Wie gelingt interkulturelle Kompetenz in der Lehrlingsausbildung im Unternehmensalltag? Ich frage in einem Interview nach.
Lehrlingsgruppen sind heute so vielfältig wie nie zuvor. Unterschiedliche kulturelle Prägungen, Sprachbiografien und Lerntraditionen treffen im Ausbildungsalltag aufeinander. Damit entstehen neue Chancen. Und neue Anforderungen an Unternehmen.
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Experten-Interview
Interkulturelle Herausforderungen bei Lehrlingen
Welche interkulturellen Herausforderungen erleben Unternehmen aktuell am häufigsten in der Lehrlingsausbildung?
Katrin Metzler (ICUnet.Group): Unternehmen erleben in der Lehrlingsausbildung aktuell besonders häufig interkulturell geprägte Missverständnisse in Kommunikation und Erwartungshaltungen. Im ICUnet-Kontext zeigt sich das vor allem in Unterschieden zwischen indirekter und direkter Ansprache sowie in abweichenden Vorstellungen von Rollen und Verantwortlichkeiten.
Flache Hierarchien und eine ausgeprägte „Du-Kultur“ können zu Beginn irritieren und Unsicherheit auslösen. Herausfordernd sind zudem kulturell geprägte Feedback- und Konfliktmuster, die Auszubildende ebenso wie ausbildende Personen fordern. Gleichzeitig braucht es eine diversitätskompetente Begleitung von Lehrlingsgruppen, um Gruppendynamiken stabil zu halten und Spannungen frühzeitig vorzubeugen. Die Erfahrung zeigt: Mit klarer Struktur, kultursensibler Sprache und interkultureller Führung werden Unterschiede zu echten Ressourcen.
Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Die Gruppe der Lehrlinge ist heute häufig kulturell sehr divers. Abhängig davon, ob Lehrlinge mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in Österreich aufgewachsen sind, sind sicherlich Herausforderungen in der Kommunikation am häufigsten, vor allem wenn mangelnde Deutschkenntnisse vorhanden sind. Darüber hinaus kommen Unterschiede in den Lernweisen zum Tragen, wenn im Herkunftsland oder auch in der Familie autoritäre Strukturen vorherrschen und eher passives Lernen propagiert wird. In so einem kulturellen Kontext besteht auch häufig eine starke Autoritätsakzeptanz, die eher dazu führt, dass Lehrlinge klare Anweisungen erwarten und wenig Eigeninitiative zeigen. Damit geht einher eine nicht entwickelte Feedback-Kultur, da man nicht gelernt hat, eine eigene Meinung zu äußern. Auch Teamarbeit und Solidarität innerhalb eines Teams sind nicht selbstverständlich und können eine Herausforderung sein. All dies sind Aspekte, die sicher häufig unterschätzt werden.
Sprachliche Hürden
Welche sprachlichen Hürden treten bei Lehrlingen mit Migrationshintergrund besonders häufig auf?
Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Allen voran kann die Alltagskommunikation eine Herausforderung sein, da häufig Phrasen verwendet werden, die nicht geläufig sind, oder sehr rasch gesprochen wird, so dass Lehrlinge, die nicht gut Deutsch sprechen, nicht folgen können. Die Fachsprache ist ein weiteres Problem. Spezifische Fachausdrücke müssen erst erlernt werden. Manchmal haben Lehrlinge im Deutschen einen sehr starken Akzent, sodass sie für die anderen schwer zu verstehen sind. Natürlich führen Grammatikfehler manchmal zu Missverständnissen. Ein sehr geringer Wortschatz im Deutschen hat Auswirkungen auf die Ausdrucksmöglichkeit und wirkt sich negativ aus. Das Folgen von Gesprächen in der Gruppe ist für Lehrlinge mit mangelnden Deutschkenntnissen häufig schwer. Und schließlich sind mangelnde Kompetenzen in der Schriftsprache auch eine Hürde, die nur langsam überwunden werden kann.
