Mehrsprachigkeit ist in unserer Gesellschaft heute keine Seltenheit. Welche Facetten Mehrsprachigkeit hat und welchen Vorteil sie im Arbeitskontext und für die Gesellschaft haben kann, soll hier genauer betrachtet werden.
Autorin: Dr. Karin Schreiner ist interkulturelle Consultant und Coach (www.iknet.at)
Im Berufsleben ist heute häufig Englisch die Unternehmenssprache. Daher wird die Kenntnis des Englischen für den Arbeitsalltag oft vorausgesetzt. Englisch wird dann für den beruflichen Kontext als Fremdsprache sehr gut bis perfekt beherrscht, ist aber für die meisten nicht Bestandteil ihres Lebensalltags.
Mehrsprachigkeit bedeutet auch, dass im privaten Alltag und im Familienleben ständig zwei oder mehr Sprachen gesprochen werden: Die Muttersprache bzw. Sprache der Eltern, der Großeltern, die Bildungssprache und Sprache der Mehrheitsgesellschaft. Man spricht dann von lebensweltlicher Mehrsprachigkeit.
Welche Vorteile bringt Mehrsprachigkeit in ihrer letztgenannten Bedeutung und wie können Gesellschaft und Unternehmen davon profitieren? Folgende Aspekte werden daher näher beleuchtet:
- Unterschiedliche Haltungen gegenüber Mehrsprachigkeit
- Translanguaging bei mehrsprachigen Personen
- Benefits für den Arbeitsalltag
- Gesellschaftliche Pluralität bedeutet auch ein Bekenntnis zu Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft
1. Unterschiedliche Haltungen gegenüber Mehrsprachigkeit
Im 20. Jahrhundert wurde lange Mehrsprachigkeit als Sonderfall betrachtet und ignoriert. Daher wurde Mehrsprachigkeit in der Kindheit weder gefördert noch unterstützt. Man war der Auffassung, dass es besser sei, Sprachen nacheinander zu lernen. Dem lag die Auffassung zugrunde, Sprachen seien voneinander abgegrenzte Gebilde, die stellvertretend für Nationalsprachen stehen. Sprache wurde als etwas Einheitliches verstanden, das eine Nation zusammenhält. Damit einher ging auch die Auffassung von Kultur als Nationalkultur, für die jeweils eine Sprache stehe.
Heute hingegen werden in der Sprachwissenschaft Sprachen in einem weiteren Kontext und aus einer pluralistischen Perspektive gesehen. Sprachen sind keine isolierten Bereiche, sondern überlappend und ineinander übergreifend. Sprachen werden als offene Systeme verstanden, die sich an unterschiedliche Kontexte anpassen und in denen Wörter ausgetauscht, entlehnt oder gemischt werden können.
In diesem Kontext hat Mehrsprachigkeit eine komplexe Bedeutung. Einerseits das Sprechen mehrerer Sprachen, andererseits wird Sprache nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern auch als ein Mittel verstanden, mit dem sich Sprechende sozial, politisch, ideologisch und geografisch bzw. regional positionieren. Akzente und Dialekte oder grammatikalische Ungenauigkeiten im Ausdruck können als Unterscheidungsmerkmale für regionale und soziale Zugehörigkeit dienen und gesellschaftlichen Ein- oder Ausschluss rechtfertigen.
Mehrsprachigkeit erscheint heute als Vorteil, jedoch wird damit häufig fremdsprachige Mehrsprachigkeit gemeint. Lebensweltlicher Mehrsprachigkeit, die auch Sprachen mit geringem sozialem Prestige beinhaltet, wird allgemein weniger Bedeutung zugesprochen.
2. Translanguaging bei Mehrsprachigkeit
Sprachen sind Bestandteil unterschiedlicher kultureller Kontexte. Bikulturelle und mehrsprachige Personen wechseln zwischen ihren Sprachen mühelos hin und her, oft innerhalb eines Satzes. Sie finden ein Wort, das sie in der einen Sprache suchen, in der anderen. In der sprachlichen Praxis ist der Übergang von einer in die andere Sprache fließend. Das wird auch translanguaging oder Switchen zwischen den Sprachcodes genannt. In beiden Sprachen wird die Fähigkeit beherrscht, mit der Vieldeutigkeit und den Differenzierungen in den jeweiligen Sprachen umzugehen und Metaphern oder Humor gezielt einzusetzen.
Ein Beispiel: Amira hat ägyptische Wurzeln und switcht zwischen Arabisch und Deutsch, vor allem in ihrem Privatleben. Sie betont, dass sich humorvolle Andeutungen oder Metaphern vom Arabischen nicht leicht ins Deutsche übersetzen lassen. Sie hat gelernt, mit den jeweiligen Eigenheiten ihrer Sprachen entsprechend umzugehen.
