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Wenn der Coach den Hut drauf haut | Wann sollte ein Coaching besser abgebrochen werden?

Wann ist es angebracht, ein Coaching abzubrechen? Werfen wir einen Blick auf die Seite des Coachs: unter welchen Umständen sollte abgebrochen werden, wo sind Grenzen, wie können sie erkannt werden, etc.? Ein heikles Thema, da ein Abbruch ein sehr harter Schnitt ist und – gerade von Coachs – umgangen werden können sollte (welch Satz!)

 

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Unter welchen Umständen sollte ein Coach das Coaching abbrechen?

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Wenn im Zuge des Coachings tiefgreifende Themen angestoßen werden, die nicht weiter bearbeitet werden können wie z.B. psychische Störungen, wenn Interessenskonflikte entstehen wie z.B. paralleles Coachen von Personen, die in einem Funktionszusammenhang zueinander stehen oder auch wenn die Gefahr besteht, dass sich ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Coach und Coachee entwickelt.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Also „abbrechen“ klingt für mich sehr abrupt – das würde ich nie bzw. nur in Ausnahmefällen machen. Es gibt Situationen, wo es besser ist, einen Coachee an einen Kollegen weiter zu leiten – wenn es das Thema verlangt oder zu einem Arzt oder Psychotherapeuten – immer behutsam und vorsichtig. Ein abrupter Abbruch wäre nur dann notwendig, wenn der Klient aggressiv wird oder sich als Stalker entpuppt – das ist mir noch nie passiert 😉

Ing. Christoph Wydy, MSc (Bildungszone): Vor dieser Frage sollte man sich zuerst folgende Frage stellen: Unter welchen Umständen beginnt ein Coach ein Coaching? Weil man empfohlen wurde, weil man gefunden wurde, weil die Bezahlung stimmt? Zunächst gilt es also herauszufinden, ob das Thema an sich ein für Coaching geeignetes ist und ob auch die Chemie und die Rahmenbedingungen passen. Macht man dies mit Bedacht und offenen Kanälen ist die Chance sehr hoch, dass ein erfolgreiches Coaching folgt. Abzubrechen ist ein Coaching dann, wenn man merkt, dass Coaching als Werkzeug nicht ausreicht, z.B.: dann, wenn therapeutisches oder klinisches Wissen benötigt wird. Daher empfehle ich meinen Teilnehmern sich möglichst rasch ein Netzwerk an Personen unterschiedlicher Fachbereiche aufzubauen, um im Falle eines Abbruchs mit ruhigem Gewissen weiter vermitteln zu können.

Veronika Aumaier, MAS, MSc (Aumaier Coaching Consulting): Es gibt zwei sehr gute Gründe, ein Coaching abzubrechen:
•  Emotional: Dem Coach ist es aus ethischen oder moralischen Gründen nicht möglich, die Coachingzielsetzung des Coachee zu unterstützen (Bsp für derartige Zielsetzugnen … ich möchte meinen unbeliebten Kollegen los werden…., persönliche Bereicherung im Rahmen der beruflichen funktionalen Etnscheidungsbefugnisse, Unterstützung von Mobbing-/ oder Bossing-Vorhaben des Coachees et. )
• Inhaltlich: Der Coach ist fachlich (bspw. betriebswirstchaftliche Einschätzungen) und methodisch (Mediation

Wie kann ein Coach hier seine Grenzen erkennen?

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Jeder Coach sollte genau reflektieren, welche Themen er coachen kann und möchte und welche nicht in Frage kommen. Dann kann man gleich beim 1. Telefonat an Kollegen verweisen oder den Kunden annehmen. Es muss mir als Coach auch möglich sein, meinen Kunden zumindest neutral zu sehen und die Wertewelt darf nicht zu weit voneinander entfernt sein.
Geeignete Mittel zum Erkennen der eigenen Grenzen ist eine ständige Selbstreflexion und Supervision.

Veronika Aumaier, MAS, MSc (Aumaier Coaching Consulting): Der professionelle Coach im betrieblichen Umfeld weiß um seine fachliche und methodischen Kompetenzen und ist Teil eines Netzwerkes, das ihn gut ergänzt und bei Bedarf konkret unterstützt. Der Coachee wird imRahmen des Coachings punktuell von einem hinzugezogenen Coach in der besonderen Themenstellung begleitet.

Ing. Christoph Wydy, MSc (Bildungszone): Wie kann ein Mensch generell seine Grenzen erkennen? Manche tun das nie, manche haben einen ausgeprägten Sinn dafür. Für Coaches gibt es hierbei vermutlich keine Sonderregelung. Wenn Coaching funktionieren soll, wird es eine gute Basis und ausreichend Vertrauen benötigen. Gelingt es nicht das herzustellen, wird das Ergebnis auch kein „echtes“ sein.

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Der Coach soll fundiertes Wissen zumindest über die wichtigsten psychischen Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, Substanzmissbrauch und Zwangsstörungen haben und auch die Symptome kennen und diese in der Praxis erkennen. Er sollte Therapiefälle und Coaching trennen können. Eine gute Auftragsklärung und klar gesetzte Coaching-Ziele helfen, Interessenskonflikte zu vermeiden. Die Verantwortlichkeiten beim Coaching sollen streng getrennt bleiben – der Coach ist für den Rahmen und der Klient für den Inhalt zuständig.

