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Positive Psychology Tour 2016: Angezogen von der Zukunft!

Event-Bericht: „Positive Psychology Tour 2016, Veranstalter: AKJF Graz, 9+10juli2016, Wien

 

Was bestimmt den Menschen im täglichen Tun – die Erlebnisse aus der Vergangenheit oder die Visionen über eine positive Zukunft? Ein Erfahrungsbericht von einem hochkarätigen Kongress über Menschen, freien Willen, Wunsch und Prospektion – verstoffwechselt für Praktiker und Lernneugierige.

Eine Gruppe von Affen bekommt jeden Tag pünktlich um 12 Uhr ihr Essen: Früchte, mehr als das Herz und der Bauch begehrt. Dann gibt es nichts mehr bis am nächsten Tag zur Mittagszeit. Und das wiederholt sich täglich. Jeden Tag um elf sind die Affen schon sehr unruhig und sehr hungrig. Nachdem sie aber satt sind, spielen und werfen sie mit dem restlichen Obst herum. Niemals legen sie etwas zur Seite für später, um vorzusorgen für den Hunger, der wieder kommen wird am nächsten Morgen.

Der Mensch ist das einzige „Tier“ mit Prospektion – mit Zukunftsbezug und Zukunftsplanung. Die Affen können mit ihren Gehirnstrukturen nicht einen ganzen Tag vorwegnehmen und planen. Dafür fehlen die typisch menschlichen Selbststeuerungsareale im Stirnhirn. Und sie bleiben in diesem Experiment hungrig.

Die zahlreichen Kongressteilnehmer, die am Wochenende vom 9+10juli2016 das Audimax der TU Wien füllen, sind hungrig nach neuen Erkenntnissen. Der Titel der „Positive Psychology Tour 2016“, die von Dr. Philip Streit (AKJF Graz) organisiert wurde, ist „Angezogen von der Zukunft“ und dafür schafft er es hochkarätige Forscher nach Wien zu locken, die mit Begeisterung ihr neues Wissen teilen.

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Foto v.l.n.r: Martin Seligman, Peter Railton, Heike Born, Chandra Sripada, Roy Baumeister

Der Reiz der Gegenwart und die Herausforderung des freien Willens

Dr. Roy Baumeister (Universitätsprofessor in den Niederlanden, USA und Australien) hat untersucht, in welcher Zeit wir uns in Gedanken befinden und wie sich das auf unsere Gefühle auswirkt. Die Studienteilnehmer erleben das Maximum an Glück wenn sie in Gedanken in der Gegenwart sind. Gegenwart wird hier als der aktuelle Augenblick plus/minus fünf Minuten definiert, auch die angrenzenden Zeiten Richtung Zukunft und Vergangenheit werden noch als (sehr) glücklich bewertet, dann sinkt die umgekehrte U-Kurve ab.

Wie können wir das nutzen? Noch bewusster in der Zeit zu sein, die als einzige real existiert. Auskosten, Achtsamkeit, bewusste Selbststeuerung sind da hilfreiche Stichworte dazu. Dr. Joachim Bauer, der renommierte Gehirnforscher der bei vielen seiner Erkenntnisse seiner Zeit voraus war/ist, hält ein Plädoyer für das Erlernen einer funktionierenden Selbststeuerung. Es ist ein Regelkreis zwischen unserem physiologisch „alten“ Lust-/Unlustzentrum, das impulsiv und triebgesteuert handeln will und unserem präfrontalen Cortex, dem Stirnhirn, dass dann ein „go“ oder „no“ ausgibt, wenn wir das ausreichend als Kinder gelernt haben und weiter praktizieren. Der freie Wille hat sich beim Menschen entwickelt für unser Leben in sozialen Gesellschaften, sagt Roy Baumeister. Es ist die Kunst, regelkonform, prosozial und für das eigene langfristige Wohl innerhalb der Gruppe (Familie, Unternehmen, Gesellschaft) in der wir leben zu handeln. Forschungsergebnis zeigen (Dunedin-Studie, mit 1.000 Säuglingen, die lebenslang befragt/beobachtet werden), dass Menschen ohne ausgeprägte Selbststeuerung im Erwachsenenleben weniger erfolgreich, suchtgefährdeter, depressiver und kränker sind.

Joachim Bauer zitiert dazu Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Vergangenheit und Zukunft: Es gibt sie nicht, doch sie wirken.

Am glücklichsten schätzen wir uns also in der näheren Gegenwart ein. Wie schaut das mit negativen Gefühlen aus? Sowohl Angst als auch Ärger werden bei Gedanken über die Vergangenheit und die Zukunft deutlich höher verspürt. Eine U-Kurve, die die niedrigste Ausprägung im Jetzt hat. Das gleiche gilt  für die Wahrnehmung von Sinn und Bedeutung. Am allerstärksten nehmen wir Sinn, der eine ganz zentrale Motivation unseres Menschseins ist, wahr, wenn in Gedanken alle drei Zeiten zusammenfließen und wir AHA! eine positive Bedeutung für uns erkennen.

Die Unterschiede, wie wir unsere Gedanken über die Zeiten bewerten, je nachdem ob wir grundsätzlich zufrieden mit unserem Leben sind oder nicht, zeigt die Abbildung von Roy Baumeister: Zufriedene Menschen bewerten im Schnitt das Denken über das Jetzt als positiv und die Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft noch viel positiver.  Wenig zufriedene Menschen betrachten ihre Gedanken über die Gegenwart schon leicht negativ und die Negativität steigt bei Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft massiv an.

