Viele Führungskräfte wissen, was sie sagen wollen. Wesentlich schwieriger ist die Frage, wie sie tatsächlich wirken. Genau dort setzt eine Form von Feedback an, die weder beschönigt noch bewertet.
Gast-Autorin: Dr. Zofia Bibiane Laub, B.A M.A
Man kann sich vieles erklären, aber nicht alles
Wer Führungsverantwortung trägt, erhält laufend Rückmeldungen. Von Mitarbeitenden, Kolleginnen und Kollegen, Kundinnen und Kunden oder Vorgesetzten. Trotzdem bleiben manche blinde Flecken erstaunlich lange bestehen. Nicht weil Menschen nicht reflektieren würden. Sondern weil Rückmeldungen selten völlig ungefiltert sind. Menschen nehmen Rücksicht. Sie formulieren vorsichtig. Sie interpretieren Situationen unterschiedlich. Manches wird ausgesprochen, vieles nicht.
In meiner Arbeit mit Führungskräften ist mir immer wieder aufgefallen, dass Entwicklung häufig dort beginnt, wo die eigene Wirkung sichtbar wird. Nicht theoretisch, sondern unmittelbar. Genau das zeigte sich auch in einer qualitativen Untersuchung, in der Coaches und Führungskräfte zu ihren Erfahrungen mit pferdegestützten Coachings befragt wurden. Dabei fiel etwas auf: Obwohl die Teilnehmenden völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, Berufe und Führungserfahrungen mitbrachten, beschrieben sie erstaunlich ähnliche Lernerfahrungen. Viele konnten mit Pferden zunächst wenig anfangen.
Umso größer war die Überraschung darüber, wie schnell sie mit Themen konfrontiert wurden, die sie eigentlich bearbeiten wollten – oder manchmal auch mit jenen, die sie gar nicht auf dem Radar hatten. Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: „Pferde drücken einfach Knöpfe, von denen man weder wusste noch sie gespürt hatte.“
Wenn Wirkung sichtbar wird
Pferde reagieren nicht auf Titel, Organigramme oder Statussymbole. Sie reagieren auf das, was unmittelbar wahrnehmbar ist.
Auf Körpersprache. Auf Klarheit. Auf Präsenz. Auf Unsicherheit.
Mehrere Teilnehmende beschrieben, dass sie während der Coachingeinheiten erstmals bewusst wahrgenommen haben, wie stark ihre innere Haltung ihr Äußeres Verhalten beeinflusst. Versuchte jemand, Sicherheit auszustrahlen, ohne sie tatsächlich zu empfinden, wurde das beispielsweise durch Stehenbleiben des Pferdes sichtbar. Wurde die Kommunikation klarer, veränderte sich oft auch die Reaktion des Pferdes. Entstand Unsicherheit, zeigte sich diese ebenfalls unmittelbar.
Genau darin lag für viele der eigentliche Lerngewinn. Nicht im Umgang mit dem Pferd selbst, sondern in der Auseinandersetzung mit der eigenen Wirkung. Besonders interessant war dabei, dass diese Erfahrungen unabhängig von Persönlichkeit oder beruflichem Hintergrund beschrieben wurden. Selbst Personen, die sich selbst als sehr rational einschätzten, berichteten davon, dass sie durch die Arbeit mit dem Pferd einen anderen Zugang zu ihrem Verhalten gefunden haben.
Mehrere Teilnehmende beschrieben die Coachingeinheiten als eine Art Spiegel. Nicht weil das Pferd Menschen „analysiert“, sondern weil Reaktionen unmittelbar sichtbar werden und dadurch Reflexion entsteht.
Führung beginnt auf der Beziehungsebene
Ein weiteres Muster zog sich durch nahezu alle Gespräche. Nach den Coachingeinheiten sprachen die Teilnehmenden deutlich weniger über Methoden und deutlich häufiger über Beziehungen.
Über Aufmerksamkeit. Über Zuhören. Über Klarheit. Über den Umgang mit anderen Menschen.