Translanguaging ist Ausdruck von Bikulturalität. Die Betroffenen wechseln mühelos zwischen kulturellen und sprachlichen Codes. Sie kennen die jeweiligen Kontexte sehr gut mit all ihren Differenzierungen und Besonderheiten. Das Praktizieren von Mehrsprachigkeit widerspiegelt die Komplexität von Sprachen und reflektiert auch den Umgang mit der eigenen Bikulturalität. Für den Arbeitskontext ergeben sich daraus ungeahnte Vorteile.
3. Benefits für den Arbeitsalltag
Mehrsprachigkeit ist im Arbeitsalltag durchwegs ein Vorteil. Neben fremdsprachlicher Mehrsprachigkeit schätzt man lebensweltliche Mehrsprachigkeit heute mehr. Profunde Kenntnisse in weniger prestigereichen Sprachen finden immer häufiger Einsatzbereiche in Unternehmen oder Institutionen. Vor allem im Gesundheitsbereich oder im Dienstleistungssektor erweisen sich diese als besonders wertvoll.
Dazu ein Beispiel:
Cvetanka hat serbische Wurzeln und arbeitet in einem Krankenhaus in Wien auf der Intensivstation. Durch ihre muttersprachlichen Kenntnisse im Serbischen, aber auch Rumänischen, das sie von ihrer Großmutter gelernt hat, kann sie in diesen Sprachen für Patienten aus dem Deutschen übersetzen, was gerade in sensiblen Situationen vor Operationen oder besonderen Therapien immer wieder erforderlich ist.
Gleichzeitig wirkt sich die Anwendung von Mehrsprachigkeit im beruflichen Kontext positiv auf die Identität und das Selbstbewusstsein der Betroffenen aus. Denn diese fühlen sich in ihrer kulturellen Identität bestätigt und wertgeschätzt. Gerade in Arbeitskontexten, in denen kulturelle Vielfalt positiv gesehen und gefördert wird, kommt Mehrsprachigkeit verstärkt zum Einsatz.
Mehrsprachige Personen, die konstant zwei Sprachen kognitiv managen, verfügen dadurch über besondere Fähigkeiten wie Perspektivenwechsel, Verständnis für sehr widersprüchliche Positionen sowie eine besondere Aufmerksamkeit. Sie können daher auch als kulturelle Brückenbildner fungieren und einen erheblichen Mehrwert für einen Arbeitskontext bilden.
4. Gesellschaftliche Pluralität bedeutet auch ein Bekenntnis zu Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft
Mehrsprachigkeit bringt man häufig mit den sogenannten Prestigesprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch in Verbindung, die man in der Arbeitswelt hoch bewertet. Die lebensweltliche Mehrsprachigkeit von Zugewanderten aus unterschiedlichsten Kulturen wird im öffentlichen Diskurs eher übersehen oder ignoriert.
Stattdessen zieht man vor allem das Niveau der erworbenen Deutschkenntnisse für das Maß an Integration in die Mehrheitsgesellschaft heran. Das ist eine verständliche, aber doch einseitige Perspektive auf die kulturelle und sprachliche Vielfalt von Zugewanderten. Denn bei diesem Blickwinkel fehlt die Wertschätzung der Sprachen, die Zugewanderte mitbringen und die Teil ihrer Identität sind.
Das Ignorieren dieses sprachlichen Potenzials ist ein Verlust, wenn wir Vielfalt positiv als Bereicherung unserer Gesellschaft sehen. Die Aberkennung der vielfältigen Sprachkompetenzen reduziert die Betroffenen auf ihr Defizit, nicht oder noch nicht über entsprechende Deutschkenntnisse zu verfügen. Der Fokus auf diesem Defizit verdeckt vorhandene Kompetenzen und Kenntnisse und wertet diese Personen ab. In der Sprachwissenschaft wird das als „Linguizismus“ bezeichnet. Also eine Diskriminierung von Sprachen und deren Sprecher und Sprecherinnen. Das betrifft auch Kinder, deren Muttersprachen man im deutschsprachigen Kontext der Schule abwertet.
Mehrsprachigkeit könnte als Zusatzqualifikation angesehen werden, womit die lebensweltlich vorhandenen Sprachen der Betroffenen anerkannt und als Teil ihrer Identität gesehen werden. Ein Interesse an der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit würde auch ein Interesse an der komplexen kulturellen Identität dieser Personen ausdrücken.
Benefits und Bedeutung von Mehrsprachigkeit
Quelle
Karin Schreiner, Bikulturalität: Lost in Cultures? Eine unerkannte Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft.
Neofelis Verlag, Berlin 2026, ISBN-13: 978-3958086180


