Mindset und Gewohnheiten wirken im Führungsalltag oft leise im Hintergrund, und doch prägen sie nachhaltig, wie Entscheidungen getroffen und Beziehungen gestaltet werden, wie sichtbar wird in diesem Interview.
Führung entsteht in vielen kleinen Momenten des Alltags. In Gesprächen, in Priorisierungen, im Umgang mit Unsicherheit. So formt sich Schritt für Schritt ein Führungsstil, der Orientierung gibt oder Verwirrung stiftet. Gewohnheiten wirken dabei wie unsichtbare Strukturen, die Stabilität schaffen.
Das Mindset dahinter bestimmt, ob Herausforderungen als Belastung oder als Entwicklungschance erlebt werden. Und genau hier beginnt die nachhaltige Qualität von Leadership.
Wie aber entstehen solche Gewohnheiten konkret im Führungsalltag? Und welche innere Haltung unterstützt Führungskräfte dabei, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben? Führungspersönlichkeiten aus Beratung, Coaching und Unternehmenspraxis teilen im Interview dazu ihre Perspektiven.
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Experten-Interview
Fähigkeiten & Gewohnheiten von Führungskräften
Welche Gewohnheiten und Fähigkeiten sind für Führungskräfte wesentlich?
Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Gewohnheiten und Fähigkeiten von Führungskräften zeigen sich in Empathie und echtem Interesse an Menschen. Sie hören aufmerksam zu, nehmen unterschiedliche Perspektiven ein und reflektieren regelmäßig ihr eigenes Verhalten und dessen Wirkung. Gute Führungskräfte nehmen sich bewusst Zeit für Gespräche, Klarheit und Orientierung, statt ausschließlich auf Anforderungen zu reagieren. Klarheit in Haltung und Kommunikation schafft Vertrauen und gibt Sicherheit, besonders in unsicheren oder belastenden Situationen. Verantwortungsübernahme bedeutet, Gestaltungsspielräume zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und diese transparent zu vertreten. Selbststeuerung und emotionale Stabilität helfen, auch unter Druck präsent und handlungsfähig zu bleiben. Wirksame Führung zeigt sich in der Bereitschaft, Lernen und Entwicklung bei anderen und bei sich selbst zu ermöglichen.
Dr. Judith Girschik (LSS): Führung beginnt mit Selbstführung. Wer sich selbst nicht steuern kann, sollte keine Organisation steuern wollen. Wesentliche Gewohnheiten sind: klare Priorisierung statt Dauerfeuer, konsequente Feedback-Routinen, echte Zuhörfähigkeit und die Disziplin zur Reflexion. Dazu kommt Entscheidungsstärke – auch unter Unsicherheit. Und: emotionale Intelligenz. Nicht als Kuschelkurs, sondern als Fähigkeit, Dynamiken zu lesen, Spannungen auszuhalten und Konflikte konstruktiv zu nutzen. Gute Führungskräfte haben außerdem die Gewohnheit, Verantwortung nicht zu horten, sondern zu verteilen. Micromanagement ist keine Tugend, sondern ein Misstrauensbeweis.
Mag. (FH) Heike Dormuth, MA (ImpulsPartner S & D): Gewohnheiten formen das tägliche Verhalten, Fähigkeiten bestimmen, wie effektiv eine Führungskraft handelt. Als Trainerin sehe ich, dass erfolgreiche Führungskräfte vor allem ihre Gewohnheiten und Fähigkeiten bewusst verbinden. Wesentliche Gewohnheiten sind für mich: regelmäßige Selbstreflexion, klare Prioritäten setzen, kontinuierliches Lernen und bewusst Zeit für das Team einplanen. Fähigkeiten, die den Unterschied machen, sind klare und empathische Kommunikation, Entscheidungsfreude, Konfliktmanagement, Delegation und strategisches Denken. Auch emotionale Intelligenz ist entscheidend, um sich selbst und andere zu verstehen und Beziehungen konstruktiv zu gestalten.
Für mich persönlich ist das Wichtigste jedoch die Fähigkeit zur Selbstreflexion: Nur wer sein eigenes Verhalten regelmäßig hinterfragt, kann wirksam führen und sein Team nachhaltig entwickeln.
