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Verlust, Trauer und Tod am Arbeitsplatz

Wertschätzender Umgang mit Verlust, Trauer und Tod am Arbeitsplatz

Schon vier Tage fehlte der sonst so zuverlässige Bernhard M. unentschuldigt im Unternehmen. Als Projektmanager wurde seine Arbeit dringend gebraucht, rückt der Projektabschluss doch in greifbare Nähe. Versuche, den Kollegen Bernhard M. telefonisch zu erreichen schlagen fehl.

Dann die traurige Nachricht: Der Sohn von Bernhard M. (Name geändert, realer Fall) ist mit dem Auto tödlich verunglückt. Beide Eltern sind zutiefst geschockt und nicht in der Lage zu arbeiten.

Fehlen Ihnen auch manchmal die Worte wenn Sie vom Tod eines Kollegen, eines Angehörigen oder Kunden hören?

Kennen Sie die Unsicherheit, die Hilflosigkeit oder Unbehaglichkeit wenn Ihnen ein trauernder Angehöriger gegenüber sitzt?

Haben Sie sich schon mal gewünscht auf solche Situationen besser vorbereitet zu sein?

Emotionale Hilfe finden trauernde Mitarbeiter in der Regel in ihrer Familie und/oder in ihrem sozialen Umfeld. Bei der Hilfe am Arbeitsplatz wird es oft sehr schwierig. Steht doch hier die Leistungserbringung und das Funktionieren im Vordergrund. Manager sehen trauernde Mitarbeiter häufig als „Störfall“ an.

Verspätungen, Krankschreibungen oder emotionale Schwankungen sind eine Reaktion, mit denen sich die Team-Kollegen oftmals konfrontiert sehen. Steigt aus Unaufmerksamkeit die Fehlerquote des Trauernden, hat das oft negative Auswirkungen auf den Teamgeist und das ganze Team. Ganz abgesehen von den Schäden die durch Produktionsverzögerung oder an Maschinen entstehen können.

Fällt ein Mitarbeiter auf Grund der Trauer gesundheitlich (z.B. durch Depression) für längere Zeit aus, haben beide Seiten mit Umsatzeinbußen zu rechnen. Das Mittelstandbarometer von Ernst & Young beziffert die Höhe der Umsatzeinbußen in Deutschland auf 30 Milliarden Euro. Studien der Krankenkasse DAK gehen von Umsatzeinbußen allein bei „psychischen Störungen“ von 13 -15 Milliarden Euro aus. Brechen wir diese Zahlen auf Österreich herunter, sprechen wir von jährlichen Umsatzeinbußen im einstelligen Milliardenbereich. Diese Zahlen kennen wir seit über 20 Jahren aus den USA und England.

Angemessen reagieren

Bei jeder Art von Trauer- oder Verlustsituation stellen sich viele Fragen – nach der angemessenen Verhaltensweise der jeweiligen Führungskräfte, den möglichen Hilfestellungen des Unternehmens und dem Verhalten des Teams. Trauert ein Mitarbeiter, gilt es für Unternehmer, Personalverantwortliche und Führungskräfte, akute Hilfe anzubieten und die Arbeit nach dem Wiedereinstieg an die Bedürfnisse des trauernden Mitarbeiters anzupassen. Das heißt auch, das Kollegenteam auf die Rückkehr des Trauernden vorzubereiten. Bei Todesfällen in Unternehmen ist auch die Kommunikationsabteilung gefragt. Das gilt für die interne wie externe Krisenkommunikation.

Nur sehr wenige österreichische Unternehmen haben sich mit dem Thema „Trauer am Arbeitsplatz“ befasst und die Führungskräfte auf entsprechende Situationen vorbereitet. Fehlende Hilfe für Mitarbeiter resultiert meistens nicht aus bösem Willen, sondern aus Unsicherheit im Umgang mit Trauer und Verlust.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod oder der Trauer von Mitarbeitern verlangt von allen Führungskräften ein hohes Maß an Mitarbeiterführung, Empathie und Wertschätzung für die betroffenen Personen. Die möglichen Angebote für trauernde Mitarbeiter sind sehr vielfältig und spalten sich in interne und externe Lösungen auf. Da die Mitarbeiter in vielen Unternehmen unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, ist auch die kulturelle Vielfalt der Trauer zu beachten. Sinnvoll ist es, speziell ausgebildete und externe Fachkräfte mit einzubeziehen.

