Unternehmen suchen junge Mitarbeitende mit Erfahrung … und biete immer weniger Räume, Erfahrung zu sammeln. Wir jonglieren ein Experience Gap.
Zumindest gefühlt. Da wir mit Gefühlen jedoch nicht so weit kommen wie mit Zahlen, Daten, Fakten, durchstöberte ich einige Studien.
Ich suchte nach den aktuellsten Studienergebnissen, immer wenn Ergebnisse für 2026 nicht verfügbar waren, erwähne ich es explizit. Die Quellen sind alle unterhalb des Artikels gelistet.
Für Österreich zeigen die Daten keine flächendeckende Einstiegskrise. Aber sie zeigen deutliche Warnsignale: weniger offene Lehrstellen, mehr Lehrstellensuchende, regionale Schieflagen und Mismatch bei Hochschulabsolvierenden.
Was ist der Experience Gap?
Die Experience Gap beschreibt die Lücke zwischen den Erfahrungserwartungen von Unternehmen und den realen Möglichkeiten junger Menschen, diese Erfahrung überhaupt aufzubauen.
Früher war der Deal relativ klar: Wer gut ausgebildet war, bekam eine Einstiegsrolle. Dort lernte man, beobachtete, fragte nach, machte Fehler, bekam Feedback und wuchs mit der Zeit in Verantwortung und Praxis hinein.
Natürlich gab es auch damals schon die berühmten Stellenanzeigen für 22-jährige Absolvierende mit fünf Jahren Berufserfahrung, zwei Auslandsaufenthalten und idealerweise Führungserfahrung im Nebenfach. Aber viele Einstiegsjobs waren trotzdem genau das: Einstiegsjobs. Rollen, in denen praktische Erfahrung nicht vorausgesetzt, sondern aufgebaut wurde.
Genau das verändert sich.
Und das ist für HR kein Randthema. Jede erfahrene Fachkraft war einmal Berufseinsteigerin oder Berufseinsteiger. Jede Führungskraft musste lernen, Verantwortung zu tragen. Und jede Organisation, die morgen Seniorität braucht, muss heute Lernräume schaffen.
Die wichtigsten aktuellen Daten auf einen Blick
Österreich Lehrstellenmarkt, Juli 2026
- 184 sofort verfügbare offene Lehrstellen, -9,6 % gegenüber Vorjahr
- HR-Sicht: Der Einstiegspfad Lehre wird merklich knapper.
Österreich Lehrstellensuchende, Juli 2026
- 766 sofort verfügbare Lehrstellensuchende, +6,5 % gegenüber Vorjahr
- HR-Sicht: Mehr junge Menschen suchen, während weniger sofort verfügbare Lehrstellen offen sind.
Österreich Lehrstellenlücke, Juli 2026
- 582 mehr Lehrstellensuchende als sofort verfügbare offene Lehrstellen
- HR-Sicht: Die Lücke wächst gegenüber dem Vorjahr deutlich.
Österreich Jugendarbeitslosenquote, Juni 2026
- 9,9 % laut Eurostat-Berechnung
- HR-Sicht: Österreich liegt unter dem EU-27-Wert von 15,5 %, aber Berufseinstieg bleibt ein relevantes Thema.
PwC Global AI Jobs Barometer 2026
- AI-exponierte US-Einstiegsrollen verlangen 7-mal häufiger seniorere Skills
- HR-Sicht: Der Einstieg wird anspruchsvoller, besonders dort, wo KI Aufgaben verändert.
WEF & PwC 2026
- 37 % junger Beschäftigter arbeiten in Berufen mit mittlerer bis hoher KI-Exposition
- HR-Sicht: KI verändert Jobdesign und Talentpipelines besonders am Karrierestart.
Stepstone Deutschland 2026
- Anteil ausgeschriebener Einstiegsstellen 2025 42 % unter Fünfjahresschnitt
- HR-Sicht: Deutschland zeigt, wie schnell sich Einstiegsmärkte verengen können.
KI verschärft den Experience Gap
… aber sie erklärt ihn nicht allein.
Die Versuchung ist groß, das Problem vollständig auf künstliche Intelligenz zu schieben. Doch das wäre zu einfach. Auch Konjunktur, vorsichtigeres Recruiting, höhere Produktivitätserwartungen und Skill-Based Hiring verändern den Berufseinstieg.
Aber KI wirkt wie ein Beschleuniger.
Der PwC Global AI Jobs Barometer 2026 analysierte mehr als eine Milliarde Stellenanzeigen in 27 Ländern und Regionen. Besonders spannend ist der Befund zu Einstiegsrollen in den USA: PwC untersuchte 2,4 Millionen Entry-Level-Jobs und fand, dass KI-exponierte Junior-Rollen siebenmal häufiger traditionell seniorere Fähigkeiten wie Leadership, Kreativität oder persönliche Interaktion verlangen. Diese „seniorisierten“ Einstiegsrollen sind seit 2019 um 35 % gewachsen, während andere Entry-Level-Rollen um 10 % zurückgingen.
