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HRweb vor Ort | Future Day Vienna mit Blick in die Zukunft: Madman mit Kindchenschema?

„Wie konstruieren wir Realität und Zukunft in unseren Gehirnen?“ fragt Harry Gatterer (Zukunftsinstitut) bei der Eröffnung des Future Day Vienna 2019 gemeinsam mit Matthias Horx (Zukunftsinstitut) und Romy Faisst (Businesscircle). „Wir machen hier übrigens auf frontal, weil dann kann jeder in Ruhe denken und Neues aufnehmen“, ergänzen sie.

Event-Eckdaten:
Future Day Vienna | Wien | Veranstalter: Business Circle | 8okt2019

 

Es gibt eine Fülle an Neuem aufzunehmen und garantiert verdaut hier jeder anders und sucht sich anderes von diesem reichhaltigen Buffet. Meine Highlights der Zukunftstories von elf internationalen Speakern entsteht natürlich aus meiner persönlichen Brille als Mensch, Positive Psychologin und Unternehmensberaterin.

Im Studio 44, die Bühne getaucht in grünem und gelbem Licht, werden neue wohlklingende und spannende Begriffe kreiert, Megatrend-Maps gezeichnet, Männer sprechen leidenschaftlich mit und ohne Hut, Frauen inspirieren mit und ohne Präsentation, es gibt ganz viel Haltung, Pioniergeist und Reflexionsgeist zu spüren bei diesem Future Day Vienna. Aber der Reihe nach, ausgewählte Leckerbissen…

Trends. Naivität. Und der Blick zurück aus der Zukunft.

Trends. Viele klingende Ideen und Begriffe. Vieles ist nicht so gekommen, wie wir bzw. vor allem Experten im jeweiligen Fachgebiet gedacht haben (Holophon, Pille für den Mann), zeigt uns Matthias Horx. Wir haben ein „Kindchenschema“ was die Zukunft angeht, denken zu linear, zu naiv (fliegende Autos). Ganz spannend auch Markus Iofcea, Leiter des Think Tanks der UBS Bank, die sich nur damit befasst, was nicht vor 2050 passieren soll. „Access over ownership“ ist ein Zukunftsszenario, dass aus seiner Sicht sehr wahrscheinlich ist. Es hat ja schon begonnen: Ein Monat Zugang zu unendlich viel Musik über Spotify vs. sich um das gleiche Geld eine CD kaufen? Das wird sich fortsetzen inklusive aller persönlicher Daten in unserem Gehirn. Und mit dem Internet of Things haben wir dann das Eis schon in der Hand, an das wir gerade lustvoll gedacht haben…

Wie kommt Neues in die Welt?

Um Neues entstehen zu lassen, müssen wir unsere bewährten Tools fallen lassen. Die „You got civilized!“-Barriere überwinden, nennt es der Mann mit Hut, Marc Aden Gray (Schauspieler und Trainer). Wenn man vor einer großen Herausforderung steht – und er erzählt die Geschichte von Helen Keller und ihrer Lehrerin Anne Sullivan (1887)  – dann ist es wichtig, all die Geschichten, die man sich schon das ganze Leben über sich selbst erzählt („Ich bin nicht so der Typ für…“, „Das kann ich nicht…“) neben sich stehen zu lassen. Sich von einem lohnenden Ziel („we need beauty, something appealing…“) dazu zu bringen sich endlich neu zu erfinden, damit Neues erfunden werden kann.

Ist neu besser?

Innovation heißt auch unterscheiden lernen: neu ist nicht zwingend besser. Es geht letztlich um einen wirklichen Nutzen: Brauchen wir das wirklich? Wollen wir das wirklich? Und nicht: ist es möglich? Viele Speaker knüpfen an bei Zielen, die für die Gesellschaft und die Erde überlebensnotwendig sind. „Der Erde ist es wurscht, ob wir drauf leben. Für die sind wir bloß ein Wimpernschlag“, meint etwa Stephan Grabmeier (Berater und Speaker) im Kontext von Purpose Leadership. Auch Rebecca Freitag, die UN Jugenddelegierte und Aktivistin, bezieht sich auf den Mehrwert für Mensch und Umwelt – auf die 17 „sustainable development goals“, die die UN definiert hat. „Enkeltauglich handeln!“ sagt sie. „Für uns Jungen ist nachhaltiges Handeln schon ganz normal. Wann kommt ihr nach?“ fragt sie herzlich-provokant.

