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Leadership Horizon Conference

Undercover Boss: Führungsarbeit oder TV-Unterhaltung

Asfinag-Vorstand Klaus Schierhackl und Mitarbeiter Raymund Oswald

Seien wir doch ehrlich: Sie haben doch sicher auch eingeschalten, oder? Die Vorankündigungen waren einfach zu attraktiv: „Vorstandsdirektor putzt Toiletten“. Wer will das nicht sehen. Eine neue ORF Produktion verspricht Einblicke in die Arbeitswelt österreichischen Unternehmen zu bieten. Mediengag oder sozialpolitisch wertvoller Perspektivenwechsel? Wohl ein bisschen von beidem.

Im Bild (ORF/MME): Vorstand Klaus Schierhackl (Asfinag) und Mitarbeiter Raymund Oswald

Ende Jänner hat der ORF begonnen 4 Staffeln seiner neuen Produktion „Undercover Boss“ auszustrahlen. Das Konzept ist denkbar einfach und doch einfach genial: Topmanager schlüpfen für einige Tage in die Rolle eines einfachen Mitarbeiters in ihrem Unternehmen und werden dabei – unter dem Vorwand ein Langzeitarbeitslosenprojekt zu dokumentieren – gefilmt. Sie putzen Toiletten, schleppen Waren, verrichten Hilfsdienste oder stehen am Fließband. Sie werden Teil der vielzitierten Basis und erleben – verkleidet und auf Zeit – wie es ist, in der Hierarchie ganz unten zu stehen.

Internationales Format

Bei „Undercover Boss“ handelt es sich um ein internationales Fernsehformat, das ursprünglich in UK entwickelt wurde und inzwischen in 15 Ländern ausgestrahlt wird. Ähnlich wie die Millionenshow scheint das Potenzial auf einen Quotenhit gegeben. Was aber ist es, das die Zuseher fasziniert? Und wie muss man einem derartigen Format gegenüberstehen? Ich möchte gerne zwei verschiedene Perspektiven einnehmen: eine kritische und eine positive.

Die positive Perspektive

Das Format trifft sich an einer Schnittmenge von Bedürfnissen der Top-Manager, die wissen wollen wie es ihren Mitarbeitern geht, und dem Fernsehpublikum, das erleben möchte was Top-Manager bereit sind alles an niedrigen Tätigkeiten zu verrichten. Und das in Zeiten wo ansonsten medial eher über Spekulationsverluste, unlautere Absprachen und Lobbying oder überhohe Bonuszahlungen gesprochen wird. Man kann diesem Konzept sicher viel positives abgewinnen:

  • Jeder Top-Manager der an dieser Show teilnimmt zeigt sowohl ein großes Interesse, sein Unternehmen kennen zu lernen als auch eine dicke Haut, sich medial zu exponieren und tlw. sich unangenehmen Tätigkeiten auszusetzen. Und das ist grundsätzlich positiv zu sehen. Top-Managern fehlt es oft im Alltag an offenem und ehrlichem Feedback. Sie erhalten hier die Chance die eigene Firma zu erleben ohne ständig hofiert zu werden. Ich glaube dies kann lernbereiten Charaktären wertvolle Erkenntnisse eröffnen.
  • Die Show gewährt Einblicke in Berufe die ansonsten nicht häufig im Zentrum stehen. Sie macht „Helden des Alltags“ sichtbar: vom Fließband bis zur Autobahnraststättentoilette. Sie macht sichtbar, welchen Jobs wir es verdanken, bequem und sauber im Alltag zu leben.
  • Es ist auch spannend zu bedenken, welche motivationale Wirkung derartige Shows in den befilmten Unternehmen haben können. Wer möchte nicht auch von seinem eigenen Boss wissen, dass dieser bereit wäre, auch selbst anzupacken und mitzuarbeiten. Hier sehen die Mitarbeiter den Beweis im Hauptabendprogramm.