Dr. Gerlinde Macho (MP2): Für mich ist Kaizen ein zentrales Mindset in meinem täglichen Tun und natürlich auch als Führungskraft. „Kai“ steht für Wandel und „Zen“ heißt „zum Besseren“. Diese Grundeinstellung versuche ich stets in mein Leben zu integrieren und diese als Gewohnheit werden zu lassen, denn es geht oftmals nicht um große, radikale Veränderungen, sondern um tägliche kleine Schritte und kleine Verbesserungen. Als IT-Unternehmerin und jemand, der seit über zehn Jahren auch das Handwerk der Ledergalanterie erlernt, ist laufendes Lernen für mich zur Gewohnheit geworden. Aus dem Handwerk weiß ich: Qualität entsteht nicht durch Eile, sondern durch Aufmerksamkeit, Übung und ernst genommenes Feedback – genau das gilt auch für gute Führung. Ich erlebe täglich, dass Leadership bei der Selbstführung beginnt. Dazu gehören für mich vor allem Aspekte, wie Struktur, Reflexion und die Fähigkeit, Entscheidungen bewusst zu treffen – auch wenn diese manchmal auch unbequem sein können.
Die Rolle des Mindset
Welche Rolle spielt das Mindset bei Gewohnheiten?
Mag. Dagmar Grafeneder (Kick Off): Alles beginnt mit einer Entscheidung. Eine Entscheidung entsteht aus der Erkenntnis, dass ich in einem Verhalten Sinn und Nutzen sehe. Ohne innere Überzeugung und Klarheit darüber, warum ich etwas verändern will, bleibt jede gute Absicht folgenlos. Mindset bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Gestaltungsspielraum zu erkennen. Es prägt, wie wir Herausforderungen interpretieren: als Belastung oder als Lernchance. Führungskräfte mit einem wachstumsorientierten Mindset verstehen Fehler als Feedback und Entwicklung als Prozess. Erst wenn ich innerlich „Ja“ sage, entsteht die Energie, dranzubleiben. Gewohnheiten sind daher weniger eine Frage der Disziplin als der inneren Haltung.
Christian Ploy (Christian Ploy – Competence): Das Leben, den Führungsalltag und deren Herausforderungen als Chancen und Lernerfahrungen zu betrachten, als auch eine sorgsame Beziehung zu sich selbst zu kultivierenm, das beinhaltet ein positives Mindset. Konkret bedeutet es, im Umgang mit sich selbst erniedrigende oder selbstbestrafende Gedanken umzuwandeln, also selbst in Gedanken „gut“ mit sich selbst zu sprechen.
Ein Beispiel: Ich scheitere beim Umsetzen einer neuen Gewohnheit oder mache einen Fehler und denke mir: „Aha, da gibt es noch Optimierungspotenzial“, und frage mich: „Was könnte ich noch tun, um diese Gewohnheit besser zu integrieren?“, dann werde ich mit jedem Mal erfolgreicher in der Umsetzung – egal bei welcher Herausforderung oder neuen Gewohnheit. Gleichzeitig entwickle ich mich dadurch von einer vorgesetzten Führungskraft zu einem Leader und Vorbild für meine Teammitglieder. Somit ist das positive Mindset eine wichtige Basis für gesunde, neue Gewohnheiten.
Gewohnheiten trainieren
Wie kann man Gewohnheiten trainieren?
Tina Krainer (Die HR Koryfee): Gewohnheiten lassen sich am besten trainieren, wenn man mit einer klaren Absicht startet und genau weiß, welche Verhaltensweise verändert oder gestärkt werden soll. Ein nachvollziehbarer Grund oder Auslöser hilft dabei, die Motivation stabil zu halten. Wichtig ist, klein zu beginnen und die neue Gewohnheit Schritt für Schritt in den Alltag zu integrieren, idealerweise als feste Routine. Dranzubleiben ist entscheidend, auch wenn es anfangs nicht immer gelingt. Kleine Belohnungen machen Fortschritte sichtbar und stärken die innere Motivation. Rückschläge gehören dazu, sollten aber nicht entmutigen, sondern als Teil des Lernprozesses verstanden werden. Unterstützung durch andere Personen – Kolleginnen, Freunden oder Führungskräfte – kann zusätzlich helfen, die neue Gewohnheit zu festigen und langfristig beizubehalten.
