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Lehrlingsausbilder | Führung von Lehrlingen: Zwischen Vertrauen und Respekt

Lehrlingsausbilder haben viele Hüte auf. Vertrauensperson und Respektsperson subsummiert schon mal einige dieser Hüte. Wie gelingt es, diese Gegenpole geschickt zu verknüpfen?

Die Auflösung auf diese Frage finde ich in einem Experten-Interview über Lehrlingsausbilder:

 

Fragen dieses Interviews: Wie gelingt es Führungskräften (konkret Lehrlingsausbildern), Respekts- und Vertrauensperson zugleich zu sein für ihre Lehrlinge?

Unterstützen Sie Lehrlingsausbilder dabei, sich auf diese beiden Rollen vorzubereiten?

Was kennzeichnet einen geeigneten Lehrlingsausbilder?

INTERVIEW-PARTNER

 



Wie gelingt es Führungskräften (konkret Lehrlingsausbildern), Respekts- und Vertrauensperson zugleich zu sein für ihre Lehrlinge?

Mag.(FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA: Grundsätzlich glaube ich, dass die Führung von Lehrlingen von den gleichen Grundvoraussetzungen geprägt ist wie die Führung von Erwachsenen. Sie benötigen oftmals nur etwas mehr von Allem. Einen Ausbildner, der klare Grenzen gibt, Bodenständigkeit besitzt, authentisch ist, eine große Portion Geduld und viel Verständnis hat. Eine kleine eierlegende Wollmilchsau somit. ????

Gernot Schneebauer (HeartBeat): Das geht nur, wenn sich die Lehrlingsverantwortlichen auf die Welt der „neuen Generation“ einlassen und bereit sind, alte Konzepte auch über Bord zu werfen. D.h. sich auch informieren, wie diese ticken. Hier gibt es Parallelen zum digitalen Lernen – mit den alten Konzepten der Ausbildung erreichen wir diese Kids nicht mehr. Was wir seit vielen Jahren beobachten ist ein starker Wechsel auf der Werte- und Kulturebene, und darauf muss ich mich einstellen.

Ein Beispiel:
Definition von Respekt in den alten Konzepten: Jeder der Älter ist als du, jeder der mehr kann, mehr hat und mehr weiß wie du, den behandle respektvoll. Egal wie er dich menschlich behandelt. Immer schön höflich sein und bitte und danke und jawohl sagen!
Definition von Respekt der neuen Kids: Wenn mich jemand respektvoll behandelt (menschlich, auf Augenhöhe, mir das Gefühl gibt er ist an mir als Mensch interessiert) – dann behandle ich ihn auch respektvoll. Wenn nicht, dann gibt es keinen Respekt, unabhängig davon wie alt er ist, was er kann, hat oder weiß.

Wichtig dabei ist, dass die Verantwortlichen nicht Kumpel oder Freund sein müssen. Klare Vorgaben, Grenzen aufzeigen, fordern und fördern ist OK, wenn eben „menschlicher“ Respekt vorhanden ist. Das bedeutet auch nicht, dass nur noch die neuen Werte der Jugendlichen gelten und die alten Werte nicht mehr. Entscheidend ist, von beiden Welten das zu nehmen, was förderlich und hilfreich ist. Nur: das muss ich den Jugendlichen erklären. Wenn sie keinen Sinn darin sehen, schalten sie auf Durchzug. Besondere Herausforderung an dem ganzen Thema: die anderen Kollegen aus den alten Konzepten auf diese Reise mitnehmen. D.h. die Lehrlingsverantwortlichen der Zukunft sind auf zwei Ebenen gefordert – auf der Lehrlingsebene und auf der Kollegenebene.

Mag. Peter Wiltsche (il Aus- und Weiterbildung): Die Grundlage, um diese beiden Rollen gleichermaßen ausfüllen zu können, ist Rollenklarheit. Mir als Ausbilder muss klar sein, dass beide Rollen zu meiner Aufgabe gehören und dass es sich nicht um ein „entweder-oder“ sondern um ein „sowohl- als auch“ handelt. Darauf aufbauend müssen für die Jugendlichen Grenzen und Konsequenzen bei Grenzüberschreitungen klar sein, denn dann ist Respekt da – und Vertrauen kann aufgebaut werden. Auch wenn diese beiden Dinge unterschiedlich sind, fußen sie auf dem gleichen Gedanken: Die Lehrlinge wollen wissen, woran sie sind. Das muss aber stabil sein.
Wenn diese Grundlage gegeben ist, gibt es noch andere Möglichkeiten, um sowohl die Respekts- als auch die Vertrauensbasis zu stärken.

Unterstützen Sie Lehrlingsausbilder dabei, sich auf diese beiden Rollen vorzubereiten?

