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Kopftuch als Karrierekiller | Wie ein Stück Stoff über Erfolg und Misserfolg entscheidet

In meiner Arbeit in Diversity Management-Projekten gibt es wohl kein Thema, das kontroversieller mit Kunden diskutiert wird, als die Religion und deren Ausdruck am Arbeitsplatz. Während sich viele Betriebe umfangreich und oft auch sehr freudvoll mit den Themen Alter oder Geschlecht auseinandersetzen, ist es das Thema Religion, das die Geister scheidet.

Dabei geht es nicht etwa um Werte und Differenzen ebendieser, sondern um Symbole und Zeichen, die Diskussionen auslösen. Allen voran steht bei vielen Arbeitgebern das Kopftuch. Und ja, gerade Frauen, die Kopftuch tragen, sind massiver Diskriminierung ausgesetzt. Das zeigt ein neuer Studienversuch von Doris Weichselbaumer (JKU Linz und IZA) eindrücklich.

Die Diskussion um Religion wird über Symbole geführt

Auffallend bei der Arbeit mit Unternehmen im Thema Religion, aber auch generell in der gesellschaftlichen Diskussion, ist, dass die Diskussion über die religiöse Zugehörigkeit von Menschen zu einem hohen Anteil auf der Ebene der Artefakte, Symbole und Zeichen geführt wird. Wo hängt ein Kreuz an der Wand oder eben nicht? Wer darf welche Andachtsstätten in welcher Form bauen? Und eben: Wer trägt ein Kopftuch oder nicht?

Nur selten findet die Diskussion auf der Ebene der Werte statt, die bei genauer Betrachtung und moderater, vernünftiger Auslegung der eigenen religiösen Vorschriften ein jähes Ende in der Erkenntnis, dass die Unterschiede marginal sind, finden würde.

Aber gerade die Fragen der Symbole lassen die Wogen in Unternehmen hochgehen. Das zeigt auch eine Umfrage zur Toleranz der Österreicher, die über Songcontest, Conchita und Ampelpärchen hinaus, endenwollend erscheint:

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Trotzdem müssen sich Unternehmen in einer vielfältiger werdenden Arbeitswelt mit der Frage des Umgangs, auch mit religiösen Symbolen, auseinandersetzen.

Wie ein Stück Stoff Karrieren zerstören kann – Diskriminierung wegen Kopftuch

Die Gründe für muslimische Frauen, ein Kopftuch zu tragen, sind äußest manigfaltig. Ebenso breit sind die Interpretationen darüber, warum und ob Frau eines tragen müsse. Diesen Diskurs will ich in diesem Artikel nicht führen und halte ihn auch für komplex, weil es eben nicht nur weiß und schwarz, sondern viel dazwischen gibt.

Fakt ist aber, dass das Kopftuch im deutschsprachigen Raum zu deutlicher Diskriminierung, allen voran am Arbeitsmarkt, führt. Doris Weichselbaumer von der JKU Linz hat heuer die Probe aufs Exempel gemacht. Ihr Studienversuch zeigt eindrücklich, wie stark Frauen mit Kopftuch und/oder „ausländisch klingendem Namen“ mit Diskriminierung konfrontiert sind.

Für den Versuch versendete die Studienautorin 1.474 Bewerbungen an Deutsche Unternehmen, die in der Zeitung eine Position ausgeschrieben hatten. Jedes Unternehmen wurde nur ein Mal angeschrieben, allerdings zeigte ein Drittel der Bewerbungen eine „Sandra Bauer“ als Absenderin, ein Drittel eine „Meryem Öztürk“, aber mit dem selben Foto wie Sandra Bauer, also ohne Kopftuch, und ein Drittel eben jene besagte „Meryem Öztürk“ mit Kopftuch. Der Rest der Bewerbung war ident und enthielt keine Angaben über die Religionszugehörigkeit. Und dabei wählte die Autorin sogar eine vergleichsweise moderne Bindetechnik des Kopftuches.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Sandra Bauer erhielt in 18,8% der Fälle eine Einladung. Meryem Öztürk ohne Kopftuch in 13,5% der Fälle. Und Meryem Öztürk mit Kopftuch nur in sage und schreibe 4,2% der Fälle. Auffallend war dabei auch, dass der Unterschied deutlicher ausfiel, je höher die ausgeschriebene Position war.

Grafik zeigt, dass Sandra Bauer in 18.8% der Fäller erfolgreich war, während Meryem Öztürk ohne Kopftuch nur in 13,5% und mit Kopftuch sogar nur in 4,2%.

Quelle: IZA DP No. 10217 – Discrimination against Female Migrants wearing Headscarves, Doris Weichselbaumer, Sept. 2016[/caption]

„Im Westen wird das Augenmerk stets auf die Situation von Frauen in muslimischen Kulturen gerichtet, selten jedoch beschäftigen wir uns mit der Diskriminierung von Musliminnen durch die westliche Gesellschaft“, kritisiert Weichselbaumer. Angesichts aktueller Migrationsströme sei es jedoch politisch unerlässlich, die enormen Schwierigkeiten abzubauen, denen muslimische Kandidatinnen ausgesetzt sind, wenn sie sich im deutschen oder österreichischen Arbeitsmarkt integrieren wollen.

Der Versuch zeigt deutlich, dass reale Diskriminierung aufgrund eines Merkmals wie dem Kopftuch stattfindet. Oder dramatischer formuliert: dass ein Stück Stoff über Karriere und Erfolg entscheidet.

Versuch der Argumente dagegen

Immer wieder treffe ich auf Unternehmen, die viel Energie darauf verwenden zu erklären, warum in ihrem Umfeld das Tragen eines Kopftuches „nicht möglich“ oder „unerwünscht“ sei. Dabei werden die Chancen, die sich durch eine offene Haltung ergeben können, schlicht negiert.
Nicht nur, dass Muslime eine in Österreich immer relevantere Zielgruppe werden, auch am Arbeitsmarkt gibt es besonders seit den großen Fluchtbewegungen ein hohes Angebot an unterschiedlich qualifizierten Kräften, das vielfach brach liegt.

Dass es auch anders geht, zeigte er kürzlich das Traditionsunternehmen Aida, welches in ihrer Filiale am Stephansplatz eine Mitarbeiterin mit Kopftuch ganz selbstverständlich beschäftigt. Beim Traditionskonditor arbeiten 200 Menschen aus 23 Nationen. Probleme mit Kunden gäbe es – gerade wegen des Kopftuches – keine, wie die Mitarbeiterin in einem Interview sagt.

Aber gerade die Kunden und deren geringe Toleranz werden oft als Begründung ins Feld geführt. Hierbei sollte sich jedoch jedes verantwortungsbewusste Unternehmen auch die Frage gefallen lassen, inwieweit auch Unternehmen ihre Kunden „erziehen“. Und Toleranz, sprich das Entstehen neuer Muster in unseren eingefahrenen Denkstrukturen, wird durch eines am besten befeuert und geschult: durch Auseinandersetzung und Begegnung.


Link

Die komplette Studie finden Sie hier: http://ftp.iza.org/dp10217.pdf

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