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Online-Meetings | Die unbewusste Inkompetenz

Nach einem Jahr COVID19-Pandemie Erfahrung und den damit verbundenen gefühlten 1.000.000 Stunden in Online-Meetings ist mir persönlich eines klar: Ja, die Arbeitswelt hat sich durch massiv gesteigerte Telearbeit wohl für immer verändert. Nein, dies heißt nicht, dass das durchschnittliche Online-Meeting bereits sehr gut abläuft. Bei weitem nicht! Es herrscht die unbewusste Inkompetenz!

 

 

Die letzten 12 Monate COVID19 Einschränkungen haben die Arbeitswelt in vielen Dingen massiv verändert. Und ich meine damit weniger die wirtschaftlichen Einbußen oder Risiken, die viele Branchen hart getroffen haben oder die damit verbundenen Planungsunsicherheiten für die Zukunft. Ich meine damit v.a., dass das Büro als Arbeitsort „per default“ zumindest im Bereich der Angestellten mit PC-Arbeitsplätzen massiv aufgebrochen worden ist. Und sowohl die COVID19 Rahmenbedingungen als auch die Wünsche der Arbeitnehmer in diversen Studien weisen deutlich darauf hin: Homeoffice ist gekommen um zu bleiben.

Homeoffice – gekommen, um zu bleiben

Der Homeoffice-Geist ist aus der Flasche gerufen worden, weil wir ihn rufen mussten. Unternehmen die davor schon flexibel, remote und mobil gearbeitet haben waren klar im Vorteil. Wer dies erst in Lockdown Teil 1 lernen musste, hatte mit Sicherheit einen holprigen Start. Und dennoch besteht weitgehend Common Sense darin, dass ein großer Teil der Homeoffice-Flexibilisierung auch über COVID19 hinaus Bestand haben wird.

Aber darüber möchte ich heute gar nicht schreiben, sondern über meinen persönlichen Eindruck aus der aktuellen Phase. Und der ist simpel: Die meisten Unternehmen glauben die virtuelle Zusammenarbeit über unzählige Tools wie MS Temas, WebEx, Zoom oder GoToMeeting schon längst zu beherrschen. Aber sie tun es aus meiner Sicht noch nicht. Zumindest nicht so umfassend, wie sie es könnten. Potenziale werden nicht voll ausgeschöpft.

Die unbewusste Inkompetenz

Nennen wir die Beobachtung, die ich bei vielen meiner Kunden derzeit mache, einfach mal „unbewusste Inkompetenz“. Damit meine ich eine Lernphase in der der Lernende tlw. noch gar nicht weiß, was er nicht weiß und die eigenen Kompetenzen eher überschätzt. Worauf ich meine Meinung aufbaue? Hier die Eisbergspitzen meiner persönlichen Beobachtungen (nein – keine repräsentative Studie):

  • Viele Meetings bei Kunden verlaufen bevorzugt „ohne Kamera“. Und wenn man bittet diese einzuschalten erntet man wiederholt Aussagen wie a) „ich habe gar keine Kamera“ oder b) „damit habe ich nicht gerechnet – Ich bin im Homeoffice Outfit“. Und wenn (was derzeit selten ist) mehrere Personen in einem Raum sitzen, quetschen diese sich vor einen gemeinsamen Laptop-Bildschirm oder erscheinen mäusegroß in einem riesigen Meetingraum
  • Viele TeilnehmerInnen sitzen vor einem mit Handy-Headsets im Ohr oder ganz ohne Headset (dafür mit extra Hall).
  • Viele Meetings bei Kunden verlaufen als starre Informations-Ausgaben über Online-Kanäle mit Powerpoint-Fokus. Das Online-Meeting wird zum Redestab, der reihum weitergereicht wird. Möglichkeiten der einfachen digitalen Interaktion (von digitalen Whiteboards bis Echtzeit-Stimmungsabfragen) haben Seltenheitswert.
  • Die Interaktion verläuft meist frontal oder im Frage-Antwort-Spiel. Partizipative Interaktion, bspw. in Form von Breakout Rooms, sind selten. Oder werden über Berater in größeren Workshopformaten zugekauft und staunend beobachtet.
  • Und man hat manchmal den Eindruck, dass die volle Konzentration auch nicht immer auf den Online-Meetings ruht. Entweder sieht oder hört man Menschen im Hintergrund Emails beantworten (tipp…tipp…tipp….). Vereinzelt bietet auch die Online-Meeting Software selber „Aufmerksamkeitsstatistiken“, die bspw. zeigen ob das Meetingfenster das aktive Fenster im Vordergrund ist.
  • Und wenn man nachfragt, ob das Thema „virtuelle Zusammenarbeit“ oder „virtuelle Führung“ in den letzten Monaten ein Themenfeld ist, in dem das Unternehmen auch Fortbildungsschwerpunkte gesetzt hat erntet man oft ein „Dafür war zu wenig Zeit.“

Mein Fazit: Sowohl technisch als auch didaktisch bewegen sich viele Meetings kundenseitig noch auf Level 1.0: Telefonat mit Bild aber tlw. schlechterer Tonqualität und weniger Aufmerksamkeit (ja, ich weiß, sehr überspitzt).