Instrumente & Trauerbegleitung

Auch wenn im BGM und BEM derzeit die Konzepte zur betrieblichen Trauerbegleitung noch fehlen, können konkrete Lösungen für den Umgang mit Verlust, Trauer und Tod am Arbeitsplatz dort sehr gut integriert werden.

Um all diese Instrumente angemessen einzusetzen, gilt es eine Trauerpolitik in Unternehmen aufzubauen.

Das Ziel von betrieblicher Trauerbegleitung ist es, vorbereitet zu sein auf

  • Die Stärkung der HR-Manager und der Führungskräfte im Umgang mit Trauer,
  • den richtigen Umgang mit Verlust, Tod und Trauer im Unternehmen,
  • wertschätzenden Umgang mit trauernden Mitarbeitern,
  • die Unterstützung möglicher Hinterbliebener,
  • das ebenen der Rückkehr an den Arbeitsplatz,
  • die interne wie externe Krisenkommunikation.

Was sind die notwendigen Schritte und Fragen für eine HR-Abteilung?

  • Überprüfen Sie die aktuellen Lösungen für Trauerfälle in Ihrem Unternehmen.
  • Welche Erfahrungen haben Sie bei den letzten Trauerfällen im Mitarbeiterstamm gesammelt?
  • Wie unterstützt Ihre Unternehmenskultur trauernde Mitarbeiter?
  • Welche Maßnahmen und Lösungen haben sich in der Vergangenheit als gut umsetzbar erwiesen?
  • Welche internen Ressourcen sind noch zu optimieren?
  • Von welchen Fähigkeiten können Ihre Führungskräfte profitieren?
  • Auf welche externe Hilfe von Trauerspezialisten können Sie zurückgreifen?
  • Was würde es kosten, die Trauer der Mitarbeiter zu ignorieren?
  • Wie ist die interne und externe Krisenkommunikation vorbereitet?

Wenn Sie bereits Lösungen im Unternehmen installiert haben:

  • Sind Ihre Lösungen auf dem neuesten Stand?
  • Stimmen die Kontaktdaten der externen Trauerspezialisten noch?
  • Was würde es kosten, ihre bestehenden Lösungen zu überarbeiten?
  • Wie werten Sie die Erfahrungen der letzten Todes- und Trauerfälle aus?

Wenn Sie noch keine Lösung haben:

  • Welche externen Trauerspezialisten können Ihnen bei der komplexen Lösung helfen?
  • Was würde es kosten und welche Vorteile hat das Unternehmen, wenn es gut ausgebildete Ansprechpartner im Unternehmen gibt?
  • Was sind die notwendigen Schritte und Fragen für eine HR-Abteilung?

Was hat der Arbeitgeber (Mittelständler mit 185 Mitarbeitern) von Bernhard M. unternommen?

  • Sofort und persönlich bei der Familie kondoliert
  • Hilfe angeboten
  • Am Tag der Beerdigung das Unternehmen geschlossen
  • Alle 185 Kollegen waren auf der Beerdigung
  • In den Zeiten der Krankschreibung immer wieder den Kontakt zur Familie gesucht.

Conclusio von Bernhard M.

„Ohne die Offenheit und Hilfe meines Chefs würde ich noch länger daheim sitzen“ sagt Bernhard M., der nach fünf Monaten seine Arbeit, mit einer anfänglichen Stundenreduzierung, wieder aufgenommen hat.


Gastautor: Ulrich Welzel ist Unternehmesberater, Trainer und Hospizbegleiter und führt ein interdisziplinäres Spezialistenteam welches Unternehmen im Bereich „Betriebliche Trauerbegleitung“ betreut. Als gelernter Banker trainiert er international Bankberater im Umgang mit trauernden Angehörigen (Kunden). Als ehrenamtlicher Hospizbegleiter hilft er Menschen bis zum Lebensende in Würde zu leben. www.brain-active.com

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2 Kommentrare

  1. CT am

    Ein sehr bewegendes Thema. Aber eins scheint klar: Je mehr Anteilnahme und Verständnis dem/der MitarbeiterIn entgegen gebracht wird, desto mehr wird es diese/r danken in Form von Loyality bzw. Mitarbeiterbindung.

  2. brainman am

    Es geht noch weiter. Wertschätzender Umgang hat eine Aussenwirkung. In Österreich betreuen wir eine Bank, die neben dem wertschätzenden Umgang jedes Jahr eine Gedenkfeier für die verstorbenen Mitarbeiter organisiert. Es ist eine ganz normale Bank. Man sieht, es geht auch so. Fluktuation gibt es nur altersbedingt oder durch Wegzug. Fachkräftemangel kennt die Bank nicht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ulrich Welzel

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