Welche Tools / Beispiele / Möglichkeiten geben Sie Teilnehmern Ihrer Coaching-Ausbildung an die Hand, um mit diesen Situationen kompetent zu lösen?

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): An erste Stelle steht der Code of Ethics der International Coach Federation (ICF), nach dem unsere Teilnehmer sich verpflichten zu handeln. Unsere Coaching-Ausbildung „The Art and Science of Coaching“ ist von ICF akkreditiert und entspricht den höchsten Qualitätsansprüchen des internationalen Dachverbandes. In den einzelnen Modulen werden diese Situationen und Themen besprochen und den Teilnehmern wird die notwendige Theorie vermittelt,  damit umzugehen. Ebenso werden Praxisbeispiele behandelt und besprochen.

Ing. Christoph Wydy, MSc (Bildungszone): Tools halte ich hierbei für den falschen Ansatz. Gute Coaches werden gute Coaches, weil sie oft und viel coachen, mit unterschiedlichsten Themen und Menschen konfrontiert werden und sich immer neu und rasch auf verschiedenste  Situationen einstellen. Jedem Coach wird es passieren, sich einmal zu verirren, falsche Hypothesen zu stellen, oder im Prozess zu schnell voranzugehen. Daher rate ich meinen Teilnehmern, nach jedem Coaching eine intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen zu machen, um in Ruhe die Einheit zu reflektieren. Kommt man dabei zur Erkenntnis, dass man an die eigenen Grenzen stößt, ist im ersten Schritt das eigene Netzwerk um Support zu befragen bzw. im 2ten Schritt diese Erkenntnis mit dem Kunden zu besprechen um weiteres Vorgehen abzustimmen.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Wir besprechen die Grenzen in Selbstreflexionseinheiten und im begleitenden Einzelcoaching sowie in der Gruppen- und Einzelsupervision. Wir besprechen, welche Themen bei jedem einzelnen gut aufgehoben sind und wo die Teilnehmer Probleme sehen und welche. Generell soll man nur in jenen Bereichen coachen, die man für sich selbst geklärt hat.
Es gibt Techniken, um mit den Emotionen besser umgehen zu können, sich besser abgrenzen zu können – diese kommen aus dem Bereich der Mentaltechnik. Ebenso üben wir passende Gesprächsführung, wenn es notwendig ist, einen Kunden an Kollegen / etc. weiter zu leiten.

Wie gehe ich als Coach mit einem Abbruch seitens des Kunden um?

Ing. Christoph Wydy, MSc (Bildungszone): Coaching wird wirksam, weil Coach und Kunde eine sich ergänzende bzw. stimulierende Umgebung schaffen, um an den Themen des Kunden zu arbeiten. Natürlich bringt sich der Kunde ein, natürlich bringt sich der Coach ein. Sprich es wird Beziehung hergestellt. Ein Abbruch seitens des Kunden kann daher für den Coach durchaus Fragen offen lassen. Ich rate daher dazu, diese Fragen eben nicht offen zu lassen und den Grund des Abbruches mit dem Kunden zu besprechen, um sauber abschließen zu können. Denn das sollte im Coaching (auch im Falle eines Abbruchs) auf jeden Fall immer gemacht werden.

Was empfiehlt der Coach wenn er erkennt, dass Coaching nicht die passende Unterstützung ist?

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): In solchen Situationen ist an erster Stelle der Einsatz einer der ICF-Kompetenzen („Direkte Kommunikation“) hilfreich: der Coach soll direkt und klar seine Beobachtungen dem Coachee rückmelden und mit ihm transparent die eigene Wahrnehmung der Situation schildern. Je nach Situation und Thematik sollte der Coach dem Coachee empfehlen, einen Experten für das entsprechende Thema aufzusuchen. Wir raten unseren Teilnehmern, ein Netzwerk mit Coaches und Experten aus anderen Gebieten wie z.B. Psychotherapeuten, Sozialarbeiter usw. aufzubauen, um darauf zugreifen zu können, wenn die Situation es verlangt.

Welche Befürchtungen haben angehende Coaches?

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Meine Teilnehmer haben große Angst, die Grenze zur Psychotherapie „richtig“ wahrzunehmen – also wann MUSS ich weiterleiten? Da besprechen wir die Indikationen, die darauf hinweisen. Meine Empfehlung ist auch, eine Kooperation mit ein oder mehreren Psychotherapeuten zu pflegen, um sich absprechen zu können.
Manche Teilnehmer fürchten sich vor großen Emotionen der Kunden und wissen nicht, wie sie z.B. mit „weinen“ umgehen sollen. Auch hier besprechen wir, was in einem solchen Fall, der schon immer wieder vorkommt, umgeht. Ruhe bewahren – Taschentuch reichen – schauen, dass der Atem fließt – warten bis die Emotion abgeklungen ist und dann darüber reden. Ressourcen stärken.


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Die Gesprächspartner

 


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Miglena Doneva
Coach, Programmleiterin Coaching

ITO Individuum Team Organisation GmbH

www.ito.co.at

Unternehmens-Profil


aumairer_veronika_150Veronika Aumaier, MAS, MSc
Geschäftsführerin

AUMAIER COACHING CONSULTING GmbH

www.aumaier.com, www.aumaier-coaching-club.com

Unternehmens-Profil


ladinig_corinna_ctc_150_Corinna Ladinig, MBA
Geschäftsführerin

CTC Academy OG

www.ctc-academy.at


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Bildungszone


Interview durchgeführt von

selan_eva_150Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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