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Bossing | Wenn Chefs unter die Gürtellinie schlagen

Wenn der Konjunkturmotor stottert, werden in vielen Unternehmen die Zügel straffer gespannt und unpopuläre Einsparungsmaßnahmen eingefordert. Für die Mitarbeiter ist das doppelt bitter: Denn diese schmerzhaften Veränderungsprozesse haben oft auch gravierende Auswirkungen auf das Verhalten einzelner Führungskräfte. Im Worst Case kann das Bossing bedeuten.

Meistens ist das bei jenen Führungskräften zu beobachten, die selbst stark unter Druck kommen und diesen unbarmherzig nach unten weitergeben. Nicht selten wird dabei das vermeintlich schwächste Teammitglied ins Visier genommen. Und so manche Führungskraft, die sich jahrelang ein Image als „Everybodys Darling“ aufgebaut hat, wird nun über Nacht zum gnadenlosen Mitarbeiter-Basher.

Bossing = Druckaufbau ohne Ansage

Herr Kaiser versteht die Welt nicht mehr. Seit über 20 Jahren ist er im Unternehmen. In dieser Zeit hatte er drei verschiedene Führungskräfte und von diesen nie ein böses Wort gehört oder ein kritisches Feedback erhalten. Im Gegenteil, seine Vorgesetzten gaben im stets das Gefühl ein anerkanntes Teammitglied zu sein.

Mit seinem jetzigen Chef arbeitet er seit fast 5 Jahren zusammen und auch mit ihm gab es keine Probleme. In den jährlichen Mitarbeitergesprächen bekam er in der Regel zu hören, dass alles passt und dass er seine Aufgaben zur Zufriedenheit erledigt hat.  Daher hat sich Herr Kaiser in seinem Job wohl gefühlt. Bis zum Sommer letzten Jahres: Dann wurde schlagartig alles anders.

Zuerst kamen die Gerüchte, dass es dem Unternehmen schlecht geht. Kurz danach ein Rundmail der Geschäftsführung indem  zu lesen stand, dass wegen der wirtschaftlichen Entwicklung die Kosten massiv gesenkt werden müssen. Und dann hatte Herr Kaiser ein außertourliches „Performance-Gespräch“ mit seiner Führungskraft. In diesem wurde ihm mitgeteilt, dass er zukünftig „ordentlich Gas geben muss“, wenn er weiterhin Teil des Teams sein möchte.

Vollkommen vor den Kopf gestoßen brachte Herr Kaiser den Einwand, dass im letzten Mitarbeitergespräch vor 2 Monaten von mangelnder Leistung keine Rede gewesen sei. Und woran den genau diese Minderleistung festzumachen sei? Darauf ging seine Führungskraft nicht ein. Dafür erhielt Herr Kaiser eine letzte Bewährungschance bis zum Jahresende. Und den Hinweis, dass es alleine an ihm liege, ob er auch nächstes Jahr im Team sein wird.

Viele schlaflose Nächte folgten. Bei teaminternen Besprechungen ließ seine Führungskraft nun immer öfter Bemerkungen fallen wie: „Haben Sie das auch verstanden, Herr Kaiser?“, Als ihm dann ein Kollege im Vertrauen mitteilte, dass das Team vom Chef dazu angehalten wurde, die Pausenzeiten von Herrn Kaiser zu überwachen, war es mit dessen Widerstandskraft endgültig vorbei. Zu den durchwachten Nächten gesellten sich Angstzustände und Existenzängste.

Seit 2 Monaten ist Herr Kaiser nun wegen Burn-Out im Krankenstand. Wie es weitergeht ist offen. Allerdings hat sich an der Einstellung zum Job bei Herrn Kaiser etwas Entscheidendes verändert. Denn immer öfter denkt er jetzt daran selber zu kündigen, um seine Gesundheit nicht weiter zu gefährden.

Bossing = Willkür durch die Hierarchie

Am obigen Beispiel ist leider nur der Name fiktiv. Ähnliche Fälle tauchen in der täglichen Beratungspraxis immer öfter auf. Die Namen und die Unternehmen sind austauschbar, die Geschichten gleichen sich. Aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommen Führungskräfte unter Handlungsdruck. Was dazu führt, dass langjährigen Mitarbeitern ohne Vorwarnung das Messer angesetzt wird. Oder, um’s effektvoller zu formulieren – Bossing ist nun angesagt.

