Über das ausgerufene Ziel der KI, den Anteil, der nicht ankommt, und die Frage, die jede und jeder für sich beantworten muss.
Es fühlt sich gerade so an, als läge eine erste große Welle der KI-Transformation hinter uns, und als sei jetzt der Moment, in dem sich das Wasser kurz glättet. Die ersten Ergebnisse werden sichtbar. Das Bild der Auswirkungen wird schärfer. Und auffällig viele, die diese Technologie bauen, treten gerade selbst auf die Bremse – sie warnen, sie wollen das Tempo drosseln.
Und das Bild wird nicht nur schärfer, es wird alltäglich. Aus Unternehmen häufen sich Berichte, in denen der Chatbot zur obersten Instanz wird: Vorschläge werden nicht mehr geprüft, sondern mit dem Modell durchgesprochen, das jeden für vielversprechend erklärt – bis die Richtung wöchentlich wechselt und am Ende niemand mehr entscheidet. Das System spiegelt zurück, aber es trägt nichts. Es liefert fast alles. Nur nicht das Urteil.
Ein guter Moment, um innezuhalten und nachzudenken.
Denn unter all den Debatten über Modelle, Rechenzentren und Arbeitsplätze verschwindet fast, worum es eigentlich geht: Wofür passiert das alles überhaupt? Wenn eine Handvoll Unternehmen die größte technologische Wette der Geschichte eingeht – was ist das benannte Ziel?
Es ist ausgesprochen, ausformuliert, nachlesbar.
OpenAI nennt als Mission, sicherzustellen, dass eine allgemeine künstliche Intelligenz „der gesamten Menschheit“ nützt, und hält fest, in einer guten KI-Zukunft dürften nicht wenige den Großteil der Fähigkeiten und des Gewinns kontrollieren. DeepMind will Intelligenz lösen, um damit Krankheiten und Klima zu lösen. Und Sam Altman zeichnet eine „sanfte Singularität“, an deren Ende geheilte Krankheiten und breiter Wohlstand stehen. Liest man diese Ziele nebeneinander, ergibt sich fast genau die Liste, die jeder vernünftige Mensch aufschreiben würde: weniger Krankheit, weniger Armut, breit verteilter Wohlstand, Macht in vielen Händen.
Das Ziel ist gut. Das Ziel ist nicht das Problem.
Dieselben Menschen, die diese Ziele formuliert haben – oder unmittelbar daneben arbeiten –, beschreiben einen Mechanismus, der in die andere Richtung zeigt. Chris Olah, Mitgründer von Anthropic und einer der führenden Interpretierbarkeitsforscher, hat es im Mai vor dem Vatikan ausgesprochen: Es gebe keinen Mechanismus, die Gewinne der KI weltweit zu verteilen. Ein ungelöstes Problem – und offenbar nicht einmal eines, an dem gearbeitet wird. Die Futuristin Sinead Bovell kommt von der KI-Seite zur selben Stelle und lässt die Frage, wer am Ende woran teilhat, ausdrücklich offen. Dieselbe Leerstelle.
Vielleicht erklärt das, warum sich das Gefühl nicht einstellt, das eigentlich kommen müsste. Würden uns die großen Technologiekonzerne spüren lassen, dass wir mit dieser Technologie zu den Gewinnenden gehören, wäre die Begeisterung berechtigt. Sie bleibt aus. Und wenn man genauer hinsieht, gibt es dafür einen konkreten Grund. Was als unser Anteil ankommt, ist nicht Teilhabe am Gewinn. Es ist das Werkzeug selbst: Alle dürfen es benutzen. Alle haben dasselbe schöne Spielzeug. Nur ist genau dieses Werkzeug – auch aus unserem eigenen Erfahrungswissen gebaut – dasselbe, das uns ersetzt. Und für dieses Werkzeug zahlen wir, je nach Abo-Stufe, auch noch selbst. Die Benutzung wird uns als Teilhabe verkauft und ist ihr Gegenteil.
Das Spielzeug, gebaut auch aus dem, wofür uns niemand bezahlt hat, spielt jetzt mit uns.
Bleibt der Trost, den man für diesen Fall in Aussicht stellt: das bedingungslose Grundeinkommen. Verschwindet die Arbeit, bekommt eben jede und jeder Geld. Auch hier lohnt es, kurz stehenzubleiben und die Sache zu Ende zu denken. Warum gibt es keinen Mechanismus?
Nehmen wir einmal zwei Möglichkeiten an:
- Die erste: im Geldsystem bleiben und umverteilen. Nur erodiert die Grundlage dafür genau dort, wo die KI die Arbeit ersetzt. Eine KI zahlt keine Sozialversicherung. Man will aus einer Quelle schöpfen, die man im selben Zug trockenlegt.
- Die zweite: das Geldsystem verlassen. Geld ist im Kern nur ein Anspruch auf Knappes – auf das, was es überhaupt nur gibt, weil Arbeit es herstellt. Stellt die Maschine irgendwann fast alles kostenfrei bereit, verteilt man kein Geld mehr – man verteilt die Dinge direkt. Doch wäre das noch Wirtschaften? Der Tausch, aus dem über Jahrtausende das Geld wurde, ist der einzige Weg, den die Menschheit je gegangen ist. Ihn aufzulösen ist keine Reform. Es ist das Verlassen der einzigen Landkarte, die wir haben. Jacque Fresco hat diese andere Karte als Einziger zu Ende gezeichnet. Ob sie tragen würde, müsste erst bewiesen werden.
