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Lehrlings-Weiterbildung: methodisch raffiniert

Welche Lehr-Methoden kommen bei Lehrlingen besonders gut an und welche sind zielführend? Diese beiden Parameter „beliebt“ und „zielführend“ müssen nicht zwangsläufig deckungsgleich sein.

Ja, ich weiß, das Leben ist kein Wunschkonzert und Lehrlinge müssen auch etwas lernen und die Methoden können sie sich bitte nicht selbst aussuchen. Doch ich frage nicht nach „Wunschkonzert“, sondern nach „zielführend“.

Ein Blick in mein persönliches Nähkästchen: vor vielen vielen Jahren war ich selbst in der Lehrlings-Fortbildung tätig. Eigentlich in der langweiligsten Form: theoretische Fächer in der Berufsschule. Viele prophezeiten mir lernunwillige, missmutige, demotivierte Jugendliche. Die Praxis zeigte mir schnell: mit nichten! Diese jungen Menschen waren extrem positiv, wollten in erster Linie Spaß haben und wenn sie dabei noch etwas lernten, waren sie mehr als offen dafür. Und ich hatte selbst mächtig Spaß dabei. Mein persönlicher Vorteil damals war sicher, dass ich relativ jung und leicht zugänglich war. Doch eigentlich agierte ich mehr aus dem Bauch heraus als mich auf Methoden-Theorien zu stützen.

Heute frage ich die Paktiker, die die Methoden-Theorien UND das Bauchgefühl vereinen: Welche Methoden sind bei Lehrlingen besonders beliebt UND zielführend?

 

 

Welche Methoden kommen bei den Lehrlingen besonders gut an? + Weshalb?

Dipl.-Päd. Michael K. Grossmann (EBC*L International): Vorträge sollten in attraktives e-learning umgewandelt werden. Mit einfachen Hilfsmitteln und Animationen werden selbst Themen wie Compliance oder Betriebswirtschaft zum „Erlebnis“. Die aktive Einbindung des Users in das Lernprogramm ist dabei Grundvoraussetzung.

Günther Mathé, MBA (careercenter): Sehr beliebt bei Lehrlingen sind Stationenparcours, Planspiele oder Schnitzeljagdsysteme. Klare Anweisungen, klare Regeln, unterschiedliche Aufgaben bei den Stationen, jede Eigenschaft und Fähigkeit ist für die Zielerreichung wichtig, jeder Lehrling kann in einem anderen Bereich brillieren. Der Wettbewerbscharakter spornt die meisten an (aufpassen: immer wieder gibt es Jugendliche, die von Wettbewerben gar nichts halten, die muss man anderwärtig mit ins Boot holen). Wenn es zum Schluss noch etwas zu gewinnen gibt (am besten für alle), dann macht es noch mal soviel Spaß.

Renate Sembera (QBA Qualifizierungs- und Beratungsakademie): Learning bei doing – mit Coaching Unterstützung. Das Feedback wird nicht defizitorientiert an die Jugendlichen weitergegeben sondern ressourcenorientiert. Dabei versuchen wir, den Jugendlichen die individuellen Stärken bewusst zu machen und diese lösungsorientiert einzusetzen. Diese Methode stärkt bei den Jugendlichen das Selbstwertgefühl

Andreas Hallas (il Aus- und Weiterbildung): Bei den meisten Lehrlingen funktionieren Aufgabenstellungen, die entweder in Wettbewerbs- oder Kooperationsform gestellt werden. Dabei ist es egal, ob es um das Wiederholen, Erarbeiten oder Anwenden von Wissen geht. Das Schöne an diesen beiden Aufgabenformen ist, dass sie vielfältig adaptierbar sind. Wichtig ist dabei auch die passende Dosierung an Bewegung zu finden. Viele Lehrlinge kennen das Lernen aus der Schule nur in sitzender, ruhiger Position. Dieses Lernsetting aufzubrechen ist wichtig, um die Lehrlinge einerseits zu aktivieren und andererseits zu motivieren.

Welche Methoden sind besonders zielführend („bei Lehrlingen beliebt“ muss noch nicht deckungsgleich sein mit „zielführend“)? + Weshalb?

Günther Mathé, MBA (careercenter): Jegliche Art von erlebnispädagogischen Übungen und Spielen sind bei den Lehrlingen sehr beliebt UND auch sehr zielführend. Im Teenageralter ist es meist nicht mehr cool, neben Gleichaltrigen dem Spieltrieb nachzugehen. Umso stärker merken wir, dass in vielen Lehrlingen doch noch viel „Kind“ steckt, wenn wir Übungen mit ihnen machen, in denen sie kreativ und erfinderisch sein dürfen. Übungen mit engem Körperkontakt sind für viele Lehrlinge befremdlich und werden nicht gut angenommen. Gruppenarbeiten mit dezentem Wettbewerbscharakter und kombinierten Gewinnspielen sind für die Lehrlinge extrem spannend und alles was den Lehrlingen im Seminar Spaß macht, ist meist auch zielführend. Wenn der Trainer humorvoll, mit einer Prise Sarkasmus die wichtigsten Inhalte in einer jugendlich ansprechenden Präsentation reinpackt, sind die Lehrlinge oft total gefesselt.

Andreas Hallas (il Aus- und Weiterbildung): Zu Beginn jedes Trainings ist es uns wichtig, den Lehrlingen durch den Einsatz von Mindopenern oder Diskussionen einen individuellen Lernanreiz zu setzen. „Warum bringt mir das was?“ ist eine Frage, die wie vor allem von jungen Menschen immer wieder hören. Dabei haben sich unter anderem Videos, Geschichten und persönliche Erlebnisberichte des Trainers bewährt. Doch nicht nur der Lernanreiz zu Beginn, sondern auch der Lerntransfer am Ende braucht individuellen Charakter. Dabei hat es sich zum Beispiel bewährt, die Lernerfahrungen in alltägliche Handlungen zu implementieren – von der Handy-Erinnerung bis zum Transfer-Selfie sind den Methoden keine Grenzen gesetzt. In diesem Fall sind „zielführend“ und „beliebt“ sogar am gleichen Fleck zu finden ;).

Dipl.-Päd. Michael K. Grossmann (EBC*L International): Schon ausprobiert, wie sich Lehrlinge als Führungskraft eignen? Man ahnt gar nicht, was in so jungen Kalibern alles steckt. Wäre doch schade, diese Potenziale ungenutzt zu lassen. Unternehmensplanspiele bis hin zu Führung einer Filiale oder einen Werbeslogan entwickeln und präsentieren zu lassen. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

 



Die Gesprächspartner

 


Dipl.-Päd. Michael K. Grossmann
Consultant

EBC*L International

www.ebcl.eu

Unternehmens-Profil


Günther Mathé, MBA
Geschäftsführer

careercenter

www.careercenter.at

Unternehmens-Profil

 


Andreas Hallas
Konzeption & Training

il Aus- und Weiterbildung GmbH

www.lehrlingstraining.at

 


Renate Sembera

QBA Qualifizierungs- und Beratungsakademie KG


selan_eva_150Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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