Meistens passiert das aus Überforderung und Hilflosigkeit der Führungskraft, selten steht bösartige oder systematische Schikane dahinter. Im erlebten Verhalten macht das für die betroffenen Mitarbeiter aber kaum einen Unterschied. Die Daumenschrauben werden so lange angezogen, bis eine Situation eskaliert und der Mitarbeiter das Handtuch wirft. Denn als Führungskraft sitzt man in so einem Szenario immer am längeren Ast.

Leistung einzufordern und Verhaltensauffälligkeiten anzusprechen – dazu ist jede Führungskraft verpflichtet. Wenn, dann aber zeitgerecht, konkret und kontinuierlich. Das erfordert Klarheit und Courage auf Seiten der Führungskraft. Und nur das gibt Mitarbeitern eine reelle Chance, am eigenen Verhalten etwas zu verändern. Wer aber als Chef lange Jahre schweigt und dann plötzlich beginnt, subtil und mit Gruppendruck gegen einzelne Mitarbeiter zu agieren – der begeht mit Bossing eine schwere Pflichtverfehlung. Und eine klare Verletzung der unternehmerischen Fürsorgepflicht.

Unternehmen sind daher gut beraten, in schwierigen Zeiten ganz besonders auf das Agieren Ihrer Führungskräfte zu achten, um nicht irreparable Schäden in der Unternehmenskultur zu riskieren. Und auch hier gilt der Grundsatz: Jede Führungskräfte-Entwicklung rechnet oder rächt sich spätestens in der Krise.

 

 „Man kann ohne Liebe Holz hacken,
aber man kann nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen“
(Leo Tolstoi, russischer Schriftsteller)


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3 Kommentrare

  1. Andreas Schmied am

    Hallo Herr Schmid,

    vielen herzlichen Dank für den tollen und informativen Artikel zum Thema „Bossing | Wenn Chefs unter die Gürtellinie schlagen“. Das Beispiel von Herrn Kaiser ist sehr passend und kommt so oder so ähnlich sehr sehr oft vor. Bossing ist im Vergleich zu Mobbing noch relativ unbekannt und wird wie von ihnen beschrieben oft dazu verwendet um Mitarbeiter loszuwerden. Traurig ist, dass Führungskräfte so gut wie immer von der Geschäftsführung dazu gezwungen werden und oft keinen anderen Ausweg sehen, aus Angst vor dem eigenen Job- und Existenzverlust, als durch das sogenannte Bossing Mitarbeiter gezielt zu schikanieren und zu bekämpfen, dass diese die Firma verlassen.

  2. Andraes Madjari am

    Druck von „oben“ ist oft ein Auslöser für Problemfelder, in diesem Fall „Bossing“. All zu oft reicht schon die Erwähnung eines Vorstandes oder einer als wichtig wahrgenommenen Person in einem Unternehmen, um Druck aufzubauen. Unhinterfragt entsteht dann eine Dynamik, die auch zum Bossing führen kann. Ein bloßes „klingt interessant“ von jemandem im Top-Management wird solcherart zum High-Priority-Projekt und im Unterbau biegen sich die Balken.
    Es lohnt sich, auch im Mittelbau und „ganz unten“ kritisch zu hinterfragen und bisweilen auch einmal einen nachhaltigen Beleg darlegen zu lassen.
    Das mag zwar Bossing nicht verhindern, verschiebt aber das vermeintliche Machtgefüge schon einmal deutlich.

  3. Harald Schmid am

    Lieber Herr Schmied, lieber Herr Madjari,
    vielen Dank für Ihr Feedback. In Bezug dazu möchte ich nochmals 2 Aspekte hervorstreichen:
    1) Ich glaube nicht, dass Bossing nur vorsätzlich und mit Auftrag „von oben“ durchgeführt wird. Meiner Erfahrung nach „bossen“ Führungskräfte überwiegend aus Hilflosigkeit und/oder mangels Courage. Und es ist den meisten gar nicht bewußt, was sie damit dem Mitarbeiter antun.
    2) Für mich sind Führungskräfte aber auch keine armen Opfer, die sich gegen den Druck „von oben“ nicht anders zu helfen wissen, als beinhart „nach unten“ zu schlagen. Es ist halt der bequemere Weg. Jeder kann entscheiden, ob und wie er bei dem Spiel mitspielt. Aber auch das erfordert Courage.

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