Während der Pandemie mussten wir Trainerinnen und Trainer praktisch über Nacht unsere Seminare in den virtuellen Raum verlegen. Wie viele andere machte auch ich damals eine Beobachtung, die interessant war.
Ich stellte nach einem kurzen Input die Frage: „Welche Fragen habt ihr?“
Stille.
Also änderte ich meine Strategie und sprach einzelne Teilnehmende direkt an: „Sebastian, welche Frage hast du dazu?“
Wieder Stille. Die Situation wurde für alle Beteiligten eher unangenehm.
Ich begann zu experimentieren und formulierte die Frage anders:
„Was geht dir gerade durch den Kopf?“
Plötzlich meldeten sich die ersten Teilnehmenden. Aus einzelnen Wortmeldungen entwickelte sich eine Diskussion. Die Menschen hatten offensichtlich sehr wohl Gedanken, sie wollten sie auf meine bisherigen Fragen nur nicht aussprechen.
Damals wurde mir klar: Es ging gar nicht um Online versus Präsenz-Trainings. Es ging um etwas viel Grundsätzlicheres. Warum beteiligen sich Menschen manchmal sofort und manchmal überhaupt nicht? Warum stellen sie in manchen Gruppen Fragen, während sie in anderen lieber schweigen? Warum sagen sie einmal offen „Das verstehe ich nicht“ und ein anderes Mal lieber gar nichts?
Die Erklärung dafür liefert das Konzept der psychologischen Sicherheit von Amy Edmondson.
Psychologische Sicherheit als Voraussetzung für Lernen
Psychologische Sicherheit beschreibt die gemeinsame Überzeugung einer Gruppe, dass zwischenmenschliche Risiken möglich sind, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Menschen trauen sich Fragen zu stellen, Fehler zuzugeben, Zweifel zu äußern oder unausgereifte Ideen einzubringen, weil sie keine Angst haben, sich zu blamieren.
Das Konzept wurde ursprünglich für Teams entwickelt. Doch je intensiver ich mich damit beschäftigte, desto mehr wurde mir klar: Es erklärt auch, warum manche Seminare lebendig werden und andere trotz guter Inhalte erstaunlich still bleiben.
Denn Lernen ist immer mit Unsicherheit verbunden. Wer lernt, muss eventuell eingestehen, etwas noch nicht zu wissen. Wer eine Idee äußert, riskiert, falsch zu liegen. Wer eine Übung ausprobiert, könnte scheitern. Genau diese Situationen vermeiden Menschen, wenn sie befürchten, bewertet oder bloßgestellt zu werden.
Besonders Erwachsene bringen dabei viel mit in ein Seminar: Berufserfahrung, Fachwissen, Verantwortung und ein Selbstbild als kompetente Person. Wer seit zwanzig Jahren Experte/Expertin ist oder eine Führungsrolle innehat, erlebt eine falsche Antwort häufig nicht nur als fachlichen Fehler, sondern als Bedrohung des eigenen Selbstbildes. Gerade deshalb ist psychologische Sicherheit in der Erwachsenenbildung eine Voraussetzung für nachhaltiges Lernen.
Diese Annahme wird inzwischen auch wissenschaftlich gestützt. Bereits 1999 beschrieb Amy Edmondson psychologische Sicherheit als entscheidenden Faktor erfolgreicher Zusammenarbeit. Später zeigte Googles Project Aristotle, dass sie der wichtigste Erfolgsfaktor leistungsfähiger Teams ist – noch wichtiger als Intelligenz oder Erfahrung. Neuropsychologische Forschung liefert eine Erklärung dafür: Soziale Bedrohungen wie Bloßstellung oder Beschämung aktivieren dieselben Hirnregionen wie körperliche Bedrohungen. Wer Angst hat, schützt sich. Wer sich schützt, lernt schlechter.
Die ersten Minuten entscheiden
Die entscheidenden Weichen werden häufig bereits in den ersten Minuten gestellt.
Teilnehmende beobachten sehr genau:
- Darf ich hier Fehler machen?
- Wird jemand bloßgestellt?
- Muss ich perfekte Antworten geben?
- Interessiert sich die Trainerin wirklich für meine Gedanken?
Noch bevor die erste Gruppenarbeit beginnt, haben viele diese Fragen für sich bereits beantwortet.
Trainerinnen und Trainer sind Vorbilder
Psychologische Sicherheit entsteht deshalb nicht nur durch Methoden oder Seminarregeln. Sie entsteht vor allem durch das Verhalten der Trainerin oder des Trainers.
