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Leadership Horizon Conference

Gut gefragt ist halb gewonnen!

Es gibt dutzende, vermutlich sogar hunderte Bücher, Artikel oder Webseiten die Job-Bewerber auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten. Und dennoch wird dabei ein Thema zu wenig behandelt: Die Macht guter Fragen VOM Stellensuchenden AN DAS ausschreibende Unternehmen. Warum eigentlich?

Literatur zum Thema „Wie bewerbe ich mich richtig?“ gibt es wie Sand am Meer. In jeder Ausführlichkeit, in jeder Preisklasse und auch in jedem denkbaren Qualitätsniveau. Der Fokus dieser Ratgeberliteratur liegt dabei meist auf einigen wenigen Themen. Die Klassiker dabei:

  • Bekleidung und Etikette
  • Der Erste Eindruck: Begrüßung, Small Talk, Selbstvorstellung
  • Die wichtigsten Bewerbungsfragen erfolgreich meistern
  • Gehaltsverhandlungen

Das alles sind sehr wichtige Themen. Ohne Frage. Zum überwiegenden Teil gehen diese Ratschläge aber besonders stark auf das ein, was wir Soziologen „die asymmetrische Machtbeziehung“ nennen würden: Einer hat einen Job zu vergeben, der andere will ihn haben.

Wohlwissentlich, dass es noch 10, 20, vielleicht 100 andere Bewerber gibt, werden vorwiegend Ratschläge geäußert, die helfen sollen sich selbst optimal zu positionieren, attraktiv auf den zukünftigen Arbeitgeber zu wirken und die eigenen Schwächen zu kaschieren. Das alles ist 100% legitim, greift aber zu kurz.

Das Bewerbungsgespräch:
Ein Dialog & Beobachtungssituation

Aus meiner Sicht wird werden dabei aber zwei Aspekte weniger beachtet, die ich für ebenso wichtig und spannend halte:

  • Wie kann ich als Bewerber mit gezielten Fragen noch möglichst viel über meinen zukünftigen Arbeitgeber herausfinden? Wie kann ich ermitteln: Will ich dort überhaupt arbeiten?
  • Was sagt die Bewerbungssituation selbst über das Unternehmen und die Unternehmenskultur aus? Ganz im Sinne des „Employer Brandings“: Welche Arbeitgebermarke und welche Markeneigenschaften werden mir vermittelt?

Leider werden die meisten Bewerbungsgespräche hier noch immer falsch verstanden. Als reine Interviewsituation (oder Verhör?), wo einer fragt und der andere antwortet (ach ja: auch Bewerber fügen sich zu schnell in ihre Befragten-Rolle). Als „Aussiebverfahren“ bei dem man Kandidaten stressen und aus der Reserve locken will. Als „nettes Gespräch“ (meist von nicht-professionall vorbereiteten Recruitern oder Führungskräften) in dem man halt einige Fragen stellt die einem spontan einfallen.

Nur selten herrscht wirklich eine Atmosphäre des Dialogs, in dem beide Seiten die gleichberechtigte Möglichkeit haben

  • sich zu präsentieren
  • die jeweils andere Seite zu be- und hinterfragen

Nein: Den BewerberInnen in den letzten 2 Minuten des Gesprächs mit der Eröffnung „Haben Sie noch offene Fragen?“ etwas Raum zu gewähren reicht nicht! Ich meine auch nicht BewerberInnenseitig 08/15 Fragen zu stellen wie „Wie ist bei Ihnen Fortbildung organisiert?“. Das wäre zu simpel gedacht.

Die Macht guter Fragen

Es ist ein Wechselspiel aus “Raum dafür geben” und  “Mut nehmen, es einzufordern” von dem ich spreche. Nur zu selten hört man von Bewerbern nämlich Fragen die einen als Interviewer wirklich fordern und hohes Interesse signalisieren. Hier eine sehr subjektive Sammlung von Fragen, die ich bisher von Bewerbern gehört habe, und die bei mir positiv angekommen sind:

