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Positivismus – Trend oder grundlegende Veränderung? (Stichwort Betriebliche Gesundheits-Prävention)

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass viele Strömungen in der Organisationsberatung den Fokus auf positive Aspekte des (Arbeits-)Lebens lenken? Heutzutage ist es geboten, sich auf Glück, Wohlbefinden, Widerstandskraft, Potentiale und Sinnstiftung zu fokussieren.

Die meisten Keynotes auf Konferenzen und die aktuellen Bestseller im Personalbereich beschäftigen sich mit schönen, angenehmen Themen.

#1-Bestseller auf Amazon im Bereich „Business & Karriere“ ist aktuell das Kinderbuch (!) „Vielleicht – Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns“. Der meist diskutierteste Vortrag beim „People & Leadership 2020“-Kongress war zur positiven Psychologie.

Wenn jemand über Stress, Krankheiten, Trauma oder Risiken spricht, wird man eher schief angeschaut. Das schickt sich weniger.

Aktuelle Strömungen

Hier ein paar Beispiele für aktuelle Themen des „Positivismus“:

  • Positive Psychologie (Behandelt Forschungsfragen wie „Wovon hängt Lebensfreude ab?“)
  • Positive Leadership z.B. nach dem PERMA-Modell („Wie kann man stärkenorientiert führen?“)
  • Safety II (Will Arbeitssicherheit erhöhen durch Lernen vom Arbeitsalltag, „wo es gut gegangen ist“ und nicht von Arbeitsunfällen)
  • Resilienz (Grundlegende Frage: „Wie entsteht psychische Widerstandskraft?“)
  • Lösungsfokussiertes Coaching (Stellt Fragen wie „Was war bislang hilfreich?“ oder „Was ist Ihre erwünschte Zukunft?“)
  • Sinnstiftung beim Arbeiten (Bekanntes Buch dazu von Simon Sinek: „Know your Why“)

Diese Strömung passt auch sehr gut in unsere individualistische Kultur, welche davon ausgeht, dass jeder einzelne Mensch wertvoll ist und viele Kompetenzen mitbringt.

Es wird darauf geachtet, was schon an Ressourcen vorhanden ist. Man will seine Stärken ausbauen und sich nicht um seine Schwächen kümmern. Man will die Gesundheit stärken und weniger Krankheitsrisiken bearbeiten.

Vorteile

Auch aus meiner eigenen Erfahrung als Arbeitspsychologin sind diese Gespräche natürlich angenehmer für meine Kunden und deren Beschäftigte. Auch Führungskräfte fühlen sich dadurch oftmals mehr unterstützt und weniger angegriffen, wenn Konflikte auftreten oder es gerade stressig ist im Arbeitsalltag.

Aber passt das in jeden Bereich der Personalwirtschaft?

Gerade in der betrieblichen Prävention, also im ArbeitnehmerInnenschutz, sind wir in der betrieblichen Prävention häufig mit negativen Dingen konfrontiert. Wir müssen uns beschäftigen mit:

  • Evaluierung von Risiken
  • Berufskrankheiten oder arbeitsbedingte Erkrankungen wie Burnout
  • Analyse von Arbeitsunfällen oder Beinahe-Unfällen
  • Fehleranalyse

Das verlangen auch die Gesetze und Verordnungen von uns. Und auch viele Präventionsexperten sind der Ansicht, dass der Blick zurück wichtig ist um für die Zukunft zu lernen. Man will analysieren, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist, um es bei nächster Gelegenheit verhindern zu können.

Gottseidank passiert das in einer immer wertschätzenderen Art und Weise. Auch bei Unfällen oder Fehlern werden immer weniger Personen als Schuldige gesucht („Menschliches Versagen“), sondern man versucht zu verstehen, welche Rahmenbedingungen und Faktoren zu dem unerwünschten Ergebnis geführt haben („Unklarer Arbeitsauftrag mit Zeitdruck und sich widersprechenden Zielen“).

Aber auch viele Mediationen bei Konflikten sehen es als Aufgabe den Konfliktverlauf zu analysieren, die verschiedenen Ansichten über die Ursachen zu ergründen und sich erst dann der Zukunft zuzuwenden.

Menschen haben eine Negativitätstendenz

Auch bei Workshops und Einzelgesprächen erlebe ich es immer wieder, dass eine reine Lösungsfokussierung auf die positiven Seiten und auch die erwünschte Zukunft Widerstand hervorruft. Dann kommen Aussagen wie: „Aber wir müssen doch zuerst analysieren, warum es uns so schlecht geht.“ oder „Ich glaube, Sie müssen zuerst verstehen, wie schlimm dieser Konflikt wirklich ist!“.

Hier muss man als Berater sehr Acht geben, um nicht an den Bedürfnissen der Personen vorbei zu agieren. Jedem das positive Denken aufzuzwingen, kann schnell nach hinten losgehen und Reaktanz provozieren.

In der Psychologie kennen wir den „Negativitätsbias“, welcher dazu führt, dass negative Gedanken, Gefühle und Erlebnisse sich stärker auf unsere Psyche auswirken als positive. Wir denken viel mehr an Konflikte als an schöne Gespräche. Kritik nimmt uns viel mehr mit als uns Lob aufbaut. Das führt auch dazu, dass beispielsweise in Nachrichtensendungen eher negative Berichte Aufmerksamkeit finden.

Dieser Mechanismus macht es oft sehr schwierig für Teilnehmende und Beschäftigte sich auf positive Beratungen einzulassen.

Ausblick

Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Beratungs- und Personalwelt in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. Werden wir irgendwann im Jahr 2100 zurückblicken und sagen: „Wahnsinn, also damals vor 80 Jahren, da haben sie ja immer nur auf das Negative geschaut. Und wir haben jetzt einen ganz anderen Blickwinkel.“ ? Oder wird uns unser negatives Gehirn immer zurückhalten diesem Trend stärker zu folgen?

Schlussworte

Haben Sie diesen Trend zum positiven Denken auch schon wahrgenommen? Wie wird sich das in den nächsten Jahrzehnten entwickeln? Wird sich unser Blickwinkel verändern?

Wovon ist Ihr Arbeitsalltag geprägt? Kümmern Sie sich um die Stärken, die positiven, die guten Seiten, die Situationen, wo alles gut läuft und versuchen Sie da zu fördern und auch auszudehnen?

Oder ist es bei Ihnen eher ein Thema, dass Sie sich um Unfälle kümmern, um Krankheiten, um die Situationen, wo es schwierig ist?

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