Online-Meetings als Ersatztelefon

Mein persönliches Highlight in einem großen IT-Unternehmen Herbst 2020 nach 9 Monaten COVID19 Homeoffice-Phase: Nach einem interaktiven Online-Workshop mit 20 Führungskräften den ich moderieren durfte wiederholt fast jeder Teilnehmer in der Abschlussrunde wie großartig der ERSTE ECHTE ONLINE WORKSHOP bisher gewesen sei. Im Ernst? 9 Monate COVID und MS Teams wurde bis dahin nur als Ersatztelefon verwendet? Und ein digitales Whiteboard zu zeigen löst bereits Begeisterung aus wie die Erfindung der Glühbirne?

Und das unter der Prämisse, die viele Studien inzwischen zeigen: Die COVID19 Pandemie hat dazu geführt, dass Homeoffice-Worker mehr Meetings haben (die für sich aber jeweils etwas weniger lange dauern), im Durchschnitt mehr Menschen dazu einladen, mehr Emails schreiben und von Start- zu Endzeitpunkt länger arbeiten (dafür aber tlw. zerrissener). Damit hat man in Summe mehr virtuelle Kontaktpunkte als je zuvor. Die Qualität der virtuellen Interaktion wäre aus meiner Sicht dabei ein wesentlicher Schlüssel.

Hypothesen für die neue Arbeitswelt

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erscheint es mir daher wichtig vier Aspekte der COVID19-zwangsbeatmeten neuen Welt der Arbeit kurz zu betrachten:

  1. Virtuelle Zusammenarbeit ist mehr als Video-Calls
    Die echte virtuelle Zusammenarbeit besteht nicht (nur) aus Online Meetings, sie besteht aus der Verschränkung von Kollaborations-Tools mit einer mediengerechten Didaktik. Es geht darum nicht einfach 1:1 das alte offline Meeting in die Cloud zu verlegen. Es geht darum eine neue, der virtuellen Zusammenarbeit gerechte Informations- und Meetingstruktur zu (er)finden und neue Medientechniken zu erlernen. Gute technische Ausrüstung inklusive.
  2. Virtuelle Zusammenarbeit braucht eigene Identität
    Lockdown #1 war arbeitstechnisch für viele Unternehmen mit absoluter Hemdsärmeligkeit gut zu überstehen. Menschen haben sich im ersten COVID19 Schock extrem geduldig gezeigt und mit hohen Engagement und wenn nötig auch improvisiert Unternehmen am Laufen gehalten. Aber es ist etwas anderes 1 Monat oder 12 Monate virtuell zusammen zu arbeiten. Neben der fachlichen Austausch- und Zusammenarbeitsachse braucht auch virtuelle Zusammenarbeit identitätsstiftende Merkmale. War früher das Büro vor Ort oft identitätsprägend, fehlt es vielerorts an Mechanismen, die virtuell Identität in Teams und Unternehmen stiften.
  3. Beziehungs-Achse genauso wichtig wie Sach-Achsen
    Die erste Telearbeits-Welle hat COVID19-getrieben stark auf der Sachachse stattgefunden. Mit der länger werdenden Zeitachse stellen sich aber in vielen Unternehmen Defizite auf der Beziehungsachse ein. Was mit zuvor mit „Identität“ in Richtung Gesamtunternehmen oder Team gemeint war, soll hier nun „Beziehungsachse“ individuell zwischen Menschen beschreiben. Wie baut man Vertrauen und Näher im virtuellen Raum auf? Virtuelle Konflikte kärt man wie? Wie führt man Mitarbeitergespräche virtuell? Und vieles, vieles mehr.
  4. Hybride Zusammenarbeit braucht einen neuen Mindset
    Und last but not least lässt sich generell sagen, dass die Aussicht auf eine echte hybride Zusammenarbeit auf unbegrenzte Zeit hin in vielen Unternehmen noch nicht 100% verstanden oder akzeptiert wurde. Da wird nach 12 Monaten COVID19-Pandemie noch an Homeoffice-Regelungen gebastelt, die keinem neuen Lockdown standhalten werden. Da wird zwischen den Zeilen klar, dass viele Führungskräfte noch immer hoffen oder erwarten, eh bald alle Mitarbeiter wieder im selben Raum sitzen zu haben. Dass ggf. NIE WIEDER alle Mitarbeiter im selben Raum bei einem Meeting sitzen werden, dämmert den wenigsten.

Auf zur bewussten Inkompetenz

Aus meiner Sicht sind in vielen Unternehmen alle einzelnen Bausteine vorhanden, aber es fehlt noch die Zeit, Aufmerksamkeit oder der Wille diese als neues Gesamtbild zusammen zu setzen. Mit Offenheit, Kreativität und Mut zu Irrtümern. Und mit dem aktiven Willen neues zu Erproben. Auf in die bewusste Inkompetenz um gezielt zu lernen!

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3 Kommentrare

  1. Michaela Kellner am

    Dieser Artikel beschreibt ganz die Situationen, die ich häufig bei Kunden erlebe.
    In die Fortbildung, wie mit all den Online-Tools bestmöglich umzugehen ist, wird wenig bis meist gar nicht investiert.
    „Damit arbeiten doch alle Mitarbeiter*innen täglich und kennen sich daher auch damit aus.“
    Die unbewusste Inkompetenz ist groß in den Unternehmen.
    Da gibt es noch viel zu tun, um Online-Meetings professioneller und interaktiver zu gestalten.
    Danke für diesen pointierten Artikel!

  2. Gerd BEIDERNIKL am

    Ich pflichte Ihnen voll bei! Scheint, wir kennen „ähnliche“ KundInnen!

  3. Belinda Veber am

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Erkannte den einen oder anderen Kunden sehr gut wieder. 😉

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