Die kritische Perspektive

Welches Zitat bzw. Literaturverweis könnte die kritische Perspektive besser einleiten als Neil Postmans Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“. 1985 hat er damit die Entwicklung der Mediengesellschaft, schon lange vor „Saturday Night Fever“ oder „Big Brother“ auf den Punkt gebracht und die omnipräsente, mediale Spaßkultur porträtiert. Folge ich dieser Sichtweise so lässt sich aus meiner Sicht umreissen:

  • Derartige Fernsehformate sind eine konsequente Erweiterung Kausalkette: Arbeitslose leben im Container und werden gefilmt, B-Promis gehen in den Dschungel und werden gefilmt und Top-Manager gehen in das eigene Unternehmen und werden gefilmt. Das Publikum ist immer auf der Suche nach Sensationen und erhofft sich peinlich-berührendes Sozialspektakel. Keine Sphäre ist befreit von der Begleitung durch eine Kamera.
  • Oder vielleicht muss man das ganze auch als Employer Branding Kampagne sehen. Von dem gewählten Undercover-Job, über die ausgewählten Filialen oder Außenstellen bis hin zu den beteiligten Mitarbeitern – alles eine riesige Testimonial-Reality-Kampagne, die eigentlich nur auf das jeweilige Unternehmen und Jobmöglichkeiten aufmerksam machen soll? Aber dann wäre wohl das journalistische Motiv bezweifelbar und das ganze verkommt zum 40 Minuten Werbespot im trendigen Gewand. Als Incentive-Aktion, denn es wird medial dokumentiert, dass man sich als Chef für nichts zu schade ist.
  • Spannend ist für mich der Aspekt der Freiwilligkeit. Natürlich, die Top-Manager machen dies freiwillig und sicher auch aus heren Motiven. Aber was ist mit den beteiligten Mitarbeitern, die unter Vortäuschung falscher Tatsachen (die Chefs sind ja als Langzeitarbeitslose und die Fernsehserie als Dokumentation getarnt) in ihre Filmrolle kommen. Auch sie werden zugestimmt haben. Aber die wahren Hintergründe erfahren sie wohl erst nach Drehschluss, denn sonst wäre es keine Undercover-Story. Und kann man dann zu seinem Boss sagen: „Ich will nicht dass es ausgestrahlt wird“? Wie freiwillig ist dies nach Aufklärung der Rahmenbedingungen wirklich?
  • Und was wäre die konsequente Fortsetzung? „Undercover Trainee“? Ein x-beliebiger Mitarbeiter wird vom Fernsehen als neuer Eigentümer getarnt und bei Vorstandssitzungen oder beim Golfspielen mit Firmenkunden gefilmt?

Mein Resümee

Zu derartigen Sendungen kann jeder stehen wie er will. Auch ich habe jedesmal eingeschalten mit der schon beschriebenen Mischung aus „spannend“ und „erschreckend“ zugesehen. Mein persönliches Fazit ist, dass hier eine Führungsaufgabe – zu wissen wie es Mitarbeitern geht – zur Fernsehshow wird. Nicht mehr und nicht weniger.

Es macht mich ein wenig nachdenklich, dass Top-Manager dies als eine „einzigartige Möglichkeit“ (Zitat aus einer der Sendungen) sehen, zur Basis Kontakt aufzunehmen und scheinbar das Fernsehen benötigen um Interesse an den eigenen Mitarbeitern zu entwickeln. Oder auch ein Zitat von einem der teilnehmenden Top-Manager der einer Tageszeitung nach dem Experiment kundtat: „Ich habe vor allem eines gelernt: wie groß die Macht des Lobes ist und dass allgemein viel zu wenig gelobt wird“. Lesen Sie diesen Satz zwei,- dreimal. Geht es Ihnen wie mir? Erscheint es Ihnen nicht gespenstisch wie weit weg das Top-Management sein muss, wenn derartige Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen fallen?

Was hindert denn Manager daran den Kontakt zur Beglegschaft zu pflegen, in unterschiedliche Tätigkeitsbereiche abzutauchen und den Perspektivenwechsel zu forcieren? Nicht als Show, sondern als Führungsaufgabe!

Mag. Gerd Beidernikl

Mag. Gerd Beidernikl ist geschäftsführender Gesellschafter von vieconsult, der Vienna Corporate Research and Development GmbH und Lehrvortragender für Organisationssoziologie.

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