Gernot Schneebauer (HeartBeat): Ja, sehr intensiv. Wir arbeiten mit unseren Lehrlingsverantwortlichen an unterschiedlichen Schwerpunktthemen unter dem Motto: Lehrlings-Ausbildner der Zukunft – was braucht es

  • Rolle und Funktion eines modernen Lehrlingsausbilders
  • Bewusstsein der Beispielwirkung (Vorbild bist du selten, Beispiel bist du immer)
  • Wissenstransfer ins Unternehmen
  • Nahtstelle und Bindeglied Geschäftsleitung – Lehrlinge – MitarbeiterInnen
  • pädagogisches Grundverständnis und pädagogische Grundwerkzeuge
  • Standortbestimmen der Qualität der internen Lehrlingsausbildung
  • Den Umgang mit Lehrlingen bewusst wahrnehmen und gestalten können – wie kann ich meine Lehrlinge gezielt in ihrer Entwicklung unterstützen und fördern?
  • Zielgruppenorientierte Kommunikation und Wissensweitergabe
  • die neuen Generationen Y+Z. Unterschiede und Umgang mit diesen Jugendlichen
  • Lehrlingsgerechte Unternehmenskultur
  • Employerbranding bei Lehrlingen – was braucht es, damit die Lehrlinge nach der LAP im Unternehmen bleiben wollen?

Mag. Peter Wiltsche (il Aus- und Weiterbildung): Ja, und zwar auf unterschiedliche Arten und Weisen. Egal ob bei unseren Weiterbildungen für Ausbilder als auch im Ausbilderkurs beginnt es dabei, diese Rollen zu benennen. Neben diesen beiden gibt es auch noch andere Rollen, je nachdem auch in welchem Unternehmen ich ausbilde und was im konkreten Aufgabengebiet dazugehört. Nachdem die Rollen benannt sind geht es darum, konkrete Handlungsweisen für die jeweiligen Rollen zu finden – damit es auch Handlungsspielräume gibt, um die unterschiedlichen Rollen zu leben und so das Beste aus jeder einzelnen herauszuholen.

Mag.(FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA: Ich darf hier gleich Werbung machen für das kostenlose Bundesprojekt: www.LehrestattLeere.at. In dessen Rahmen begleite ich Lehrlinge als zertifizierter Coach und Ausbildner  – sowohl bei dieser Thematik als auch bei anderen Herausforderungen des täglichen Lehrlingslebens.

Was kennzeichnet einen geeigneten Lehrlingsausbilder?

Gernot Schneebauer (HeartBeat): Ein Problem in vielen Unternehmen ist, dass der bestehenden Ausbildner zwar sehr gut geeignet ist, jedoch wenig bis keine Zeit mehr für die Lehrlingsausbildung hat. Grund: er ist meistens einer der besten Fachkräfte und/oder in einer zentralen Führungsposition (z.B. Werkstättenleiter).
Dann beginnt oft die Suche nach einem Ersatz. Der sollte mindestens so gut sein wie der bestehende.
Ein TOP-Lehrlingsausbilder muss sich entwickeln, der ist selten fertig zu kaufen. D.h. es braucht hier Zeit und Unterstützung vom gesamten Unternehmen. Daher stellt sich für mich die Frage: Was braucht ein potentieller Ausbildner an Grundkompetenzen.

  • Fachlich: Er muss fachlich noch nicht der Beste sein, aber er muss das Potential haben, sehr gut zu werden
  • Persönlich: Er sollte gute soziale und personale Kompetenzen haben und Menschen mögen. UND – er sollte gerne mit jungen Menschen arbeiten.
  • Alter: Jüngere Ausbildner sind grundsätzlich in der Welt der Lehrlingen sehr gut anschlussfähig (Musik, Trends, soziale Medien, Sprache, etc). Ihnen fehlt es oft an der notwendigen Lebenserfahrung bzw. am internen Standing. Die letzten beiden Punkte bringen die „älteren Semester“ wiederum stark mit. Wir kennen viele Ausbildner gegen 50, welche in der „neuen Welt“ der Kids nicht unbedingt zuhause sind, aber eine sehr starke und persönliche Beziehungen zu ihren Lehrlingen aufgebaut haben und von diesen als ihre Vertrauensperson geschätzt und sogar „geliebt“ werden. Problem ist hier halt oft die Zeit. Optimal wäre beides – ältere Ausbildner, welche die Erfahrung und den Gesamtüberblick haben, und Junge, die sie operativ bei der Lehrlingsausbildung unterstützen und so in die neue Rolle hineinwachsen können.

Der Rest liegt am Unternehmen und an der bewussten Förderung, am bewussten Aufbau der neuen Ausbildner. Und an den notwendigen Rahmenbedingungen – Zeit, Unterstützung der Kollegen und einer Ausbildung im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und pädagogischer Grundkenntnisse.
Ganz wichtig sind hier die älteren und erfahrenen Ausbildner, welche für die jungen bzw. neuen Ausbildner eine wertvolle Mentor-Funktion übernehmen können.

 



Die Gesprächspartner:


Gernot Schneebauer
Geschäftsführer

HeartBeat GmbH

www.heartbeat.co.at

Unternehmens-Profil


Mag.(FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA
Geschäftsführung

Mayerhofer-Trajkovski

www.mayerhofer-trajkovski.at

Unternehmens-Profil


Mag. Peter Wiltsche
Key-Account, Training & Grobkonzeption

il Aus- und Weiterbildung GmbH

www.lehrlingstraining.at


Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb

www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


Ich danke sowohl für Ihre Expertise als auch für Ihre Geduld!
Mein persönlicher Luxus ist es, mitunter auch kontroverse Aussagen im Interview präsentieren zu können. Über den Tellerrand sehen und letztendlich dadurch den Mehrwert generieren. Besonderen Spaß macht es mir, darüber hinaus freche, unerwartete, provokante Blickwinkel dabei zu haben.
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