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Über den Umgang mit Andersdenkenden | Take it or Leave it

„Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen“. Diese radikale Philosophie des antiken Kriegsherrn Hannibal im Umgang mit Widerständen scheint in unserer Gesellschaft ein Revival zu erleben. Heute sagen wir salopp dazu: „Wer nicht passt, wird passend gemacht.“

 

 

Eine Entwicklung, die in der Konfliktberatung schon lange wahrnehmbar war, wird im Zuge der COVID-Krise nun auch im außen sichtbar: Unser Umgang mit gegensätzlichen Ansichten bei emotional aufgeladenen Themen reduziert sich immer mehr auf ein extremes Schwarz-Weiß-Denken.

Hier Freund, dort Feind: Das ist ein bequemer Konflikt-Zugang, der schnell Orientierung gibt. Ob wir mit dieser Haltung gegenüber Andersdenkenden langfristig glücklich werden? Es gäbe auch noch andere Mittel und Wege…

Take it – Die hohe Kunst der Akzeptanz

„Lass das Verhalten anderer nicht deinen inneren Frieden stören“.  Zugegeben, dieser Ratschlag des Dalai Lama ist ein hoher Anspruch. Aber sich an dieser Haltung zu orientieren macht auch Sinn, wenn wir auf eine Person treffen, deren Ansichten und Einstellungen konträr zu unseren eigenen sind. Denn dann denken wir hoffentlich zuerst einmal darüber nach, ob uns dieses Thema überhaupt wichtig genug ist, bevor wir uns in „bad vibrations“ stürzen.

Dieses Reflektieren im Vorfeld eines Konflikts hat noch einen Vorteil: Wir können dadurch vielleicht auch weiterhin wahrnehmen, welche positiven Eigenschaften die Person gegenüber hat. Und uns daran erinnern, warum wir überhaupt mit dieser in Beziehung getreten sind. Im Streitfall schaffen wir das ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr. Dann stecken wir fest in einem Selektionsprozess, der nur mehr darauf abzielt, das Negative am Anderen festzumachen.

Gegenteilige Ansichten akzeptieren bedeutet also, den eigenen Umgang mit dieser Thematik zu ändern. Und zwar bedingungslos. Denn wenn wir nur oberflächlich akzeptieren, werden wir unseren Unwillen dem Gegenüber nonverbal spüren lassen. Und damit den Konflikt unterschwellig weiterführen. Wenn wir daher in einer uns wichtigen Thematik diese bedingungslose Akzeptanz einer gegenteiligen Meinung nicht schaffen, ist es besser, die Beziehung mit dieser Person zu beenden. Das erspart beiden Seiten weitere Kränkungen.

Change it – Bei Wertekonflikten unmöglich

Jetzt könnte man natürlich argumentieren, bevor ich diesen Schritt setze, kann ich doch alles versuchen, um mein Gegenüber von der Richtigkeit meiner Ansichten zu überzeugen. Aber seien wir uns ehrlich, genau dieser Gedanke ist der erste Schritt zum eingangs zitierten „Wer nicht passt, wird passend gemacht.“ Es gibt eben Einstellungen und Werthaltungen, die nicht verhandelbar sind. Bestes Beispiel dafür: Die Spaltung unserer Gesellschaft in Maßnahmen-Befürworter und Maßnahmen-Gegner in Bezug auf COVID19.

Wenn ein Thema emotional so aufgeladen ist, gibt es keine inhaltlichen Kompromisse. Sieg oder Niederlage – mit dieser Haltung werden solche Gespräche geführt. Jede Information, jedes Argument, welches nicht in unser Werte- und Überzeugungssystem passt, erleben wir als Störung. Und diese Störung werden wir sofort mit einem Gegenargument eliminieren. Gleichzeit beharren wir noch konsequenter darauf, dass wir im Recht sind. Leicht absehbar, wohin so eine Gesprächsdynamik führt.

Eine Chance bietet ein offen geführter Dialog bei fundamental unterschiedlichen Meinungen trotzdem: Er kann uns helfen, den anderen besser zu verstehen. Das Instrument dazu? Aktives Zuhören. Wie das geht?

  1. Ich höre meinem Gegenüber mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu (und achte auch auf dessen Körpersprache)
  2. Ich wiederhole mit eigenen Worten, was mein Gegenüber gerade gesagt hat. Erst durch eine Bestätigung wird sichergestellt, dass ich das Gesagte auch richtig verstanden habe.
  3. Ich sage das, was mein Gegenüber nicht gesagt hat, ich aber nonverbal wahrgenommen habe (z.B. „Diese Situation scheint dich sehr zu belasten, oder?“, „Hast du das Gefühl, dass ich dich nicht ernst nehme?“)

Auch ein aktives Zuhören wird das Wertesystem meines Gegenübers nicht verändern. Aber es ist ein starkes Signal auf der Beziehungsebene. „Wir stimmen zwar nicht überein, aber es ist mir wichtig zu verstehen, warum du anders denkst“. Und dieses Verstehen brauchen wir, um eine andere Meinung akzeptieren zu können. Womit wir wieder beim Take it wären.

Leave it – Aus dem Weg gehen, nicht gemeinsam leiden

Wenn unterschiedliche Werthaltungen und festgefahrene Einstellungen aufeinander treffen, dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, damit konstruktiv umzugehen: Die bedingungslose Akzeptanz oder ein „Aus dem Weg“-Gehen bzw. ein „Auseinander“-Gehen. Nicht jeder Deckel passt auf jeden Topf. Nicht jeder Mitarbeiter passt in jedes Unternehmen.

Und es macht daher keinen Sinn, andere für uns „passend zu machen“. Die Unterwerfung von Andersdenkenden funktioniert auch in hierarchischen und machtorientierten Systemen nur scheinbar. Der Schwächere wird sich zwar formal fügen, aber mental im Widerstand bleiben. Und weiterhin Mittel und Wege suchen, um gegen den Willen des Stärkeren aufzubegehren.

Unterschiedliche Lebenseinstellungen können extrem bereichernd sein. Nicht umsonst heißt das Sprichwort: „Gegensätze ziehen sich an“. Der konstruktive Umgang mit gegensätzlichen Werten setzt allerdings eine vertrauensvolle Beziehung zum Gegenüber voraus. Ist diese gegeben, wird Akzeptanz gelingen. Ist diese gestört oder hat es nie eine gegeben, werden solche Diskussionen schnell hoch emotional und verletzend.

Die COVID-Krise hat vieles zum Vorschein gebracht, was bisher so nicht sichtbar war. Auch die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft mit Andersdenkenden umgehen. Wenn wir dabei weiterhin vor allem auf Unterwerfung setzen, gehen wir konfliktträchtigen Zeiten entgegen.

Wir sollten es zur Abwechslung mal mit Akzeptanz und Toleranz versuchen. Denn aus dem Weg gehen, das geht in diesem Fall ja nicht – es gibt nur eine Welt, auf der wir alle leben.

„Dem anderen sein Anderssein zu verzeihen, das ist der Anfang von Weisheit.“
Chinesisches Sprichwort

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