  • Können Sie mir die Unternehmenskultur in Ihrem Unternehmen näher beschreiben? Oder sogar wenn man mit seinem eigenen, zukünftigen Chef spricht: Wie würden Sie mir Ihren Führungsstil beschreiben?
  • Wie wird mein erster Monat in Ihrem Unternehmen verlaufen? Können Sie mir beschreiben, wie Sie mich in meine neue Tätigkeit einarbeiten wollen?
  • Können sie mir einen typischen Arbeitstag in dieser Position beschreiben?
  • Was kann ich noch lernen/studieren/lesen um mich vorab auf den Arbeitsbeginn gut vorzubereiten?
  • An welchen Kriterien werden Sie meine Arbeitsleistung / den Erfolg dieser Position messen? Was sind die Dinge, auf die Ihr Unternehmen besonders Wert legt?
  • Ist die Position neu geschaffen worden oder wird diese nachbesetzt? Aus welchem Grund hat der letzte Angestellte diesen Posten verlassen?
  • Oder für ganz Mutige, was aber dezidiert nicht angeberisch wirken darf: Was unterscheidet Ihr Unternehmen von Mitbewerbern in der Branche? Warum sollte ich gerade in Ihrem Unternehmen anfangen? Was sind Ihre Stärken und Schwächen als Arbeitgeber?

Wo Licht ist, ist auch Schatten. So wie gute Fragen den Bewerbern helfen, mehr über das Unternehmen zu erfahren und sich auch durch gute Fragen positiv zu positionieren, können schlechte, lieblose oder einfallslose Fragen auch negative Effekte haben. Hier wiederum die drei höchst subjektiv-persönlichen Fragen, die bei mir in Bewerbungsgesprächen den schlechtesten Eindruck hinterlassen haben:

  • Was macht Ihr Unternehmen eigentlich genau?
  • Wann kann ich bei Ihnen mit der ersten Gehaltserhöhung rechnen?
  • Wie lange kann ich bei Ihnen maximal am Stück auf Urlaub gehen?

Aber neben dem Thema Fragen zu stellen zählt auch mit offenen Augen durch die Bewerbungssituation zu gehen und sich als Feldforscher, als Beobachter in einer fremden Welt zu verstehen. Wie nehme ich die Unternehmensumwelt wahr? Wie wird mit mir umgegangen? Fühle ich mich herzlich willkommen? Wie ist das Unternehmen räumlich gestaltet? Und vieles mehr…

Auch hier gilt: Wer fragt führt! Fragen Sie doch auch noch einem kurzen Rundgang durch das Unternehmen oder der Möglichkeit, ihren zukünftigen Arbeitsplatz zu sehen. Je nach Jobkontext ist dies durchaus legitim und gewährt Ihnen tiefe Einblicke.

Gefragt von Personalisten: Vorbereitung

Wenn man Bewerbungsgespräche in diesem Sinne denkt und konzipiert hat es einen ganz wesentlichen Folgeeffekt: Die Interviewer (Recruiter, Führungskräfte, etc.) müssen sich viel intensiver auf Bewerbungsgespräche vorbereiten. Sie müssen auch ihr eigenes Unternehmen “verkaufen” und nicht nur als “Käufer” am Bewerbermarkt shoppen gehen. Auch Unternehmen müssen sich hier stärker positionieren. Oder sie müssen sich zumindest auf bisher vielleicht ungewöhnliche Absagegründe von Bewerbern einstellen, die dann etwa lauten könnten:

„Vielen Dank für Ihr Stellenangebot. Leider muss ich Ihnen hiermit absagen. Bei der Vielzahl an vorliegenden Jobangeboten fiel mir die Entscheidung letztlich nicht leicht. Ich habe mich aber nun für einen Arbeitgeber entschieden, der mir im Bewerbungsgespräch die höchste Passung zwischen seinen Werten, seiner Unternehmenskultur, den vorhandenen Aufgaben und gebotenen Perspektiven mit meinen Vorstellungen vermitteln konnte. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass bei vielen guten und qualifizierten Unternehmen oft nur Details entscheiden.“

Na das wäre doch mal was…

Mag. Gerd Beidernikl

Mag. Gerd Beidernikl ist geschäftsführender Gesellschafter von vieconsult, der Vienna Corporate Research and Development GmbH und Lehrvortragender für Organisationssoziologie.

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