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Die Generation Z kommt! – Prof. Christian Scholz im Interview

Während alle noch von der Generation Y sprechen, spricht er schon von der Generation Z. Und nicht nur das, er hat sogar ein Buch dazu verfasst, das Ende letzten Jahres erschienen ist. Die Rede ist von Prof. Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirschaft an der Universität des Saarlandes.

Er prohezeit – und kann dies auch wissenschaftliche belegen – dass demnächst eine ganz neue Generation von Arbeitnehmern den Arbeitsmarkt erobern wird. Eine Generation, die wie keine zuvor auf eine Trennung von Berufs- und Privatleben Wert legt und nicht mehr bereit ist, haufenweise Überstunden für eine ungewisse Zukunft zu schieben. HRweb-Autor Peter Rieder hat Prof. Scholz zum Interview gebeten.

Herr Prof. Scholz, haben die Unternehmen doch gerade erst die Generation Y verdaut, so sprechen Sie in Ihrem Buch bereits von der Generation Z. Was macht diese Generation so besonders? So anders?

Prof. Christian Scholz (Foto):  Wenn wir uns zurückerinnern, schien die Generation Y der Traum eines jeden Arbeitgebers zu sein: hochgradig leistungsorientiert nach der Devise „fördern und fordern“, Spaß an Karriere, interessiert an Verantwortung und als Digital Native rund um die Uhr für das Unternehmen erreichbar. Das alles hat sich allerdings bei der ganz jungen Generation und vor allem in der Altersgruppe bis rund 25 Jahre radikal verändert. Sie will eine klare Trennung zwischen Privatleben und Beruf, strebt nicht mehr nach Karriere und Verantwortung, blockiert im Extremfall nach Dienstschluss den Kontakt des Chefs auf dem Smartphone und strebt vor allem nach Sicherheit.

Diese neue Generation kann man jetzt als „modifizierte Generation Y“ bezeichnen und darauf hinweisen, dass die Generation Y insgesamt recht uneinheitlich auftritt. Man kann aber auch – und das ist mein Ansatz – von einer neuen und anderen Generation sprechen und diese als Generation Z bezeichnen: Und sie ist so anders, dass es sich lohnt, sich differenziert mit ihr auseinanderzusetzen.

Das erste Kapitel in Ihrem Buch heißt „Z wie Zombie“. Darin bezeichnen Sie die Generation Z unter anderem als „realistisch“. Wie darf man das verstehen? Waren das die Generationen davor nicht?

Z wie Zombie bezieht sich auf zwei Gedanken: Ich spreche deshalb von „Zombies“, weil diese sich in gewisser Hinsicht ähnlich wie die Generation Z verhalten. Das Phänomen kommt langsam und unscheinbar, wird daher kaum wahrgenommen und häufig sogar intensiv negiert. Gleichzeitig gibt es die hohe Ansteckungsgefahr. Letzteres trifft auf Zombies wie auch auf die Generation Z zu: Denn andere Generationen übernehmen das Gedankengut der Generation Z, weil sie nicht im Hamsterrad weiterlaufen und am Ende abstürzen wollen. Und das ist im Übrigen auch gut so, da wir angesichts der gesundheits- und familienschädigenden Kulturen vieler Unternehmen dringend eine Kurskorrektur brauchen.

„Realistisch“ bedeutet, dass sich die Generation Z nicht so stark durch Propaganda beeinflussen lässt. Sie weiß, dass in Unternehmen selten wirklich die Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen, sondern eher als Kostenblöcke stören. Sie weiß auch, dass Versprechungen des Staates vom Bildungssystem bis zur Altersversorgung oft nicht einmal als Absichtserklärungen zu werten sind – genauso wie das, was Unternehmen in ihren Imagebroschüren verkünden, wenn sie sich als arbeitnehmerfreundliche Arbeitgebermarke positionieren wollen. Diesen Realismus hatten die anderen Generationen weniger: Die Babyboomer haben teilweise geträumt, die Generation X hat alles pessimistisch-schwarz gesehen und die Generation Y ist schlichtweg auf Propaganda hereingefallen.