Mag. Petra Koinig (ITO): Die sozialen Gewohnheiten lassen sich nur dann nachhaltig entwickeln, wenn Mindset und tägliche Routine zusammenspielen. Entscheidend ist die bewusste Wiederholung in konkreten Führungssituationen, etwa Gespräche konsequent mit offenen Fragen zu beginnen oder Feedback regelmäßig einzuplanen. Kleine Verhaltensanker, ergänzt durch Reflexion und Feedback, erhöhen die Stabilität neuer Routinen. Gewohnheiten entstehen nicht durch Einsicht allein, sondern durch konsequente Anwendung im täglichen Führungsalltag.
Dipl.-Kffr. Andrea Artmayr (fuxdeiflswüd): Viele glauben, sie müssten an ihrer Motivation arbeiten, um Ihre Gewohnheiten trainieren zu können. Unserer Erfahrung nach ist Motivation sowas wie ein „Stimmungs-Lift“. Leider ist der oft ausgerechnet montags „Außer Betrieb“. Und sein Service so leicht zu finden wie Verkäufer in einem Baumarkt. Darum trainieren sich Gewohnheiten viel effizienter, wenn man sich die unbequemen Wahrheiten dahinter ungeschönt vor Augen hält:
1. „Hör auf dich zu inspirieren. Fang an“: auch wenn Inspiration die Aufschieberitis scheinbar aufhübscht und schlichtes TUN unsexy klingt, so wirkt es dennoch sofort.
2. „Erwarte Widerstand. Immer“: Ein lautes „Heute nicht“ in deinem Kopf gibt dir das beste Signal für eine mögliche neue Gewohnheit. Solange es leicht geht, trainierst du nichts. Wenn du deinen Widerstand spürst, heißt es dennoch handeln, kleiner als geplant, dafür jedoch bewusst.
3. „Mach es peinlich klein“. So lange die neue Gewohnheit nicht ein bisschen lächerlich wirkt, ist sie zu groß. Zwei Minuten. Ein Satz. Ein Anruf. Fertig.
Fazit
Vielleicht liegt die Kraft wirksamer Führung gerade in ihrer Unspektakulärität. In Routinen, in Gedanken, in der Entscheidung, Verantwortung wirklich zu übernehmen.
Wenn Mindset und Gewohnheiten zusammenspielen, entsteht eine Form von Führung, die nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Interviewte Personen
Mindset & Gewohnheiten von Führungskräften | Führung beginnt im Kopf
Dr. Judith Girschik
- Geschäftsführende Gesellschafterin
- LSS Leadership Services GmbH | Leadership Institute
- Unternehmens-Profil
- www.leadership-institute.at
Christian Ploy
- Geschäftsführer, Gründer
- Christian Ploy – Competence
- Coaching, Consulting, Mediation
- www.christian-ploy.at
Mag. Petra Koinig
- Trainerin, Consultant, Coach
- ITO Individuum Team Organisation GmbH
- Unternehmens-Profil
- www.ito.co.at
Mag. (FH) Heike Dormuth, MA
- Geschäftsführung
- ImpulsPartner S & D GmbH
- Unternehmens-Profil
- www.teamimpuls.at
Mag. Dr. Birgitt Espernberger
- Teamleitung Arbeits- und Organisationspsychologie
- ASZ Linz GmbH
- Unternehmens-Profil
- www.asz.at
Mag. Dagmar Grafeneder
- Managing Partnerin
- KICK OFF Management Consulting GmbH
- Unternehmens-Profil
- www.kick-off.at
Tina Krainer
- Interim HR Managerin
- Die HR Koryfee
- www.die-hr-koryfee.at
Dr. Gerlinde Macho
- Unternehmensführung
- MP2 IT-Solutions GmbH
Dipl.-Kffr. Andrea Artmayr
- Inhaberin
- fuxdeiflswüd | Mit Persönlichkeit verkaufen
Mindset & Gewohnheiten von Führungskräften | Führung ist Kopfsache