Das ist nicht nur ein kleines Recruiting-Detail, sondern es verändert die Logik von Karriere.
Viele klassische Junior-Aufgaben waren früher Trainingsflächen: recherchieren, sortieren, dokumentieren, vorbereiten, erste Analysen schreiben. Wenn KI genau diese Tätigkeiten übernimmt, bleibt für Berufseinsteigende schneller der schwierigere Teil übrig: bewerten, kommunizieren, entscheiden.
Das kann Arbeit aufwerten. Es kann aber auch die unterste Sprosse der Karriereleiter absägen.
Österreich & Deutschland
Österreich: starkes System mit spürbaren Rissen
Österreich hat im internationalen Vergleich gute Einstiegssysteme: Lehre, Fachhochschulen, Universitäten, berufsbildende Schulen, arbeitsmarktpolitische Instrumente.
Die öffentlichen Daten zeigen keine flächendeckende österreichische Einstiegsjob-Krise. Aber sie zeigen: Der Übergang von Ausbildung in Arbeit wird anspruchsvoller.
Beispiel Lehrstellenmarkt in Österreich im Juli 2026 (Veränderung zum Vorjahr)
-9,6 % Sofort verfügbare offene Lehrstellen
+45,8 % Nicht sofort verfügbare offene Lehrstellen
+6,5 % Sofort verfügbare Lehrstellensuchende
+14,1 % Nicht sofort verfügbare Lehrstellensuchende
+ 35 % Lehrstellenlücke sofort verfügbar
Das ist für Österreich besonders relevant. Die Lehre ist hier kein romantisches Traditionsmodell, sondern ein zentraler Einstiegspfad. Wenn dieser Pfad enger wird, betrifft es Betriebe, die in einigen Jahren qualifizierte Fachkräfte benötigen.
Gleichzeitig lohnt sich der internationale Blick: Die österreichische Jugendarbeitslosenquote lag laut Eurostat im Juni 2026 bei 9,9 %. Damit steht Österreich besser da als der EU-27-Durchschnitt von 15,5 %.
Österreich steht also nicht schlecht da.Aber „nicht schlecht“ ist keine Talentstrategie.
Deutschland als Warnsignal für den deutschsprachigen Raum
Der Blick nach Deutschland zeigt, wie schnell sich ein Einstiegsmarkt verengen kann.
The Stepstone Group analysierte mehr als 4,6 Millionen Stellenanzeigen auf Stepstone.de. Das Ergebnis:
- Der Anteil ausgeschriebener Einstiegsstellen lag 2025 42 % unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
- Besonders angespannt war die Lage in klassischen Büro- und Unternehmensfunktionen: Marketing lag 33 %, Personalwesen 36 % und Produktion ebenfalls 36 % unter dem Fünfjahresschnitt. Soziale Berufe lagen dagegen deutlich darüber.
Auch die Perspektive der Studierenden hat sich verändert. In der EY Studierendenstudie 2026 sagen
- nur noch 39 % der Befragten in Deutschland, dass sie sicher sind, nach dem Studium schnell einen passenden Job zu finden. Zwei Jahre zuvor waren es 54 %.
- Jobsicherheit ist mit 52 % inzwischen das wichtigste Kriterium bei der Arbeitgeberwahl, vor Lohnperspektiven mit 43 %.
Eine Generation, der lange Flexibilität, Sinn und Selbstverwirklichung zugeschrieben wurden, schaut plötzlich wieder sehr genau auf Sicherheit.
Beschäftigt heißt nicht automatisch gut eingestiegen
Bei Hochschulabsolvierenden sieht Österreich zunächst stark aus. Die Eurograduate-Auswertung des IHS zeigt:
- Master-Absolvierende österreichischer Hochschulen sind ein Jahr nach Abschluss zu 93 % beschäftigt;
- im Durchschnitt der teilnehmenden Länder sind es 89 %.
- Doch die Passung ist nicht immer ideal: 47 % sagen, dass für ihre aktuelle Tätigkeit auch ein niedrigerer Abschluss ausreichen würde.
- 37 % arbeiten nicht im studierten Feld.
Das ist kein Beweis für fehlende Jobs. Es ist ein Hinweis auf Mismatch.
Menschen finden Arbeit. Aber nicht immer jene Arbeit, die zu Qualifikation, Erwartung und Entwicklungspfad passt. Beschäftigung allein ist noch kein gelungener Berufseinstieg.
Ein guter Einstieg bedeutet, dass Menschen relevante Fähigkeiten aufbauen, Orientierung bekommen und einen Weg nach vorne sehen und gehen. Sonst beginnt die Karriere nicht mit Entwicklung, sondern mit Umweg, Unterforderung oder Zufall.