Die Definitionen der Generation Y oder auch Z scheinen sich immer nur auf Teile von Kohorten zu beziehen, nämlich auf die gut ausgebildeten, selbstbewussten jungen Menschen. Stimmen Sie dem zu? Und was ist mit den anderen, den „Bildungsverlierern“ und sozial schwächeren jungen Menschen?

Das ist in der Tat ein ganz wichtiges Problem. Fangen wir mit der Generation Y an: Hier gibt es diejenigen, die als sozial Schwächere oder als Bildungsverlierer überhaupt nicht richtig loslaufen können oder loslaufen wollen. Es gibt aber auch diejenigen,  die durchaus als Generation Y starten, es aber egal aus welchem Grund nicht schaffen. Das sind dann diejenigen, die in Depressionen landen, massive gesundheitliche und familiäre Probleme bekommen oder schlichtweg sozial absteigen. So entsteht mit zunehmendem Wettbewerb sowie mit zunehmender Kluft zwischen armen Menschen und explodierenden Einkommen bei Reichen eine Gruppe, die vielleicht gerne Generation Y wäre, es aber nicht schafft.

Genau da kommt die etwas jüngere Generation Z ins Spiel: Sie sieht, dass sich der Traum der Generation Y nur bei wenigen verwirklicht und viele andere abgehängt werden. Unabhängig davon, ob alle ihre Wahrnehmungen korrekt und alle ihre Wertungen gerecht sind, prägt das alles ihr Verhalten und produziert die „Generation Z“.

Sie beschreiben auch die Diskrepanz, dass sich die Generation Z nur wenig um z. B. Herstellungsbedingungen kümmert, weil sie eben sehr „realistisch“ ist. Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit ein ungebrochener Trend. Wie passt das zusammen?

Das ist eine Frage, die man nicht so eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite findet die Generation Z es ganz fürchterlich ungerecht, unter welchen Arbeitsbedingungen Bekleidung in Bangladesch hergestellt wird; auf der anderen Seite kauft sie Jeans und T-Shirts, bei denen bereits der Preis signalisiert, dass diese Kleidung bald weggeschmissen werden muss. Auf der einen Seite lehnt sie große marktbeherrschende Konzerne ab; auf der anderen Seite hat sie kein Problem damit, sich jedes Jahr ein neues Smartphone zuzulegen und damit den Berg des Elektronikschrotts zu vergrößern.
Was zudem auffällt: Gerade die Generation Z interessiert sich kaum für Politik und kann sich kaum eine Mitarbeit in Parteien oder sonstigen politischen Gruppierungen vorstellen. Neben denjenigen, für die Nachhaltigkeit wirklich eine Herzensangelegenheit ist, gibt es also auch diejenigen, für die es lediglich schick ist.

Befragungen zeigen einerseits, dass junge Menschen sehr von einer Beamtenlaufbahn angezogen sind und andererseits es so viele Neugründungen wie noch nie gab. Was will denn die Generation Z tatsächlich?

Sie haben recht: Das erscheint nicht nur wie ein gewisser Widerspruch, das passt auch wirklich nicht so richtig zusammen. Es wird allerdings etwas schlüssiger, wenn man sich anschaut, was sich heutzutage hinter dem Ausdruck „Neugründung“ versteckt. In vielen Fällen sind das Gründerzentren und Inkubatoren, bei denen richtig gut und letztlich risikofrei für die Start-Ups gesorgt wird: Von der Finanzierung über Telefondienst, Sekretärin, kommunikative Cafeteria, Putzfrau bis hin zum Business Angel und Verwertungsgesellschaften wird letztlich alles bereit gestellt. „Neugründungen“ finden also nur noch ganz selten in der Garage des für die Neugründung verpfändeten Hauses der Eltern statt.

Was raten Sie Unternehmen konkret, was sie tun sollen, um gut mit der Generation Z umgehen zu können? Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden?

