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Teamimpuls

Der „Gesprächsproberaum“ als Fitness-Studio für Social Skills im Office

19Jan2026
5 min
Gesprächsproberaum, Karin Lebenbauer

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Heikle Führungsgespräche vorab im geschützten Rahmen üben können? Genau das geht im Gesprächsproberaum. Wie dabei bewusst keine Rollenspiele mit Peer Group Learning und die pure Praxis der Teilnehmenden zusammenwirken, zeigt der folgende Bericht …

Gast-Autorin

Karin Lebenbauer, MSc ist selbständige Organisationsberaterin, Trainerin und Moderatorin. Mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in den Bereichen strategische Personalentwicklung, Change Management, Führungskräfteentwicklung, Kommunikationstraining sowie der Konzeption und Moderation innovativer, interaktiver Großgruppenveranstaltungsformate – und mit einer großen Leidenschaft für kreative, lebendige, unkonventionelle Lern-Formate – arbeitet sie heute für Menschen, Organisationen, Projekte, Branchen und Initiativen, denen es ein Anliegen ist, einen Beitrag zu nachhaltiger, regenerativer Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten.

www.karin-lebenbauer.at/training-proberaum

Karin Lebenbauer

Wenn es heikel wird …

„Das ist ja ein Wahnsinn. Das geht so nicht. Jetzt haben wir Deine Stunden schon auf 15 reduziert. Und 12 davon surfst Du noch immer auf Social Media und schreibst Deine Masterarbeit im Büro. Hallo, Du hast hier einen Dienstvertrag. Also mach doch endlich mal gefälligst Deine Arbeit!“

Exakt so war der Führungskraft in einem internationalen IT-Unternehmen im Gespräch mit dem Werksstudenten zumute. Doch angehört hat es sich im Gespräch dann so:

„Also, wir schätzen Dich sehr hier. Und es ist ganz toll, dass Du Dein Studium neben dem Beruf schaffst. Es ist nur so, dass wir da jetzt beim Kunden das Angebot bis nächste Woche legen müssen. Und ich wollte Dich fragen, also ich meine, vielleicht können wir gemeinsam überlegen, wie wir Deine Stunden für die nächsten Tage da gut einplanen können …“

Harmonie-Liebe als Herausforderung …

Führungskräfte tragen die Verantwortung, Leistung auf die Straße zu bringen. Und logischerweise dabei betriebswirtschaftlich zu handeln. So weit so klar. Nur in der Sekunde der Wahrheit, insbesondere dann, wenn ein Kritikgespräch schon auf die viel zu lange Bank geschoben wurde, sind Führungskräfte auch nur Menschen und wollen geliebt werden. Dabei kann ein Kritikgespräch mit der richtigen inneren Haltung und einer bewusst gestalteten Gesprächsstruktur beides: unternehmerisch klar in der Sache sein UND wertschätzend zum Menschen.

Solche „entwicklungs-orientierten Kritikgespräche“ zu üben, ist das häufigste Anliegen von Führungskräften im Gesprächsproberaum. Aber auch für Konfliktsituationen, Change-Kommunikation, Teamführung, bei Kundenbeschwerden und Verhandlungen wirkt der Gesprächsproberaum wie ein Fitness-Studio für Social Skills.

Wie ist das Format „Gesprächsproberaum“ entstanden?

Ich habe vor rund 20 Jahren begonnen, Führungs- und Kommunikationstrainings zu halten. Und von Beginn an habe ich den Teilnehmenden immer die Möglichkeit gegeben, ihre eigenen Fragen und Praxisfälle einzubringen. Denn wem nützen die hübschesten Theoriemodelle, wenn einem etwas akut unter den Nägeln brennt.

Über die Jahre wurde der „pure Praxis-Teil“ immer größer, bis ich dann die bewusste Entscheidung getroffen habe, meine Erfahrungen aus dem Improvisations- und Forumtheater und das Format des Peer Group Learnings (kollegiale Fallberatung) zu kombinieren und daraus den „Gesprächsproberaum“ zu machen.

Das WHY ist klar: Kommunizieren lernt man nur durch Kommunizieren. Und lustvolle, aber nicht endenwollende theoretische Diskussionen, wie man eine brenzlige Situation lösen könnte, helfen genau so wenig weiter, wie wenn hunderttausende selbsternannte Fußball-Team-Chefs vor dem Bildschirm sitzend der Mannschaft gute Ratschläge erteilen.

Stell Dich hin. Geh selbst auf´s Spielfeld. Und wenn Du den Ball hast, dann schieß ins Tor.   

Als Führungskraft ist man oft auch durchaus einsam, wenn es darum geht, sich Hilfe für herausfordernde Situationen zu holen. Muss man sich doch vermeintlich nach außen immer sicher und souverän zeigen.

Genau wie Sportler regelmäßig Kraft und Koordination trainieren, können Führungskräfte im Gesprächsproberaum ihr Kommunikationsverhalten üben, ja sogar verschiedene „Spielvarianten“ in Szene setzen.