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Wo stehen Sie da persönlich oder Menschen aus Ihrem Umfeld? Auf welche Art und Weise schauen Sie aufs Leben, was ist auf Ihrem Radar und was nicht? Wenn wir uns entscheiden (freier Wille!) positive Erlebnisse und Dankbarkeit bewusster wahrzunehmen, dann steigt ihre Häufigkeit geradezu magisch an. Dann gibt es neue Punkte am Radar – oder plötzlich sehen Sie nur noch Schwangere, wenn Sie selber gerade schwanger sind.  „Positive Performance“ ist ein Weg für Führungskräfte und Teams, wie Jaro Raiser von Hikingdays erzählt, der diese positive Neuausrichtung in der Praxis etabliert und damit Zufriedenheit und Exzellenz in Unternehmen zugleich entwickelt.

Zurück in die Zukunft?

Die Studienteilnehmer berichten, dass Gedanken über die Vergangenheit oft von selbst auftauchen und nicht immer angenehm sind, manchmal im Kreis laufen. Im Gegensatz dazu empfinden sie bei Gedanken über Zukunft eine bewusstere Kontrolle. Welche möglichen „Zukünfte“ stellen wir uns innerlich vor? Und welche Variante unterstützen wir aktiv wie ein Groupie oder Fan? Wofür werden wir im Hier und Jetzt aktiv, damit sich für uns eine erwünschte Zukunft entfalten kann?

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Dr. Günter Lueger beschreibt, dass wir Zukunft sehr oft nur als Fortschreibung der Vergangenheit sehen. Als würden wir am Steuer eines Autos in Richtung Zukunft sitzen und den Großteil unserer Windschutzscheibe wird von einem riesigen Rückspiegel ausgefüllt. „Drawn by the past?“ Gezogen/Gelenkt von der Vergangenheit? Dr. Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie und der neuen Prospektionsausrichtung ist da ganz leidenschaftlich: „Navigating into the future!“ Wir sind Wesen der Zukunft! In ganz vielen geistigen Prozessen im Alltag sind wir auf die Zukunft ausgerichtet und bilden Hypothesen und Erwartungen. In diese neue Richtung zielt das Interesse der Forschergruppe rund um Seligman, die dafür sieben Millionen Dollar an Forschungsgeldern aufstellen konnten.

Foto: Martin E. P. Seligman, Begründer der Positiven Psychologie und Silena Piotrowski, HRweb-Autorin und „Positive Performance“-Beraterin

Wie komm ich in eine positive Zukunft?

Wie kommen wir in ein positiv-zukunftsausgerichtetes Handeln ohne dass die innere Schweinekatze oder sonst wer dazwischenfunkt? Dazu vier Hinweise vom Kongress:

  • Philosoph Peter Railton zeigt folgende „Formel“: Action = Belief + Desire.  Ich komme ins Handeln, wenn sich eine geistige Überzeugung, z.B. aus Logik oder Erfahrungen gewonnen, mit einem Wunsch verbindet. Der Begriff „desire“ bedeutet abgeleitet „seperated from a star“. Ein schönes Bild, dieser Stern von dem wir (noch) getrennt sind und zu dem wir hinwollen. Wir brauchen dazu eine positive Vorstellung/Bild mit positiver Emotion verknüpft – nur dann ist genug „Pfeffer“ da für eine Handlung, genug Kraft! Wovon träumen Sie? Zu welchem Stern wollen Sie aufbrechen?
  • Matthias Varga von Kibéd, sprühender Logiker und Wittgenstein-Anhänger, erzählt, dass die Brücke zwischen Wunsch und Wille das „So tun als ob“ ist. „Wie wäre es, den Willen schon zu haben um meinen Wunsch umzusetzen? Was würde ich als erstes tun?“
  • Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer beschreibt die Faktoren, die eine gute Selbststeuerung begünstigen: mit sich in Kontakt sein, gute soziale Beziehungen, Sport, Yoga und Achtsamkeit. Hinderlich hingegen sind Stress, Angst, Hetze und viele Reize.
  • Günter Lueger vom Potentialfokus-Center, der konsequent lösungsorientiert handelt, empfiehlt positive Unterschiede aus der Zukunft heranzuholen und zu überlegen, was sie für das Handeln heute bedeuten. Zum Beispiel: „Stell dir vor, du wirst die Präsentation/Prüfung/Herausforderung geschafft haben. Wie wird das möglich geworden sein? Was kannst du heute oder morgen tun, das in die richtige Richtung führt?“

Stellen Sie sich vor, Sie werden diesen Artikel zu Ende gelesen haben, was werden Sie daraus für sich mitgenommen haben? Und wem wollen Sie heute oder morgen etwas davon erzählen oder ihn auf andere Art teilen?

 

Herzliche Grüße vom Futur II, vom Homo prospectus und von einem spannenden und hochkarätigen Kongress!
Ihre Silena Piotrowski.


Links/Tipps

Das Buch zum Kongressthema, ganz frisch erschienen: M. Seligman, R. Baumeister, P. Railton, C. Sripada: „Homo prospectus“ (2016), Oxford.

Der Veranstalter AKJF (Akademie für Kind, Jugend & Familie / Graz / Dr. Philip Streit) mit ähnlichen und weiterführenden Veranstaltungen.

Die Seite der APPA, der „Austrian Positive Psychology Association“, die die Positive Psychologie in Beratung, Therapie und Coaching bringt.

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