Schaut man sich an, wie Unternehmen mit der Generation Z umgehen, so gibt es drei Alternativen: Die Option „Ignorieren“ basiert auf dem Negieren der Existenz einer Generation Z; vor allem einige (aber nicht alle!) personalwirtschaftliche Fachzeitschriften argumentieren gegenwärtig plakativ mit der These, wonach Generation Y und Generation Z eigentlich nicht besonders und anders sind, sondern letztlich nur „Generationen wie alle zuvor“. In der Wirtschaftspresse wird auf „Nachgeben“ gesetzt und überwiegend argumentiert, man müsse der Generation Z schon deshalb voll umfänglich nachgeben, weil sie den demografischen Faktor auf ihrer Seite habe. Schließlich wird vereinzelt auch schon die Option „Aussperren“ propagiert. Hier wird argumentiert, dass die Generation Z doch zahlenmäßig nicht sonderlich ins Gewicht falle und zudem andere Arbeitsmärkte (Ost- und Südeuropa) leichter zu erschließen wären.

Aus meiner Sicht sind diese drei Verhaltensweisen aus strategischer, betriebswirtschaftlicher, ethischer und gesellschaftspolitischer Sicht nicht sinnvoll.

Deshalb plädiere ich ganz stark für eine Kompromissstrategie, die auf einem Diskurs zwischen Unternehmen sowie Generation Z basiert. Diese sicherlich unbequeme Strategie geht davon aus, dass man aus gutem Grund vieles von der Generation Z akzeptieren sollte, weil es sowohl dem Unternehmen wie auch den anderen Generationen gut tut. Dies gilt beispielsweise für die Vermeidung von übermäßigem Arbeitsdruck und für eine völlige Durchdringung der privaten Sphäre durch den Beruf. Gleichzeitig artikuliert das Unternehmen eigene Forderungen: So ist es beispielsweise einfach nicht realisierbar, wenn die Generation Z kategorisch die Übernahme von Führungsverantwortung ablehnt und lediglich Fachkarrieren akzeptiert. Zudem brauchen Unternehmen in gewissem Maße Flexibilität, weshalb sie sich also gar nicht pauschal und immer auf die klaren Strukturwünsche der Generation Z einlassen können.

Während in den 60ern in Österreich noch jedes Jahr etwa 130.000 Menschen zur Welt kamen, sind es derzeit nur mehr etwa 78.000 jährlich. Ein Fakt, der vielen Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet und den sprichwörtlichen „War for Talents“ befeuert. Ist es überhaupt noch realistisch, diese wenigen jungen Menschen in traditionellen Unternehmensformen und üblichen Hierarchien unterbringen zu können?

Das ist jetzt ein ganz großes Thema. So gibt es gerade aktuell den einen oder anderen Babyboomer, der im Ruhestand plötzlich eine Kehrtwendung vollzieht und voll-demokratische Unternehmen fordert, in denen Mitarbeiter die Geschäftsstrategie und die Führungskräfte selber bestimmen. Wenn man sich derartige Modelle genauer anschaut, wird man feststellen, dass sie im Kern gut sind, aber nicht immer der Gedankenwelt der Generation Z entsprechen: Denn sie will beispielsweise zwar Mitsprache, lehnt aber Mitverantwortung ab. Wo wir auch sicherlich nicht hinkommen werden, sind hochgradig flexible und variable Arbeitsmodelle, da sie dem Wunsch der Generation Z nach Struktur und (Planungs-)Sicherheit widersprechen.

Was wir uns aber sicher nicht erlauben können, ist die Weiterführung unserer aktuellen Unternehmenswelt, die sich immer mehr auf autoritär-zentralistische Top-Manager ausrichtet, die überbezahlt und unterqualifiziert letztlich nur an sich selber denken.

Aus diesem Grund ist es gefährlich, wenn jetzt Babyboomer sich von oben herab Modelle für die Jugend überlegen und diese dann durchsetzen. Das ist im Kern genauso paradox wie der schöne Satz von Watzlawick „Sei spontan“.
Damit komme ich zurück zu meinem trivial wirkenden Dialogvorschlag: Die verschiedenen Generationen sollten sich gemeinsam in einen Diskurs bewegen. Weder können die Generationen Y und Z einfach fordern, noch können Babyboomer und Generation X einfach diktieren. Das setzt aber voraus, dass wir uns endlich dezidiert mit der „neuen und andersartigen“ Generation Z auseinandersetzen. Aber genau das ist die Chance für Diversität, Innovation, Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit.


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Scholz, Christian: Generation Z. Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt, 2014, Wiley Verlag, ISBN 978-3-527-50807-5

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