Wie auch immer: Vor diesem Hintergrund steht das Grundeinkommen als Halbheit da:
Es will das Geld behalten und die Arbeit abschaffen – und behält damit genau das, dem die Arbeit erst ihre Bedeutung gab. Selbst die, die es vorschlagen, halten es für dünn. Geoffrey Hinton, einer der Begründer des Feldes, plädiert dafür und zweifelt im selben Atemzug, ob Geld die Würde ersetzt, die mit der Arbeit verloren geht. Arbeitslosigkeit, sagt er, nimmt Selbstrespekt. Nüchtern lautet das Angebot: viel Freizeit, wenig Geld. Wer will das? Das ist kein Aufstieg in die Freiheit, sondern eine Lebenslage, die viele längst kennen – nur ohne Arbeit.
Für die Arbeitswelt wird das an einer Stelle sehr konkret, die im großen Verteilungsdiskurs kaum vorkommt. Unternehmen überführen das Erfahrungswissen langjähriger Mitarbeitender – Abläufe, Urteile, all das, was nie dokumentiert wurde – in KI-Systeme und begleiten dieselben Menschen anschließend in Pension. Man kann das als Diebstahl lesen, aber das trifft es nicht. Es ist etwas Genaueres: eine nie bepreiste Asymmetrie.
Bezahlt wurde die Arbeit. Nie separat bezahlt wurde das Urteilsvermögen, das über Jahrzehnte in einem Menschen entsteht – weil das nie nötig war. Es blieb ja an die Person gebunden, ging um fünf mit ihr nach Hause und kam um acht mit ihr zurück. Jetzt lässt es sich abschöpfen und überlebt das Dienstverhältnis. Das System hat für diesen Fall keine Kategorie. Nicht aus böser Absicht – niemand hat je vorgesehen, dass die Arbeitsleistung vergütet wird und das über Jahre gewachsene Urteil gratis im Unternehmen zurückbleibt.
Bezahlt wurde die Arbeit. Mitgenommen wird das Urteil.
Und dasselbe Unbezahlte gibt es zweimal: am Schreibtisch, wo das Erfahrungswissen der Erfahrenen abgeschöpft wird – und im Großen, wo alles, was ungefragt und unvergütet in die Modelle geflossen ist, dieselbe Frage aufwirft. Was man ohne Gegenleistung hineingibt, ist ein zweischneidiges Messer. Es holt uns irgendwann ein.
Was folgt daraus? Ehrlicherweise wird die große Frage – das Geldsystem verlassen oder nicht – aktuell ja nicht einmal geflüstert. Zu viele mächtige Kräfte hängen am Bestehenden.
Aber das ist auch gar nicht die Frage. Die Frage, von der man selbst etwas hat, ist kleiner und ganz die eigene: Was mache ich als Einzelne oder Einzelner mit diesen Erkenntnissen?
Hannah Arendt hat lange vor der KI unterschieden zwischen dem Arbeiten, das dem Lebenserhalt dient, dem Herstellen, das ein Werk hinterlässt, und dem Handeln, das Bedeutung stiftet.
Zeit gegen Geld ist nur die junge Form der ersten Kategorie – und sie verengt, was Arbeit sonst noch ist. In meiner Interview-Serie (20-75)@work wird das immer wieder sichtbar: Ein Arbeitsleben ist nicht nur abgeleistete Zeit. Es legt sich in den Menschen – als Erfahrung, als Entwicklung – und strahlt von dort aus, lange nachdem die Stelle vorbei ist. Arbeitszeit ist eben auch Lebenszeit, auch Entwicklungszeit. Fällt die bezahlte Arbeit weg, fällt deshalb nicht das Tätigsein weg. Man sieht es an fast jedem Menschen, der etwa in Pension geht und binnen Monaten ein Projekt beginnt.
Und hier kehrt sich der Systemfehler um. Erste Unternehmen erleben es bereits: Wer erfahrene Leute abbaut und ihr Wissen in Systemen gesichert glaubt, merkt, dass die Maschine ohne die Menschen, die sie beurteilen, mehr Problem als Lösung ist. Was dort abgeschöpft wird – Erfahrung, Urteil –, ist genau das, wofür eine Wirtschaft noch bezahlt, wenn die Maschine alles Übrige beinahe umsonst erledigt. Die Generation, deren Wissen gerade extrahiert wird, trägt beides in sich: den Antrieb, der ohnehin nicht stillsitzt, und das Urteil, das die Maschine nicht mitliefert. Das ist kein Programm und keine Anleitung. Es ist ein Spielraum – der einzige in dieser Aufstellung, der institutionell an nichts gebunden ist.
Was Sie daraus machen, steht nicht in diesem Text. Solange „der gesamten Menschheit“ ein Satz auf einer Website ist und kein Mechanismus, der ihn einlöst, bleibt die Antwort bei Ihnen.
KI für alle | Der gesamten Menschheit, ein Innehalten