Teilnehmende beobachten genau, wie wir mit Unsicherheit umgehen. Geben wir selbst zu, etwas nicht zu wissen? Bedanken wir uns für ungewöhnliche Sichtweisen? Lassen wir Denkpausen zu? Oder korrigieren wir jede ungenaue Aussage sofort?
Wir vermitteln also nicht nur Inhalte. Wir modellieren gleichzeitig, welches Verhalten in diesem Lernraum erwünscht ist.
Wenn ich als Trainerin sage: „Das weiß ich im Moment nicht, ich recherchiere das bis morgen.“, sende ich eine wichtige Botschaft: Hier muss niemand perfekt sein.
Typische Fallen
Eine der häufigsten Fallen habe ich bereits in der Einleitung dieses Artikels beschrieben. Die Frage:
- „Welche Fragen haben Sie?“
Diese Formulierung setzt ungewollt voraus, dass jemand etwas nicht verstanden hat. Viele möchten das vor der Gruppe nicht zeigen.
Fragen wie
- „Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“
oder
- „Welche Gedanken löst das bei Ihnen aus?“
erzeugen deutlich weniger sozialen Druck.
Weitere Stolpersteine sind:
- Personen unangekündigt aufzurufen.
- Antworten sofort als richtig oder falsch zu bewerten.
- Den ersten unpassenden Beitrag ausführlich zu zerlegen.
- Schweigen nicht auszuhalten und jede Denkpause sofort zu füllen.
5 Hebel für mehr psychologische Sicherheit
1. Erwartungen zu Beginn normalisieren
Den Druck gleich zu Beginn aus dem Raum nehmen.
„Ganz gleich, wie viel Erfahrung Sie mitbringen – heute geht es nicht darum, alles zu wissen. Es geht darum, gemeinsam zu lernen und Neues auszuprobieren.“
Damit wird signalisiert: Niemand muss perfekt sein.
2. Fehler ausdrücklich willkommen heißen
Fehler sind keine Störung des Lernprozesses, sie sind Teil davon.
Wenn etwas nicht funktioniert, könnte man sagen:
„Spannend, genau an solchen Stellen lernen wir meistens am meisten.“
Das verändert den Blick auf Fehler grundlegend.
3. Eigene Unsicherheit zeigen
Vortragende müssen nicht auf alles eine Antwort haben.
Ein Satz wie
„Das weiß ich im Moment nicht. Ich recherchiere das bis morgen.“
wirkt oft glaubwürdiger als eine schnelle, halb richtige Erklärung. Gleichzeitig vermittelt man, dass Nicht-Wissen erlaubt ist.
4. Beiträge würdigen statt bewerten
Viele Vortragende reagieren automatisch mit „Richtig!“ oder „Nein, eigentlich …“.
Hilfreicher sind Formulierungen wie:
- „Danke für diesen Gedanken.“
- „Interessante Sichtweise.“
- „So habe ich das noch nicht betrachtet.“
- „Darauf können wir aufbauen.“
So bleiben auch ungewöhnliche Beiträge im Gespräch.
5. Fragen stellen, die zum Denken einladen
Die Formulierung einer Frage entscheidet häufig darüber, ob Menschen antworten.
Statt:
„Wer weiß die richtige Antwort?“
lieber:
- „Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?“
- „Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?“
- „Welche unterschiedlichen Sichtweisen gibt es?“
- „Was könnte hier eine Herausforderung sein?“
Solche Fragen laden zum Nachdenken ein, statt Wissen abzuprüfen.
Psychologische Sicherheit ist keine Kuschelpädagogik
Ein häufiges Missverständnis ist, dass psychologische Sicherheit bedeutet, immer nett zu sein und jede Rückmeldung zu vermeiden. Genau das ist nicht gemeint.
Wenn Vortragende aus Angst, jemanden zu verletzen, auf ehrliches Feedback verzichten oder jede Antwort unkritisch stehen lassen, entsteht keine gute Lernumgebung.
Amy Edmondson beschreibt vielmehr die Lernzone: Dort treffen hohe psychologische Sicherheit und hohe Erwartungen aufeinander. Genau hier entsteht Entwicklung.
Wertschätzung bedeutet also nicht, auf Anspruch zu verzichten. Sie bedeutet, Menschen so herauszufordern, dass sie lernen können, ohne Angst haben zu müssen.
Mein wichtigster Tipp
Trainer und Trainerinnen investieren viel Zeit in Methoden, Energizer oder neue digitale Tools. Dabei wird oft übersehen, dass die beste Methode wirkungslos bleibt, wenn sich niemand traut, sich einzubringen.
Psychologische Sicherheit ist deshalb keine weitere Methode. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Methoden überhaupt ihre Wirkung entfalten.
Psychologische Sicherheit im Seminar | Der Schlüssel zu mehr Beteiligung

