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Über die Sinnhaftigkeit von Lehrlings-Messen

Lehrlings-Messen. Wie immer, im Herbst folgt eine Lehrstellenmesse auf die andere. Das hat für manche Aussteller zwar den Vorteil, dass sie aus dem Messemodus gar nicht mehr aussteigen müssen. Führt aber vielleicht auch dazu, dass eine gewisse Müdigkeit und ein Problem mit der Halbwertszeit der Informationen auftreten. Ob das nur bei Ausstellern oder auch bei den Besuchern zu bemerken ist, habe ich im MAK vor Ort überprüft.

Wenn man sich dem MAK an diesen Tagen nähert muss man aufpassen, dass man nicht mit einer Vielzahl an Jugendlichen kollidiert. Die sind nämlich zumindest außerhalb des Gebäudes Großteils auf ihre Smartphone fokussiert und nehmen ihre Umgebung nur peripher war. Was aber aufgrund der kollektiven Fortbewegung im Pulk, angeführt von einer Lehrkraft welche die Richtung vorgibt, nicht weiter schlimm ist. Ans Ziel ‚Schule‘ gelangt man sowieso am besten, indem man allen anderen folgt.

Aufmerksamkeit gewinnen ist eine Kunst. Auch bei Lehrlings-Messen

Großteils hat sich inzwischen durchgesetzt, dass Lehrlinge wohl die geeigneteren Gesprächspartner für Jugendliche sind. Kaum ein Stand der Lehrlings-Messe, an dem sich nicht mehrere Lehrlinge tummeln und allseits mit dem Verteilen von Werbegeschenken wie Maßbändern, Energydrinks oder Kugelschreibern auf sich aufmerksam machen. Super, erste Regel auf einer Messe ist es ja, die Vorbeigehenden zum Stehen zu bringen. Leider fehlt hier vielleicht Teil 2 noch ein wenig. Denn der lautet: „ein Gespräch beginnen“. Das gelingt aber mit dem Verteilen von Kugelschreibern naturgemäß nicht ganz. Kugelschreiber nehmen, einen zweiten dazu erbeuten und weitergehen geht sehr oft in einem Schwung. Gewinnspiele sind da schon eher geeignet, weil schon allein beim Ausfüllen der Teilnahmekarte die potentiellen Interessenten am Stand stehen. Und in ein Gespräch verwickelt werden könnten, wenn die eigenen Lehrlinge darauf sensibilisiert sind. Einige Stände machen das, bei einigen fällt mir aber auf, dass beim Ausfüllen bestenfalls die Pinguinstrategie angewendet wird. Möglichst lautlos daneben stehen, freundlich lächeln und zum Abschied winken – Chance vergeben. Natürlich, es ist schwer, Jugendliche in ein Gespräch zu verwickeln die eigentlich gar nicht interessiert sind. Aber das ist das Los jedes Messeteams, denn eigentlich geht man ja genau deswegen auf eine Messe. Um sich einen Überblick zu verschaffen, was es am Markt gibt.

Hier liegt meines Erachtens ein grundlegender Denkfehler im Konzept. Denn einerseits bieten reine Lehrstellenmessen wohl kaum einen umfassenden Überblick. Hier fehlt nämlich der gesamte Bereich Schule, der nun einmal zum Gesamtüberblick dazugehört. Daher bringt man auch kaum Eltern auf diese Lehrlings-Messen. Weil die sind ja sowieso der Meinung: Lehre kommt für mein Kind eh nicht in Frage. Also warum sollten sie dann auf eine Messe gehen, wo es nur Lehrstellen gibt?

Und wo sind die Eltern

Eltern und Tag der Lehre, das ist dann sowieso ein eigenes Thema. Seit letztem Jahr gibt es ja am Mittwoch den Abend für Eltern. Nur, so wie letztes Jahr waren auch diesmal nur sehr wenige Eltern bereit, sich nach ihrem eigenen Arbeitstag über die Zukunftsoptionen für ihre Kinder zu informieren. Was an einem Mittwoch, an dem noch dazu Champions League im Fernsehen auch eine gewisse Konkurrenz darstellt, eigentlich nicht so verwunderlich ist. Die „klassischen“ Zielgruppen, die sich grundsätzlich für eine Lehre interessieren sind vielleicht doch eher jene, die entweder schon einen langen Arbeitstag hinter sich haben oder womöglich um 19:00 Uhr noch immer selbst an der Supermarktkasse arbeiten müssen.

Sinn & Unsinn von Lehrlings-Messen

Gut, bleiben die Jugendlichen selbst. Ein ganz einheitliches Gefühl von Seiten der Aussteller der Lehrlings-Messe ist nicht auszumachen. Von „gute Gespräche geführt“ bis zu „kaum jemand der ernsthaft interessant wäre“ ist alles dabei. Das kann natürlich manchmal an den Ständen und Standpersonal, siehe oben, liegen. Was generell als Tenor zu hören war ist, dass die Anzahl der Jugendlichen mit Migrations- und Flüchtlingshintergrund spürbar angestiegen ist. Allerdings bringen hier nur wenige eine konkrete Vorstellung über unser Berufssystem mit. Das geht bei einem der anwesenden Bäcker so weit, dass nur wenige dieser Jugendlichen mit der Vielfalt von Brot und Körnern überhaupt etwas anfangen können. Und auch die Vorstellungen über die Anforderungen an KFZ Mechaniker können mit der Realität kaum mithalten.

Es ist offenbar noch viel zu tun, um das Thema in die gewünschte Richtung zu entwickeln. Am Wichtigsten erscheint mir, den Termin solcher Messen zu hinterfragen. Die Entscheidung, sich mit einer Lehre ernsthaft zu befassen, wird für Eltern meist rund um das Halbjahreszeugnis schlagend. Weil bis dahin die meisten hoffen, dass es das Kind doch noch schafft, weiter in die Schule zu gehen. Und es ist auch fraglich, ob sich Jugendliche wirklich von Oktober bis Februar oder März merken, was sie auf einer Lehrlings-Messe gesehen haben. Geschweige denn, dass sie noch irgendetwas von jenen Informationsmaterialien finden, die es bis nach Hause geschafft haben. Ein Termin im Jänner wäre zumindest mal eine Option denn es macht ja schließlich auch niemand eine Gartenbaumesse im Herbst.

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