Blaue Codegesichter auf Vinyl?

Natürlich wird hier auch über Digitalisierung gesprochen. „60% unserer Anfragen von Unternehmen sind zu diesem Thema“, erzählt Matthias Horx. „Oft wünschen sie sich eine Art positive Propaganda“, lacht er und schüttelt den Kopf. Er zeigt welche bildlichen Konstruktionen wir zu Digitalisierung haben. Man braucht nur Bilder zu dem Thema bei Google suchen: alles in kühlem Blau, lauter Nuller und Einser, meist auf die Haut von Gesichtern geschrieben, eher Darstellungen von Männern (die rennen), Tunnels, Spiralen. „Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend“, erklärt er „und daraus entsteht dann etwas Neues. Entwicklung erfolgt also rekursiv.“. Wir erleben auch gerade eine analoge Revolution – Vinyl, Polaroid, Bibliotheken werden gebaut, und die ersten bauen offene Büros wieder zugunsten kleinerer Settings ab. Menschen brauchen Kontakte. Hier knüpft Natalie Knapp ganz meisterhaft an.

Netzwerke. Ganz alt.

Die Philosophin denkt mindestens drei Jahre über etwas nach, bevor sie eine Rede dazu hält. Und die hält sie ohne Folien, mit starker Präsenz und mit einer klaren Linie. Ihr Thema: die Psychologie von Netzwerken. Und dabei denkt sie nicht an Facebook, denn Netzwerke gibt es seit es Menschen gibt, sie liegen unter der Oberfläche, verbinden uns Menschen. „Wir kommen bereits vernetzt auf die Welt, wir brauchen uns nicht zu vernetzen.“ Und: „Die sozialen Netzwerke formen und erschaffen uns!“.

Es beginnt mit unserer Vernetzung zu unserem Körper und unserem Gehirn. Mit welchen Gedanken wachen wir morgens auf? Wie fühlt sich unser Körper? Das setzt sich in den Tag fort, wenn wir es nicht bewusst unterbrechen und den ersten Satz für eine neue Geschichte erzählen. Sie spricht von spannenden Studien und Feldforschungen und kommt zu dem Schluss, dass Glück und Gesundheit im wesentlichen kollektive Phänomene sind. Die individuelle Gestimmtheit und das Verhalten setzen sich durch minimale Kontaktstellen (Begegnungen im Haus, auf der Straße etc.) fort und wirken durch jede Person über drei bis vier Kontaktstellen weiter. So gibt es Straßenzüge die signifikant glücklicher oder sportlicher sind als andere – durch die kollektive Ansteckung (Langzeitstudie in Massachusetts mit 50.000 Menschen). Und es ist unsere Entscheidung, was wir einspeisen in das soziale und virtuell-soziale Netz. Ob wir unsere Wut in uns verwandeln oder sie rauslassen. Es geht um Haltung und Verantwortungsbewusstsein.

What goes up must come down? Wachstum in der Zukunft

„Seid doch froh, wenn dieser Wachstumswahn endlich vorbei ist!“ ruft André Reichel (Professor für Internationales Management & Sustainability) aus und lacht. Wir haben ein Jahrhundert an steilem Wachstum hinter uns: 1913-2013 eine Versechzehnfachung des Welt-BIP im Vergleich zu mehr oder weniger Stagnation von Christi Geburt bis dahin. Natürlich auch was die Ressourcen betrifft und die CO2 Emission.

Er zeigt, was „Postwachstum“ sein kann:

  • Aktiv gestaltete Reduktion von Produktion und Konsum. Auch hier die Variante Zugang oder Besitz?
  • Technologische Effizienz und dadurch weniger „Naturverbrauch“ für eine bessere ökologische Bilanz
  • Suffizienz – Verzicht bzw. mit weniger Wert schaffen durch wiederverwenden, verringern, vermeiden.
  • Sinn als zentrale Kategorie des Wirtschaftens; humaner Kapitalismus

„Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist“, zitiert er Kenneth E. Boulding aus dem Jahr 1973.

So, jetzt hör ich auf, denn noch länger wollen sie in einem online-Magazin nicht lesen, oder? Ich sprenge schon die Vorgaben. Am besten selbst hingehen, zum nächsten Future Day Vienna am 6okt2020.

Fotos: ©Business Circle/ThomasMAGYAR|Fotodesign

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