HRweb | Die erfrischende Plattform für Human Resources

Management by Algorithmus | Das Zeitalter der neuen Fairness???

Algorithmus – in einer zunehmend digitalisierten Welt ist dieser Begriff allgegenwärtig. Steht er doch sinngemäß für die logische Programmierung von Maschinen und Computern zur Lösung von Problemen. Vieles, was früher nur mühsam und langsam vonstatten ging, lässt sich heute mit Hilfe des Algorithmus schneller und präziser erledigen.

Und noch ein Attribut wird einem Algorithmus oft zugeschrieben: Unbeeinflussbarkeit. Daraus resultiert allerdings eine bedenkliche Entwicklung, die den Umgang mit unangenehmen Entscheidungen im Management betrifft. Denn immer öfter werden auch dafür „unfehlbare“ Software-Programme herangezogen. Und von den verantwortlichen Managern wird gleichzeitig nach außen suggeriert, dass solche Entscheidungen ab sofort nur mehr auf Grundlage „neutraler“ Kriterien getroffen werden.

Stellt sich bloß die Frage: Wer programmiert die Algorithmen? Und wer beauftragt die Programmierer?

Algorithmus á la AMS – Die guten ins Töpfchen, die schlechten….

Als Paradebeispiel für einen Fall „Management by Algorithmus“ erlangte das österreichische Arbeitsmarktservice (AMS) in den letzten Monaten mediale Aufmerksamkeit. Das AMS, ansonsten nicht gerade als innovative Ideenschmiede bekannt, schaffte es mit seiner zukünftig eingesetzten Entscheidungssoftware sogar in die Wirtschaftsseiten der renommierten deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT. (www.zeit.de/…).

Im Mittelpunkt dieser medialen Debatte steht das neue Selektionssystem des AMS in Bezug auf die Förderung ihrer unterschiedlichen Zielgruppen. Wer in welche Zielgruppe fällt, diese Entscheidung trifft zukünftig der Computer und nicht mehr wie bisher der zuständige Berater. Konkret werden die Arbeitslosen mittels Algorithmus je nach Geschlecht, Alter, Bildung und anderen „neutralen“ Kriterien in drei Gruppen mit hohen, mittleren und geringen Chancen am Arbeitsmarkt eingeteilt.

Diese computerbasierte Zuordnungsentscheidung ist insofern heikel, weil davon die Unterstützungsleistung bei der Job-Suche abhängig sein wird. Für Personen, denen der Computer gute Chancen beim Wiedereinstieg zuschreibt, werden zukünftig signifikant mehr und schneller finanzielle Mittel für Ausbildungen zur Verfügung stehen, als für Personen im Topf „geringe Chancen“. Die Letztentscheidung liegt allerdings nach wie vor beim zuständigen Berater. Dieser kann den Algorithmus „overrulen“ und sowohl die „Topfeinteilung“ als auch die Ausbildungsmöglichkeiten zugunsten des Jobsuchenden verändern. Offen bleibt, wie bzw. wem gegenüber er sich dafür in der Organisation rechtfertigen muss.

Wer den Algorithmus schreibt, hat die Macht

Das oben genannte Beispiel AMS steht nur stellvertretend für eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, die zeigt wohin die Reise in einer digitalisierten Welt unaufhaltsam geht: Immer mehr und immer sensiblere Entscheidungen werden von den verantwortlichen Entscheidungsträgern an den Algorithmus ausgelagert. Natürlich immer mit dem Zusatz: Diese Entscheidungen fußen auf neutralen Kriterien und/oder unbeeinflussbaren Berechnungsmodellen.

Aber diese Story von der Unbeeinflussbarkeit des Algorithmus ist eine Mär. Denn: Wer hat dessen Kriterien definiert? Wer hat diese Berechnungsmodelle kreiert? Wie sieht das Wertesystem jener Personen aus, die diese Programmierung beauftragt haben? Cui Bono – wer profitiert von diesem System am meisten? Diese über 2000 Jahre alte Fragestellung, die dem römischen Philosophen Cicero zugeschrieben wird, gilt im Zeitalter der Digitalisierung bei der Beurteilung vom „unbeeinflussbaren“ Algorithmus nach wie vor. Auch dann, wenn es heißt, die Letztentscheidung trifft noch immer der Mensch.

Seien wir uns ehrlich: Wer stellt sich gegen eine Bewertung, die ein vom Management implementiertes System anhand „neutraler“ Kriterien getroffen hat? Wer hat die Zivilcourage, einen Entscheidungsprozess, der auf „Unbeeinflussbarkeit“ und „Effizienz“ ausgerichtet ist, aufgrund eigener, anderer Wahrnehmungen in Frage zu stellen? Und nicht zuletzt: Wer korrigiert in der Praxis einen Algorithmus, der einem vielleicht auch eine unangenehme Entscheidung abnimmt? Verleitet es nicht eher dazu, dieses „unabhängige“ Computerergebnis als Begründung gegenüber dem Betroffenen zu verwenden?

Fazit – Der Algorithmus ist Chance und Risiko

Wir leben im Zeitalter der Algorithmen, nicht erst seit heute. In vielen Bereichen erzielen Maschinen präzisere Ergebnisse als der Mensch. Eine Medizin, ohne die Unterstützung von Algorithmen in der Diagnose von bestimmten Krankheiten, ist heute nicht mehr vorstellbar. Um nur ein elementares Beispiel zu nennen.

Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass immer mehr sensible und damit oft auch unangenehme Entscheidungen von den verantwortlichen Managern an Maschinen auslagert werden. Einfach und bequem ist so ein Management by Algorithmus sicher, aber definitiv nicht unbeeinflusst und unabhängig. Denn hinter jedem Software-Programm stehen immer die Ziele und damit auch die Wertesysteme der dafür verantwortlichen Auftraggeber. Fair wäre es, dieses Faktum beim Einsatz solcher Programme auch mit zu kommunizieren.

Übrigens – laut besagtem Artikel in der ZEIT wird in Polen, dass ein ähnliches System wie das AMS bereits im Einsatz hat, von 100 Computerbewertungen nur eine vom zuständigen Berater korrigiert. Forscher bezeichnen dieses Verhalten als Algorithm Bias, vorauseilender Gehorsam gegenüber Maschinen. Soviel zum Thema: Die Letztentscheidung trifft immer noch der Mensch.


„Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er alle seine Geschäft maschinenmäßig.
Wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, bekommt ein Maschinenherz.“
(Zhuangzi, chinesischer Philosoph)

teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.