz nicht übernehmen könne, sei die Verantwortung: Wer Recht sucht, wolle jemanden, der für das Ergebnis geradesteht. Sabine Köszegi von der TU Wien verweist auf die Luftfahrt. Flugzeuge könnten autonom starten und landen, vorne sitzen trotzdem zwei Piloten, aus Sicherheitsgründen und weil die Fluggäste es so wollen.
In beiden Fällen ist der technische Teil nicht das Produkt. Das Produkt ist die Person, die einsteht.
Das Gegenbild liefert die Verwaltung. Die Novelle des Verwaltungsverfahrensgesetzes aus dem Beitrag Arbeit neu denken sieht Bescheide ohne menschliche Einzelfallprüfung vor. Die Beurteilung verschwindet damit nicht, sie wandert zu den Verwaltungsgerichten. Wo niemand mehr geradesteht, wird die Folge nicht günstiger, sondern später fällig und von jemand anderem bezahlt.
Was das für Organisationen heißt
Der Beitrag Das Ende der Karriereleiter hat Multiple Value Pathways vorgeschlagen, etwa einen Experten-Track auf dem Gehaltsniveau einer Abteilungsleitung. Solche Modelle scheitern selten am Budget. Sie scheitern daran, dass Entscheidung und Folge bei den Führungskräften bleiben, während die Fachkraft zuarbeitet. Ein Expertentitel ohne eigenes Entscheidungsrecht hebt das Gehalt und ändert nicht, wer für das Ergebnis einsteht. Wer Fachtiefe bezahlen will, muss ihr etwas zu entscheiden geben, für das sie dann auch einsteht.
Im Artikel Führung & Karriere ging es darum, dass Jüngere nicht die Verantwortung ablehnen, sondern das Bündel, in dem sie geliefert wird. Was daran nicht stimmt, lässt sich jetzt genauer sagen: Wer eine Führungsrolle übernimmt, übernimmt die Zuständigkeit für Ergebnisse weit über die eigene Arbeit hinaus, dazu Konflikte, Personalgespräche und Erreichbarkeit. Vergütet wird eine Gehaltsstufe, die sich aus dem Platz im Organigramm ergibt und nicht daraus, wofür jemand geradesteht.
Und wer Erfahrungswissen in Systeme überführt, wovor der Artikel Die System-Architekten gewarnt hat, behält die Auskunft und verliert die Person, die beurteilt, ob sie im konkreten Fall trägt, und dafür geradesteht.
Was es tragfähig macht
Geradestehen ist kein Talent, es ist eine Konstruktion mit drei Voraussetzungen. Eine Befugnis, denn in Österreich sind viele dieser Tätigkeiten reglementiert. Eine Deckung, denn Haftung ohne Versicherung ist ein Privatrisiko. Und einen Markt, dem der Unterschied zwischen Auskunft und Zuständigkeit etwas wert ist. Diese Konstruktion gibt es längst: Sachverständige, Gutachterinnen und Steuerberatungen arbeiten so. Was sich ändert, ist der Preis des technischen Teils daneben.
Was das im Einzelfall ändert
Für die Bewerbung heißt das: Ein Lebenslauf listet Stationen, Titel und Dauer. Er zeigt nicht, wofür jemand eingestanden ist. Der Beitrag Value Portfolio statt Lebenslauf hat dafür das Value Portfolio vorgeschlagen; die Frage, die es beantworten muss, lautet: Welche Entscheidung haben Sie getroffen, die auch schiefgehen konnte, und was ist daraus geworden? In Auswahlverfahren zählt das bisher wenig, dort werden weiter Stationen und Jahre abgeglichen. Für die eigene Prüfung, ob eine Stelle der nächste Schritt ist, zählt sie sehr wohl: Sie zeigt, ob dort etwas zu entscheiden sein wird oder nur zuzuarbeiten.
Für den Schritt ins Eigene heißt das: Die erste Frage ist nicht, was ich anbieten kann. Sie lautet, wofür ich geradestehe, ob ich das darf und ob ich es decken kann. Daraus ergibt sich der Preis, in dieser Reihenfolge. Wer sie umdreht und mit dem Stundensatz beginnt, landet bei dem, was der Markt für Auskünfte zahlt.
Die Unterschrift
Ein Gedankenspiel zum Schluss, als Denkmodell und nicht als Befund. Sam Altman hat kürzlich gesagt, es fehle ein Wort für jene Art des Entscheidens, die Menschen gut können und mit der die Modelle noch ringen. Vielleicht fehlt kein Wort für eine Fähigkeit, sondern eines für die Rolle dessen, der für ein Ergebnis einsteht. Das Modell liefert den Vorschlag. Bezahlt wird, wer unterschreibt.
Zwölf Folgen lang habe ich gefragt, wofür Erfahrung bezahlt wird. Die Antwort, die ich mitnehme, ist: für die Zuständigkeit, nicht für die Jahre. Sie schließt nicht alle Fragen, die diese Serie offen gelassen hat, und eine öffnet sie neu. Welche Ihrer Entscheidungen hätte schiefgehen können, und wer ist dafür eingestanden?
Ein Streifzug durch 12 Artikel „Arbeit neu denken“
Quellen
- ORF „Eco“, Reportage vom 27.08.2026: Interview mit Sabine Köszegi (TU Wien, Vorsitzende des Österreichischen Rats für Robotik und Künstliche Intelligenz) sowie mit einem Wiener Rechtsanwalt.
- Statistik Austria, Sonderbericht „Ältere Erwerbstätige 2023“: Im Jahresdurchschnitt gingen 88.600 Personen ab 65 einer Erwerbstätigkeit nach, 61,1 Prozent davon als Selbständige oder mithelfende Familienangehörige. Hinweis: Ein Teil davon arbeitet mithelfend im Familienbetrieb, nicht im eigenen Unternehmen.
- Rechnungshof/Statistik Austria, Allgemeiner Einkommensbericht 2024 (Dezember 2024), Kapitel 3: mittlere Jahreseinkünfte der ausschließlich selbständig Erwerbstätigen 2021, vor Steuern und nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge. Der Bericht hält fest, dass die Einkommen der Selbständigen wegen steuerlicher Gestaltungsspielräume tendenziell unterschätzt werden.
- Austrian Senior Experts Pool, asep.at, Stand April 2026: Honorare der Mitglieder als Aufwandsentschädigung.
- Yoshua Bengio (Turing Award, Mila), öffentliches Interview 2026. Hinweis: Bengio hat 2026 die Non-Profit-Organisation Law Zero gegründet.
- Sam Altman (OpenAI), öffentliches Interview 2026.
- Richard David Precht, Bühnengespräch 2026, Angabe sinngemäß. Hinweis: Datum und Veröffentlichungsort nicht abschließend geklärt, Aussage beruht auf Einzelbeobachtungen des Autors.
- ORF.at zur Novelle des Allgemeinen Verwaltungsverfahrensgesetzes, September 2026.

