Die Power-Hour hilft, festgefahrene Probleme in 60 Minuten aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Mit klarer Fragestellung, unterschiedlichen Blickwinkeln und strukturierter Moderation entstehen neue Lösungsansätze.
Gast-Autorin: Katharina Stadtler
Manchmal ist unser Verstand wie ein verklaustes Flussbett: Durch Druck und zu viele kleine Einzelteile verstopft sich alles und der Kopf ist überlastet, ohne dass etwas weitergeht. Nichts fließt mehr, wie es sollte, die Lösungen bleiben aus und die Arbeit steht.
Um die Verstopfung aufzulösen, braucht es oftmals einen radikalen Perspektivenwechsel, der wie ein Wasserdruckreiniger wieder Freiheit und Gedankenfluss verspricht. Die Power-Hour ist hier eine gute Methodik, um frischen Wind in eine verfahrene Situation zu bringen.
Was es für die Power-Hour braucht
Die Basis-Kompetenzen, die man dafür braucht, sind Systemische Fragen, Timeboxing und Moderation. Timeboxing ist kein neues Konzept – Das Timeboxing-Konzept entstand Anfang der 1980er Jahre bei DuPont und gelangte später über SCRUM in die moderne agile Arbeitswelt. Man schafft sich damit gezielt kontrollierten Eustress, um eine ausgesprochen konkrete Fragestellung zu bearbeiten.
Anwendung in der Praxis: Vorarbeit
Die Moderatorin bzw. der Moderator klärt mit den Problem-Einbringenden (Auftraggebenden) die Fragestellung ab – dazu hört sie sich den Kontext des Problems an (Vorgeschichte, Trends, Konflikte, Hoffnungen, Potential, Hindernisse und Zukunftsperspektiven) – die Einbringenden sollten also schon im Vorfeld einige Hebel zu bewegen versucht haben. Die künftige Moderatorin konkretisiert im Zuge dieses Gespräches die Fragestellung. Gut ist es hierbei eine gesunde Balance zwischen dem Großen Ganzen und sinnvoller Feingranularität zu finden. Da braucht jede Fragestellung etwas Anderes. Mit systemischen Fragen kommt man i.d.R zu einem sinnvollen Ergebnis, welches für Dritte bearbeitbar ist. Der Moderator liefert Denkimpulse, gibt Struktur vor und achtet auf die Zeit.
Es sollten 4-8 Personen für die Power Hour zusammenkommen. Die eingeladenen Grübler und Grüblerinnen sind idealerweise aus verschiedenen Positionen, Altersgruppen und fachlichen Kreisen. Vermeiden Sie homogene Gruppen mit viel Sympathie füreinander – das hemmt wichtige gruppendynamische Prozesse. Ebenso zu meiden sind Personen, die bereits in aktiven Konflikten involviert sind oder waren, das kann in der einen Stunde, mit dem Zeitdruck, schnell zum Pulverfass werden. Die Auftraggebenden einzuladen ist nicht unbedingt empfehlenswert, da sie mehr oder weniger bewusst in einer Richtung lenken können. Das kann den angestrebten neuen Perspektiven im Weg stehen. Klären Sie diese Teilnahmen auch immer mit den Personen sowie deren Führenden ab. Kontraste zeigen hier Facetten auf – für Zwischenmenschliches holen Sie sich jemanden mit Logik-Veranlagung dazu, zu Themen, die struktur- oder prozesslastig sind, jemanden mit ausgeprägter Empathie. Trauen Sie sich auch Personen mit wenig bis keinem Vorwissen einzuladen – ein frischer Blick kann sich grade bei Gedankenverklausungen als ausgesprochen wertvoll erweisen.
Schaffen Sie sich für die eine Stunde einen Raum, in dem die Personen gut zusammentreffen können. Das geht physisch, vor Ort, oder in einem virtuellen Setting und ist oftmals je nach Präferenz der Moderation oder/und der gelebten Kultur zu wählen.
Wesentlich ist die Einleitung – kündigen Sie bereits in der Termineinladung an, dass es eine konkrete Fragestellung gibt, an der man gemeinsam arbeiten möchte.
Bereiten Sie, als Moderation, einen Foliensatz oder Flipcharts für den roten Faden der Power-Hour vor. Lassen Sie sich diesen nochmal von den Auftraggebenden freigeben.
Die Power-Hour
Im Anfang braucht es bis zu zehn Minuten Erklärung und Einleitung in die Problemstellung. Es darf hier auch der erfragte Kontext und die Vorgeschichte aus der Auftragsklärung natürlich Einfluss finden. Auch wird hier der Modus Operandi erklärt: 40min Zeit zur Diskussion, alle Gedanken sind wertvoll und werden von der Moderatorin am Flipchart, in einem KI-Transkript oder händischen Aufzeichnungen gesammelt. Verboten wird einzig und allein die umfassende Retrospektive, da man gemeinsam nach vorne schauen möchte. Umso konkreter die Arbeitsschritte und Lösungsansätze in der Stunde werden, umso besser. Auch klare Regeln des Miteinanders, wie einander ausreden lassen, Grundhöflichkeit und keine Ablenkungen (Handy, Mails…) sollten einmal kurz erwähnt werden.