Die eigentliche HR-Frage:
Wo entsteht künftig Erfahrung?
Viele Organisationen klagen über fehlende Erfahrung. Gleichzeitig reduzieren sie jene Rollen, in denen Erfahrung entsteht.
Erfahrung ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Sie entsteht durch gestaltete Arbeit: echte Aufgaben, gute Begleitung, dosiertes Risiko, Feedback, Wiederholung und Reflexion.
Wenn KI Routinearbeit übernimmt, muss HR die Lernkurve ganz bewusst neu designen.
Die Frage lautet nicht: Wie retten wir alte Junior-Jobs? Die bessere Frage lautet: Wie bauen wir neue Einstiegsarchitekturen?
Das können sein:
- strukturierte Traineeprogramme,
- projektbasierte Lernrollen,
- KI-gestützte Apprenticeships,
- Rotationen,
- Mentoring und Shadowing,
- interne Talentmarktplätze,
- engere Kooperationen mit Schulen, Hochschulen und Fachhochschulen,
- Einstiegsrollen, die bewusst zwischen Automatisierung und menschlicher Urteilskraft unterscheiden.
Wichtig ist: Berufseinsteigende dürfen nicht nur lernen, KI zu bedienen. Sie müssen lernen, Ergebnisse zu prüfen, Zusammenhänge zu verstehen, Entscheidungen vorzubereiten und Verantwortung schrittweise zu übernehmen.
Ideen für HR
Mögliche Umsetzungs-Schritte:
- Erfahrung als Entwicklungsauftrag definieren: Nicht nur fragen: „Wie viel Erfahrung bringt jemand mit?“, sondern: „Welche Erfahrung bauen wir in den ersten 12 Monaten auf?“
- Einstiegsrollen schützen: Junior-Aufgaben nicht einfach automatisieren, ohne eine neue Lernlogik zu schaffen.
- KI-Kompetenz systematisch aufbauen: trainieren statt voraussetzen: Prompting, Quellenkritik, Qualitätsprüfung, Datenschutz, Urteilsfähigkeit.
- Führungskräfte vorbereiten: Junge Menschen früher an komplexe Aufgaben heranführen, aber mit Feedback, Leitplanken und Reflexion.
- Österreich regional denken: Wien hat andere Einstiegsrealitäten als Tirol oder Salzburg. Eine Talentstrategie für ganz Österreich muss diese Unterschiede berücksichtigen.
Fazit
Die Karriereleiter braucht neue Sprossen
Der Experience Gap ist ein Thema, dem rasch gegengesteuert werden muss. Und es ist gar nicht so schwierig.
Klar ist:
- Wenn Unternehmen heute keine echten Einstiegsrollen schaffen, fehlen ihnen morgen erfahrene Fachkräfte.
- Wenn KI die Routineaufgaben übernimmt, braucht es neue Lernräume für Urteilskraft.
- Wenn Berufseinsteigende von Anfang an senior wirken sollen, muss HR erklären, wo sie diese Seniorität lernen können.
An die Stelle der Frage
„Warum haben Berufseinsteigende zu wenig Erfahrung?“
schieben wir lieber
„Wo sollen sie Erfahrung sammeln, wenn wir ihnen keine echten Einstiegsrollen mehr geben?“
Nehmen wir die Frage ernst und bauen wir sowohl bessere Nachwuchsprogramme als auch eine Talentpipiline der nächsten 10 Jahre. Selbst wenn wir heute schon wissen, dass sie die Ansprüche in den nächsten 10 Jahren noch so einige Male ändern werden.
Die verschwundenen Einstiegsjobs | Konsequenz für HR? Muss sie die Karriereleiter neu bauen?
Quellen und Studien
- AMS Österreich: Übersicht über den Arbeitsmarkt, Juli 2026
https://www.ams.at/content/dam/download/arbeitsmarktdaten/%C3%B6sterreich/berichte-auswertungen/001_uebersicht_aktuell.pdf - PwC: 2026 Global AI Jobs Barometer
https://www.pwc.com/gx/en/news-room/press-releases/2026/pwc-2026-ai-jobs-barometer.html - EY Studierendenstudie 2026
https://www.ey.com/de_de/newsroom/2026/06/ey-studierendenstudie-2026-werte-ziele-perspektiven - The Stepstone Group: Einstiegsjobs 2025 deutlich unter Fünfjahresschnitt
https://www.thestepstonegroup.com/deutsch/newsroom/pressemitteilungen/analyse-update-fuer-das-gesamtjahr-einstiegsjobs-auch-2025-deutlich-unter-dem-fuenfjahresschnitt/ - IHS / EUROGRADUATE: Research findings from the European Graduate Survey
https://www.ihs.ac.at/news-and-events/news/detail/research-findings-from-the-european-graduate-survey/