Was ist das Besondere am Gesprächsproberaum?

Zu Beginn gibt es eben KEINE Powerpoint-Folienschlacht mit trockenen Kommunikationstheorien. Stattdessen werden die akuten, herausfordernden, realen Situationen der Teilnehmenden gesammelt. Daraus entsteht die Agenda. Dazu passend gibt es dann von mir ein paar nützliche Tipps und Gesprächsleitfäden. Dann geht es sofort ins Tun.

Ich verwende keine Rollenspiele aus der Schublade – weil die dagegen aufgestellten Widerstandsbäume schon einen ganzen Wald bilden würden – sondern inszeniere spontan mit den Teilnehmenden ihre Echtsituationen aus dem Arbeitsalltag. Das ganz große Goodie: Die Führungskraft muss zum Üben keine Rolle spielen, sie bleibt ganz sie selbst. In den Part des Mitarbeiters geht eine Co-Trainerin, die gerne auch aus dem Unternehmen (PE, HR) kommen kann.

Das Übungsgespräch beginnt – und mit den Funktionen PAUSE, ZURÜCKSPULEN und WIEDERHOLUNG entsteht im gemeinsamen, kollegialen Beobachten und Reflektieren eine Fülle von neuen Sichtweisen und vielleicht noch nie-gedachten-Handlungsmöglichkeiten. Und die sind ab dem nächsten Moment, ab der nächsten Klappe, sprich Szenenwiederholung umsetzbar. Der eigene Wirkungserfolg wird abgespeichert und steht sofort als wertvolle Lernerfahrung zur Verfügung.

Und wenn zunächst der Mut fehlt, die „heiße Kartoffel“ im Gespräch anzusprechen, dann gibt es von mir die liebevolle, aber klare Ermutigung „Meet-the-Monster“ – wer schon mal Impro-Theater gespielt hat, weiß, was das bedeutet … alle anderen dürfen kurz mal googeln …  

Angelehnt an das Forumtheater darf ein Teilnehmer auch die EJECT-Taste drücken: Er kann Kollegen „von der Ersatzbank“ darum bitten, ihre Verhaltensoptionen für das Gespräch zu zeigen. Somit sind alle JEDERZEIT in einer aktiven Rolle.

Erwünschte Nebenwirkungen & Lernarchitekturen

Der Gesprächsproberaum wirkt insbesondere auch dadurch, dass Führungskräfte miteinander ihre Erfahrungen und unterschiedlichen Sichtweisen teilen. Selbstdarstellung oder Oberlehrer-Benehmen sind fehl am Platz. Das Format erfordert radikale Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und erfrischende Blicke in den Spiegel.

Und plötzlich merkt man, dass man nicht alleine dasteht. Dass Andere genau vor der gleichen Herausforderung stehen. Dieses „Sharing“ ermutigt und beflügelt.

Das Setting ist unterhaltsam UND tiefgehend. Es wird in kleinen Gruppen von 5 bis max. 9 Personen gearbeitet. Ausschließlich live in Präsenz. Ein streng-vertraulicher Rahmen ist zwingend. 

Teilnehmende sehen sich danach meist inspiriert und engagiert, als Führungsteam mehr in gemeinsamen Austausch zu gehen. Das stärkt die Führungskultur und die Zugkraft für jegliche Organisationsentwicklungsvorhaben.

Der Gesprächsproberaum kann im Rahmen eines Leadership-Development-Programms als „stand-alone“-Event oder auch als Teil eines Modules oder Lehrganges umgesetzt werden. Auch als regelmäßig wiederkehrender Peer-Group-Learning-Workshop z.B. für Absolventen einer Führungskräfte-Ausbildung oder für Young Leaders im Mix mit erfahrenen Führungskräften und Projektleitern ohne disziplinarische Verantwortung wirkt der Gesprächsproberaum doppelt: Als „Social-Skills-Fitnessstudio“ UND als authentisches Community-Building-Instrument in der Organisation.

Ende und Neuanfang der Geschichte …

Nach einem Training im Gesprächsproberaum könnte sich die eingangs geschilderte reale Situation am nächsten Tag dann zum Beispiel so anhören:

„Damit Du Dein Studium abschließen kannst, haben wir vor 2 Monaten eine Reduktion Deiner Wochenstundenanzahl vereinbart. Nun habe ich beobachtet, dass Du einen Großteil Deiner verbleibenden Arbeitszeit weiterhin für Deine Masterarbeit verwendest. Das hat jetzt dazu geführt, dass wir einen Kundentermin nicht einhalten konnten und andere Kollegen Mehrarbeit übernehmen müssen und das als unfair empfinden. Du hast hier einen Dienstvertrag und für das Gehalt erwarte ich, dass Du zu 100 % für das Unternehmen arbeitest.“

Der „Gesprächsproberaum“ als Fitness-Studio für Social Skills im Office

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