Lassen Sie für die Zeit der Diskussion das Flipchart oder die Präsentationsfolie mit der Fragestellung aufgeblättert oder eingeblendet, um das Ziel klar vor Augen zu haben.
Ordnen Sie, in der Moderationsrolle, die Gedanken nicht. Schreiben Sie es so neutral wie möglich mit, so, wie es organisch kommt. Notieren Sie Häufungen oder Negierungen mit. Sollte schnell zu einer Lösung gefunden werden, challengen Sie es und fragen Sie nach Alternativen. Sind zu viele Ansätze im Raum, machen Sie respektvoll Druck die besten drei gemeinsam auszuwählen und lassen Sie z.B. ein Ranking erstellen. Die Notizen werden für die Auftraggebenden unglaublich wertvoll sein – entweder bestätigen sich Ideen oder Ansätze werden komplett neu gedacht.
Die letzten zehn Minuten
Nach Ablauf der 40min bietet es sich an, sich physisch auszuschütteln und einmal durchzudehnen, bevor man in den finalen Schritt der Methode geht: Man holt nun die Auftraggebenden dazu und startet eine Murmelgruppe. Wenn im physischen Raum gearbeitet wird, dann bietet sich hier ein Sesselkreis an, in dem alle Grübler nach außen sehen und in der Mitte darf nun der Initiator der Power-Hour sitzen. Im virtuellen Raum schafft man eine ähnliche Gesprächssituation, indem alle die Kamera ausschalten aber die Mikrophone freischalten. Nun fordert die Moderation die Grüblerinnen auf, die wichtigsten Erkenntnisse der gemeinsamen 40min zusammenzufassen. Es gibt dafür 10min Zeit und sie sprechen miteinander, die Auftraggebenden werden nicht direkt adressiert. Die Moderation schreibt wieder mit oder zeichnet für ein Transkript auf.
Die Power-Hour-Session endet mit einem Dankeschön der Auftraggebenden. Es werden dabei aber die Lösungsansätze nicht bewertet, ob sie die richtigen waren. Das wäre zu voreilig.
Die Nachbereitung
Die Moderation und die Auftraggebenden gehen direkt im Anschluss gemeinsam die Aufzeichnungen durch, es braucht Raum für Nachfragen und ggf. Erklärungen aus dem Diskussionskontext.
Gemeinsam ordnen und clustern Sie die Ansätze. Bewerten Sie sie nach Machbarkeit und Logik. Dann leiten Sie konkrete Schritte und vielleicht sogar eine Timeline ab. Abschließend geben Sie diese Aufzeichnungen und die Lösungscluster in die Hände der auftraggebenden Person. Nun muss er oder sie in sich gehen und abwägen, ob und wie die Gedanken ihren Weg in die Praxis finden sollen.
Eine Woche nach der Power-Hour ist es sinnvoll ein Check-In von Moderation und Auftraggebenden einzuplanen. Je nach Komplexität der Grundproblematik freuen sich auch die Grübler sehr ein Update zu erhalten, was aus ihren Ideen und Lösungsansätzen wurde – auch wenn Sie einen ganz anderen Weg einschlagen sollten. Das kann je nach Implementierung nach ein paar Wochen oder ein paar Monaten geschehen.
Wenn aus Stillstand wieder Bewegung wird
Die Power-Hour ist leider kein Wundermittel mit der Antwort auf alle Probleme. Allerdings zeigt sie: Nicht jede Herausforderung braucht ein großes Projekt, einen Workshop-Marathon oder monatelange Analysen. Manchmal genügen eine Stunde, die richtigen Menschen und die Offenheit, gewohnte Denkmuster zu verlassen. Die Power-Hour schafft einen geschützten Raum, in dem Perspektiven aufeinandertreffen, neue Ideen entstehen und festgefahrene Gedankenverklausungen wieder in Bewegung kommen.
Wenn Sie also gerade vor einer Fragestellung stehen, bei der sich vieles im Kreis dreht, warten Sie nicht auf den perfekten Moment, sondern probieren Sie es aus. Eine Stunde ist schnell investiert. Die Erkenntnisse aus der Power-Hour können jedoch lange nachwirken. Formulieren Sie die zentrale Frage, holen Sie sich vier bis acht Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln an einen Tisch und schenken Sie dem Thema sechzig fokussierte Minuten. Vielleicht lösen Sie damit nicht sofort das gesamte Problem. Sehr wahrscheinlich entdecken Sie jedoch neue Wege, die Sie vorher noch nicht sehen konnten. Und manchmal ist genau das der entscheidende erste Schritt.
Power-Hour | 60 Minuten für neue Lösungswege
Gast-Autorin
Katharina Stadtler, BA, MA, arbeitet bei Bechtle im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung und ist zusätzlich als Autorin und Trainerin tätig. Inhaltlich beschäftigt sie sich vor allem mit Unternehmens- und Führungskultur, Change-Prozessen sowie der Digitalisierung im HR-Bereich.