Viele berichteten, dass sie im Berufsalltag bewusster auf nonverbale Signale achten. Einige beschrieben, dass sie häufiger nachfragen, genauer zuhören oder mehr auf die Bedürfnisse ihres Gegenübers eingehen. Dabei ging es nicht darum, plötzlich „weicher“ zu führen. Vielmehr entwickelte sich bei vielen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Führung situationsabhängig ist. Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschrieben, dass sie Führung heute weniger als starren Führungsstil verstehen. Stattdessen achten sie stärker darauf, was Mitarbeitende in einer konkreten Situation tatsächlich benötigen.
Manchmal braucht es Orientierung. Manchmal Unterstützung. Manchmal klare Vorgaben. Und manchmal reicht es, präsent zu sein und zuzuhören.
Besonders spannend war dabei die Veränderung der Sicht auf Durchsetzungsfähigkeit. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie klare Anweisungen lange mit Härte oder Ablehnung verbunden hatte. Erst durch die Coachingeinheit wurde ihr bewusst, dass Klarheit auch Sicherheit schaffen kann. Nicht jede direkte Aussage wird als Angriff wahrgenommen. Häufig hilft sie Menschen dabei, ihre Rolle und ihre Aufgaben besser zu verstehen.
Was sich nicht trainieren lässt
In vielen Unternehmen wird Führung entwickelt. Es gibt Seminare, Workshops, Trainings und Modelle. All das kann hilfreich sein. Trotzdem zeigte sich in den Gesprächen ein interessanter Gedanke. Bestimmte Fähigkeiten entstehen nicht allein durch Wissen.
Man kann über Empathie sprechen. Man kann über Präsenz sprechen. Man kann über Achtsamkeit sprechen.
Ob diese Fähigkeiten tatsächlich im Alltag gelebt werden, zeigt sich jedoch meist erst in konkreten Situationen. Genau deshalb beschrieben viele Teilnehmende die Coachingeinheiten als besonders eindrücklich. Nicht weil sie neue Theorien kennengelernt hätten. Sondern weil sie erleben konnten, wie ihr Verhalten wirkt. Mehrere berichteten, dass sie sich nach dem Coaching selbst besser einschätzen konnten. Andere beschrieben mehr Gelassenheit in Konfliktsituationen oder einen bewussteren Umgang mit ihrer Umwelt.
Auffällig war auch, dass viele Teilnehmende noch Wochen später auf Situationen aus den Coachingeinheiten zurückgriffen. Bestimmte Bilder und Erlebnisse blieben präsent und wurden auf neue Herausforderungen übertragen.
Warum ungefiltertes Feedback so wertvoll ist
Der vielleicht interessanteste Befund der Untersuchung hat am Ende gar nicht unmittelbar mit Pferden zu tun. Vielmehr stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Wo erhalten Führungskräfte ehrliches Feedback über ihre Wirkung?
Fachliches Feedback ist in Organisationen meist gut etabliert. Feedback zur eigenen Präsenz, zur Wirkung auf andere oder zur Qualität von Beziehungen ist deutlich seltener. Dabei entstehen gerade dort häufig die größten Entwicklungsschritte. Die befragten Teilnehmenden beschrieben immer wieder ähnliche Erfahrungen. Sie wurden auf Verhaltensweisen aufmerksam, die ihnen zuvor nicht im vollen Umfang bewusst waren. Sie reflektierten ihr Auftreten. Sie hinterfragten Gewohnheiten. Und sie probierten neue Verhaltensweisen aus. Nicht weil ihnen jemand gesagt hatte, was richtig oder falsch ist. Sondern weil sie die Auswirkungen ihres Handelns unmittelbar wahrnehmen konnten.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke solcher Erfahrungen. Nicht in den Pferden. Sondern in der Möglichkeit, sich selbst einmal, ohne die üblichen Filter zu begegnen. Denn wirksame Führung beginnt oft nicht mit einer neuen Methode. Sondern mit der Bereitschaft, die eigene Wirkung wahrzunehmen.
Ungefiltertes Feedback | Was Pferde über wirksame Führung verraten können
Gast-Autorin
Dr. Zofia Bibiane Laub, B.A M.A beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen Führungsqualität entwickeln und wie Lernprozesse nachhaltig wirksam werden. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Führungskräfteentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung und Coaching. In ihren Forschungsarbeiten verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen aus der Arbeit mit Führungskräften.

