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Coaching und/versus Supervision

Experten-Interview

Gehen Supervision und Coaching Hand in Hand? In welchen Aspekten sind sie konträr? Oder ist ohnehin alles das selbe? In welchen Situationen sollte dem einen der Vorzug gegeben werden, wann dem anderen?

Definitionssache

Die meisten mit den Worten „Coaching“ und „Supervision“ etwas anfangen. Es aus dem Ärmel schüttelnd zu definieren könnte schon schwerer fallen und den Unterschied zu konkretisieren, ach da lass ich lieber die Fachleute ran:

Bitte um eine Definition: Coaching & Supervision

Dr. René Reichel, MSc (Donau-Universität Krems): Supervision ist die geregelte Reflexion von Arbeit mit Hilfe von Außenstehenden unabhängig von speziellen Anlässen oder Zielen, Coaching konzentriert sich dagegen auf die Erreichung speziell definierter Ziele. Im konkreten Vorgehen gibt es aber weitgehende Übereinstimmungen.

Dr. Ingeborg Luif (ÖAGG): Grundsätzlich ist in meinem Verständnis kein wesentlicher Unterschied, am ehesten im Anwendungsbereich: Coaching wird als Begriff mehr in wirtschaftlichen Zusammenhängen verwendet, Supervision in psychosozialen Arbeitsfeldern. Coaching ist auch eher auf Führungsaufgaben bezogen. Coaching ist zielorientierter bzw. auch ressourcenorientierter; das methodische Vorgehen ist jedoch recht ähnlich.
Supervision begleitet eher längerfristige Prozesse von „Beziehungsarbeitern“. Damit ist gemeint, dass sich Supervision z.B. mit Übertragungs-Gegenübertragungs-Phänomenen beschäftigt.

Wie kann die Aufgabe des Supervisors und des Coachs definiert und auf den Punkt gebracht werden? Ich sprach darüber mit Fr. Blume, sie brachte v.a. Salutogenes ins Spiel. Ihr Ansatz ist auf den ersten Blick vielleicht ein wenig verwirrend, doch sie spannt den Bogen gut und kehrt zum Nutzen für das Unternehmen zurück:

Dr. Ramita Blume MSc, MSc (Sympaideia): Aufgabe des Supervisors oder Coachs ist es, Reflexions- und Selbstreflexionsprozesse anzuleiten um die Kompetenzentwicklung seines Klientels – im Sinne einer Steigerung von Selbstkompetenz und Problemlösungskompetenz – und auch dessen Motivation zu fördern und anzuregen. Entscheidend ist seine professionelle Haltung, die es dem Klienten ermöglichen soll, für Problem- und Fragestellungen selbst eigene Lösungen zu finden.
Verglichen mit Antonovskys Sense of Coherence (SOC) – dem das Verständnis von Gesundheit als Salutogenese und ein systemisches Konzept zugrunde liegen – führen Reflexions- und Selbstreflexionsprozesse zu einem Zuwachs an Comprehensibility. An Manageability wird durch die Vermittlung von Tools und Problemlösestrategien gearbeitet und  Meaningfulness bezieht sich auf die Motivationsfrage, die Sinnkomponente, die auch für Antonovsky (in Anlehnung an Viktor Frankl) die zentrale und wesentliche Komponente darstellt. Aus dieser Perspektive leisten Supervision und Coaching einen Beitrag zu einer salutogenetischen psychosozialen Gesundheitsförderung, die sowohl einzelnen Personen – im Sinne der Steigerung ihrer  Arbeitszufriedenheit und Motivation – als auch dem Unternehmen selbst – im Sinne von Qualitätssicherung und effektivem Qualitätsmanagement – zugutekommt.

Coaching und / oder Supervision?

In welchen Situationen ist Coaching in Unternehmen besonders geeignet, in welchen Supervision?

Dr. Ingeborg Luif (ÖAGG): Coaching wird vor allem in der Einzelberatung eingesetzt, also auch immer dann, wenn es kurzfristig zu lösende Probleme gibt und natürlich dann, wenn es um die Unterstützung von Führungskräften bei ihren (Management-)Aufgaben geht. Supervision vor allem dann, wenn ein ganzes Team zu unterstützen ist. Unter Supervision verstehe ich die Begleitung bei der Reflexion beruflichen Handelns bezogen auf Klienten, Kollegen, die Organisation.

Dr. Ramita Blume MSc, MSc (Sympaideia): Geht es primär um konkrete Problemstellungen, die in einer zeitlich begrenzten Anzahl von Sitzungen abgearbeitet werden können und die Vermittlung von Skills erforderlich oder wünschenswert ist, so ist Coaching gefragt. Geht es um die Begleitung mittel- oder längerfristiger Prozesse, in deren Mittelpunkt Entwicklungs- und Veränderungsprozesse von Person(en) oder sozialen Systemen wie Teams stehen, so ist Supervision das geeignetere Instrument.

Kritische Stimmen

Herr Reichel, gibt es auch ein kritisches Verhältnis zwischen Supervision und Coaching?

Dr. René Reichel, MSc (Donau-Universität Krems): Ja, wenn Coaching unreflektiert dem gesellschaftlichen Optimierungsdruck zuarbeitet, dann ist das aus Sicht von Supervision kritikwürdig.
Ja, wenn Supervision überwiegend auf das persönliche Befinden gerichtet ist und die Aufgaben aus dem Blick geraten, dann ist das aus Sicht des Coaching kritikwürdig.

Mein Fazit aus dem Gespräch: ja, Coaching und Supervision gehen Hand in Hand, auch wenn sie klare Unterschiede aufweisen, spezifisch eingesetzt werden sollen. Vielleicht aber sollte man viel grundlegender beginnen: generell vermehr Coaching & Supervision einzusetzen?!

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Die Gesprächspartner

Dr. Ramita Blume, MSc
Pädagogische Leitung

Sympaideia, Institut für Integrative Bildung

www.sympaideia.com


Dr. René Reichel, MSc
Fachbereichsleiter im Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit

Donau-Universität Krems

www.donau-uni.ac.at/psymed


Dr. Ingeborg Luif

ÖAGG, Sektion Supervision und Coaching

www.oeagg.at/supervision


Interview durchgeführt von

Autor Selan Eva

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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2 Kommentrare

  1. Anna Weingärtner am

    Aus meiner Erfahrung heraus werden Coachings und/oder Supervisionen im Unternehmen erst ab der ersten Führungsebene durchgeführt – dann meist extern.
    Wird ein Coaching gut gemacht, kann es sehr hilfreich sein um Hilfestellung und Außensicht zu bekommen.
    Dazu passen sollten aber auch die Rahmenbedinungen, die das Unternehmen zur Verfügung stellt.

    Coaching bedeutet grundsätzliches Interesse am Individuum. Darin liegt schon der positive Kern des ganzen, wie ich finde.

  2. Coaching Ratgeber am

    Man darf Coaching und Supervision zwar nicht verwechseln, aber beide gehen doch sehr stark Hand in Hand, und beide kommen der Feedbackkultur zugute, sollen also das Arbeitsklima sowie Ergebnisse optimieren.

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