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„Über-akademisierte Bevölkerung“ versus „Achtung vor der Lehre“

Derzeit beginnen 40 % der österreichischen Jugendlichen eine Lehre. Die Wertschätzung dieser Ausbildung bleibt jedoch auf der Strecke. Europaweit wird die Ansicht vertreten, dass nur eine akademische Ausbildung die notwendige Achtung verdient.

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Wir leben in einer Zeit, in der viel über Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten diskutiert wird, über die Lehre kaum, ausgenommen anlässlich von Feierstunden, in denen sie als europäische Vorzeigeausbildung gerühmt wird. Die Feiertagsreden einmal ausgenommen entsteht aber der Eindruck, als würde die europäische Politik der Auffassung sein, dass eine gute Zukunft nur dann möglich ist, wenn man den überwiegenden Teil der Bevölkerung akademisiert. So erscheint die Lehre am Ende dann doch als die Ausbildung der zweiten Wahl für jene, die die Hürden der höheren Bildungsabschlüsse nicht schaffen. Aber die Zahl der Jugendlichen eines Jahrganges, die eine Lehre beginnen, beträgt 40%. Es ist durch nichts zu rechtfertigen, dass die Ausbildung einer so großen Zahl an Menschen dermaßen geringgeschätzt wird.

Die Lehre hat nach wie vor ein Imageproblem. Wer sie antritt, der weiß, dass er am Ende seiner Ausbildung wahrscheinlich nicht zu den sozialen Aufsteigern seines Jahrgangs gehören wird. Das hat aber nichts mit der Qualität und der gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit zu tun, die von Lehrlingen und Facharbeitern geleistet wird. Vielmehr ist es der geringe Wert, der der praktischen (Hand-)Arbeit heute im Vergleich zur Kopfarbeit im Allgemeinen zugemessen wird. Obwohl wir so viel über die Praxistauglichkeit der Ausbildungsgänge diskutieren, haben wird dabei aber immer die Theoretiker mit Praxisbezug, nicht die Praktiker selbst, die das umzusetzen haben, was am Reißbrett entwickelt wird, im Sinn.

Eine Aufwertung der Lehre kann nur dann gelingen, wenn es zu einer Aufwertung der Handarbeit und des praktischen Handelns in der konkreten Wirklichkeit kommt. Wenn wir aber weiterhin die Praktiker nur als Handlanger der Wissenschafter, Manager, Planer, Programmierer und IT-Administratoren sehen und sie diesen wie selbstverständlich hierarchisch unterordnen, dann darf es uns nicht verwundern, wenn das Ansehen der Lehrberufe gering ist und die Lehrlinge auch mit wenig Selbstbewusstsein und Zuversicht ihre Ausbildung absolvieren.

Heinzlmaier_BernhardGastautor: Bernhard Hainzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung ist Referent am 2. österreichischen Lehrlingsforum, das am 2+3dez2014 als unabhängiger Treffpunkt für Unternehmen, Interessensvereinigungen, Berufsschulen und Experten in Wien stattfindet.


HRweb-Tipp:

Lehrlingsforum 2014

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2 Kommentrare

  1. Dr. Cornelia Riechers am

    Danke Herr Hainzlmaier, Sie sprechen mir aus der Seele! Das Imageproblem der Handarbeit und des praktischen Handelns führt unter anderem dazu, dass junge Menschen in die falschen Berufe gedrängt werden. Jemand, der ein Spitzenhandwerker hätte werden können, entwickelt sich so stattdessen zu einem mittelmäßigen Akademiker, der in seiner Arbeit keine Befriedigung findet.
    Also lassen Sie uns hier ein Hoch ausbringen auf alle Praktiker, auf alle, die irgendwo Hand anlegen und das mit Liebe und Leidenschaft tun!

  2. Romana Linke am

    Hallo Herr Hainzmaier,

    es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir für handwerkliche Tätigkeiten noch sehr viel Geld hinlegen müssen, damit wir das bekommen was wir haben wollen und dringend brauchen. Vieles, dem Himmel sei Dank, läßt sich nicht automatisieren. Es ist mir ein großes Anliegen am „Ansehen des Handwerks“ zu arbeiten.

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