Katrin Metzler (ICUnet.Group): Viele Lehrlinge mit Migrationshintergrund sprechen im Alltag gut bis sehr gut Deutsch, stoßen im beruflichen Kontext jedoch häufig an Grenzen, insbesondere im schriftlichen Ausdruck. Das zeigt sich etwa bei Berichtsheften, Arbeitsaufträgen oder in Berufsschulprüfungen, wo präzise Formulierungen und formale Standards gefragt sind. Zentrale Stolpersteine sind außerdem Fachsprache, komplex formulierte Anweisungen sowie idiomatische Wendungen, die sich nicht direkt aus dem Wortlaut erschließen.
Zusätzlich kann ein regional geprägter Dialekt von Lehrkräften das Verstehen im Unterricht erschweren, auch wenn die Alltagssprache sicher wirkt. Insgesamt entsteht so eine Lücke zwischen „Alltagsdeutsch“ und „Ausbildungsdeutsch“, die ohne gezielte Unterstützung schnell zu Unsicherheit und spürbarem Leistungsdruck führt.
Vorbereitung der Ausbildner
Wie bereiten Sie Lehrlings-Ausbildner darauf vor, kulturell vielfältige Lehrlingsteams erfolgreich zu führen und diese kulturellen Unterschiede positiv zu nutzen?
Katrin Metzler (ICUnet.Group): Interkulturalität ist bei uns ein fester Bestandteil der Unternehmens-DNA. Unser „Orange Spirit“ steht für gelebte Vielfalt, Perspektivenoffenheit und internationale Zusammenarbeit. Diese Haltung bringen unsere Mitarbeitenden selbstverständlich in die Ausbildungsarbeit ein. Bei uns werden Auszubildende durch klare Leitlinien und praxisnahe Impulse unterstützt, unter anderem in regelmäßigen Workshops und Trainings durch unsere interkulturellen Inhouse-Trainierenden. So stärken wir gezielt Kompetenzen in diversitätssensibler Kommunikation, konstruktivem Feedback und inklusiver Teamführung. Damit werden kulturelle Unterschiede nicht nur „mitgedacht“, sondern aktiv als Lern- und Innovationsressource genutzt. Auf diese Weise entsteht von Beginn an ein Umfeld, in dem Vielfalt selbstverständlich zum gemeinsamen Erfolg beiträgt.
Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): In diesem Kontext steht die Entwicklung von kultureller Sensibilität und interkultureller Kompetenzen im Vordergrund. Kenntnisse von unterschiedlichen Kommunikationsweisen und Gruppenverhalten sowie Auffassungen von Autorität und Egalität sind zentral, um mit kulturellen Unterschieden umzugehen. Auch Konzepte wie Ehre und Gesicht wahren sollten aufgezeigt werden, um mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Kulturen, darunter auch so genannte Ehr-Kulturen, entsprechend umgehen zu können. Wichtig wäre zu vermitteln, dass eine ethnozentrische Haltung, bei der die eigenen Werte als einzig wahre gelten, im interkulturellen Bereich kontraproduktiv ist. Es gilt, die Lehrlinge durchaus in ihrer eigenen kulturellen Herkunft zu stärken, um deren Ressourcen zu nutzen. Man müsste daher das kulturelle Bewusstsein der Lehrlinge fördern, um auf dieser Basis gemeinsame Umgangsweisen auszuhandeln. Daher wäre es wichtig, Kenntnisse zu Teambuildingsprozessen und Aushandeln von Werten zu vermitteln.
Fazit
Kulturelle Vielfalt bringt Dynamik in Lehrlingsteams. Mit klarer Struktur, bewusster Kommunikation und gegenseitigem Respekt entsteht daraus eine produktive Lernumgebung.
Unternehmen, die diesen Prozess aktiv gestalten, sichern nicht nur Ausbildungsqualität, sondern fördern auch langfristige Integration und Zusammenarbeit.
Interviewte Personen
Lehrlinge im Kulturmix | Interkulturelle Herausforderungen meistern
Dr. Karin Schreiner
- Inhaberin
- Intercultural Know How – Training & Consulting
- Unternehmens-Profil
- www.iknet.at
Katrin Metzler
- Assistentin des Vorstands, Entwicklung & Betreuung der Auszubildenden
- ICUnet.Group
- Unternehmens-Profil
- www.icunet.group

