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Miteinander reden 4.0 | Wir sind anwesend, aber nicht präsent

„Hören Sie auf zu kommunizieren, reden Sie lieber miteinander“. Dieses Statement eines  geschätzten Beraterkollegen bringt den heutigen Zeitgeist auf den Punkt. Wir haben viele Möglichkeiten, um jederzeit und überall zu kommunizieren. Gleichzeitig beklagen aber zunehmend mehr Menschen eine oberflächliche Informationsflut.

Was vielen nicht bewusst zu sein scheint – auch unser „Miteinander reden“ hat sich durch Social Media verändert. Wenn wir heute bei einem Gespräch zusammen sitzen, ist das längst kein Garant mehr dafür, dass wir auch gedanklich bei unserem Gegenüber sind. Denn unsere Aufmerksamkeit gehört oft nur einem: Dem Bimmeln unseres Smartphones.

Miteinander Reden 4.0 – Stimmungsbilder aus dem Alltag

Vielleicht haben Sie so eine ähnliche Situation auch schon erlebt: Sie sitzen in einem Lokal und warten auf einen ehemaligen Arbeitskollegen, mit dem Sie zum Abendessen verabredet sind. Nach vielen Versuchen hat es mit dem Termin endlich geklappt. Ihr Bekannter scheint beruflich unabkömmlich zu sein. Daher sind Sie nicht auch überrascht, dass er zur vereinbarten Zeit noch nicht da ist.

Während Sie warten, machen Sie einen Blick in die Runde. Am Tisch neben Ihnen sitzt eine Familie mit zwei Kindern im Teenager-Alter. Allen gemeinsam: Die Augen am Smartphone, während auf das Essen gewartet wird. Ein ähnliches Bild offenbart der Blick aus dem Fenster. Im Kino gegenüber ist gerade eine Vorstellung zu Ende gegangen. Die Leute strömen auf die Straße. Auch hier eine beobachtbare Gemeinsamkeit: Bei 9 von 10 Paaren folgt sofort der Griff in die Tasche, um das Smartphone zu checken.

5 Minuten später taucht Ihr Arbeitskollege auf. Bezeichnenderweise mit dem Handy am Ohr. Während er telefoniert, gibt er Ihnen die Hand und nimmt Platz. Nach weiteren fünf Minuten beendet er das Gespräch und entschuldigt sich für diese Unhöflichkeit. Aber spätestens, als er danach das Smartphone gut sichtbar am Tisch platziert, ist Ihnen eines klar: Das folgende Abendessen werden Sie zu dritt genießen müssen.

Miteinander Reden 4.0 – Über den Verlust von Achtsamkeit & Präsenz

Die oben genannten Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Und auch wenn manches konstruiert erscheint, so offenbart sich daraus vor allem ein Aspekt: Die digitale Technik hat die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, gravierend verändert. Sie bietet uns viele Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu treten, ohne dass wir körperlich präsent sein müssen. Das ist oftmals hilfreich, aber nicht immer zielführend und sinnvoll.

Jedoch selbst dann, wenn wir einander gegenüber sitzen, scheint im persönlichen Gespräch heute immer öfter eines abhanden zu kommen: die geistige Präsenz des Gegenübers. Wir sind getrieben vom Wunsch nach Anerkennung und Aufmerksamkeit in den diversen Social Media Kanälen. Aber wir schaffen es oftmals nicht mehr, dem Gesprächspartner diese Anerkennung ebenfalls zu geben. In Form von Achtsamkeit und Präsenz, wenn wir uns unterhalten.

Körperlich sind wir zwar anwesend, aber unsere Gedanken sind im Netz. Auch dann, wenn das Smartphone oder das Tablet nicht am Tisch liegt. Es genügt das Bimmeln des (abseits liegenden) Gerätes und die Aufmerksamkeit ist nicht mehr beim Gegenüber. Die Fassade zeigt noch eine Gesprächssituation, aber mit dem Kopf sind die Protagonisten schon wo anders. Und zwar bei der Frage: „Was habe ich gerade versäumt?“

Miteinander Reden 4.0 – Wenn ein Werkzeug zum Lebensinhalt wird

Wir leben in einer Zeit, in der Studien belegen, dass Handynutzer eher eine Woche auf Sport, Alkohol oder Sex verzichten würden, als auf das Smartphone. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden. Eines zeigt es aber mit Sicherheit: Die Kommunikationsmöglichkeiten der modernen Technik haben unsere Werte und Lebenseinstellungen stark verändert.

Leider gilt das auch für die Fähigkeit, achtsam miteinander zu reden. War früher das Lesen der Tageszeitung bei Tisch ein Zeichen von Geringschätzung für das Gegenüber, so wurde das gedruckte Blatt vom Smartphone abgelöst. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Die Zeitung war irgendwann ausgelesen – das Smartphone jedoch kann unsere Aufmerksamkeit unendlich binden. Auch dann, wenn es gar nicht eingeschaltet ist.

Vielleicht ist es eben genau dieser permanente Kick, dieses „Immer-wieder-Neue“, das dazu führt, dass viele dem Smartphone eine höhere Aufmerksamkeit geben, als einem Gespräch mit dem Partner oder einem Arbeitskollegen. Welche Auswirkungen diese Nichtachtung des Gegenübers auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen hat?

Das Konfliktpotential wird dadurch mit Sicherheit nicht weniger. Unsere Konfliktlösungskompetenz leider schon. Denn auch anno 2019 gilt: „Mit’n Reden kommen d’Leut z’samm.“


„Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.“
(Karl Jaspers, dt. Philosoph)

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2 Kommentrare

  1. Franz Auinger am

    Herrlicher Beitrag lieber Harald!
    Du hast es auf den Punkt gebracht 🙂
    Alles Gute und liebe Grüße Franz

  2. Andreas Madjari am

    Treffend beschrieben. Mir fällt dazu auch das Buch „Besser fix als fertig“ von Bernd Hufnagl ein. Guter Lesestoff für Menschen, die gerne wieder mehr präsent sein wollen.
    Kommunikation ist auch fordernder geworden, denn die Zahl der möglichen Kanäle hat deutlich zugenommen. Gab es Anfang der 90er Jahre für die meisten Menschen noch persönlich, telefonisch (Festnetz!), per Fax, per Brief – alles ortsgebunden, so sind mittlerweile Handytelefonat, SMS, E-Mail, diverse Messengerdienste und Social Media dazugekommen und die Ortsgebundenheit hat sich aufgelöst. All das in knapp einer Generation. Das müssen wir wohl als Gemeinschaft und Gesellschaft erst einmal verdauen.

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