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Spieltheorie für Entscheider | Ansätze und Einschränkungen

Photo by Arunkumar Umapathy (Author), CC BY-SA 4.0 (Licence)

Der Druck auf Entscheider, insbesondere im Personalwesen, steigt stetig. Bedingt durch die Digitalisierung und den Anforderungen der Generation Y steht es außer Frage, dass Aufgabenbereiche wie Qualifizierung, Motivation, Bindung und Recruiting immer mehr in den Fokus rücken und viel mehr Zeit sowie Ressourcen in Anspruch nehmen. Die aktuelle Ausgabe der Gallup-Studie kommt hier zu dem Schluss, dass Manager insbesondere im Bereich Mitarbeiterbindung sowie Mitarbeitermotivation eher gegenteilige Ergebnisse erzielen, je mehr sie sich diesen Themen annehmen.

Viele Unternehmen betrachten dabei Leadership noch als zweitranging, eine Führungskultur wird vergeblich gesucht. Um diesen Zustand vielleicht irgendwann einmal zu ändern, können Entscheider durchaus auch mal über den Tellerrand hinausschauen und sich von vielfältigem Input inspirieren lassen – beispielsweise von der Spieltheorie.

Primär im Operations Research, aber auch in den Wirtschaftswissenschaften gelehrt und angewandt, setzt sich die Spieltheorie mit Entscheidungssituationen aktiv auseinander, in denen der individuelle Erfolg nicht nur von den eigenen Aktionen abhängt, sondern auch vom Handeln anderer. Die Entscheidungen der Beteiligten beeinflussen sich also gegenseitig. Durch die formalisierte Analyse von klassischen Gesellschaftsspielen wie Schach, Dame oder Mühle und angefeuert durch den Beweis des Min-Max-Theorems durch John von Neumann im Jahre 1928, wurde der Grundstein für diesen Forschungsbereich gelegt. Die Publikation „Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten“ von Neumann und Oskar Morgenstern aus dem Jahre 1944 stellte bereits die Verbindung von mathematischen, spieltheoretischen Ansätzen und wirtschaftswissenschaftlichem Handeln her. Das Nash-Gleichgewicht, benannt nach John Nash, bot dann ab dem Jahre 1950 eine allgemeingültige Methodik, um unterschiedlichste Entscheidungssituationen zu analysieren. Die Spieltheorie-Bereiche sind vielfältig und finden auch über wirtschaftswissenschaftliche Sachverhalte hinaus Anwendung.

Um mittels Spieltheorie Entscheidungssituationen zu analysieren, werden diese wortwörtlich in ein Spielumfeld modelliert. Hierbei müssen die Anzahl der „Spieler“, der sequenzielle Ablauf der Situation und die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten (Spielzüge) der Personen festgelegt werden. Als essenziell ist hier auch eine Auszahlungsfunktion zu betrachten, praktisch der „Gewinn“ eines jeden Spielers. Mit dieser Herangehensweise lassen sich beispielsweise Angebots-Entscheidungen oder Vertragsverhandlungen in der Praxis vorab analysieren, um eine bestmögliche Entscheidung zu treffen. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist das Gefangenendilemma, welches nicht nur in der Fachliteratur zur Genüge besprochen wurde.

Auch der Kartenspielklassiker Poker lässt sich mit der Spieltheorie analysieren und sogar lösen. Die Besonderheit hierbei liegt jedoch in der Komplexität des Spiels begründet, da neben der rein mathematischen Komponente auch noch psychologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Daher sind Pokerprofis durchaus gefragte Redner bzw. Coaches, da viele mentale Aspekte des Kartenspiels auch so auf die Wirtschaftswelt übertragbar sind. Einer von ihnen ist Jan Heitmann, ehemaliger Pokerprofi, der inzwischen vor allem als Speaker & Coach in der Management-Landschaft viel Aufmerksamkeit erzeugt. Der Trainer zahlreicher Prominenter der TV Total PokerStars.de Night positioniert sich sehr spitz, um Poker-Konzepte für Entscheider vorzubereiten und so den Horizont zu erweitern bzw. Business-Situationen aus einer spieltheoretischen Sicht zu betrachten. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Fedor Holz, einer der erfolgreichsten Pokerspieler aller Zeiten, der sich auf die mentale Komponente des Spiels stürzt und daraus folgend eine entsprechende App als Mindset-Coach entwickeln ließ. Das Kartenspiel bietet so ungeahnte Möglichkeiten für Entscheider, entsprechende Einsichten in die Spieltheorie, aber auch die menschliche Psyche zu erhalten.

Erinnern Sie sich an Giannis Varoufakis, ehemaliger Finanzminister von Griechenland, der vor allem während der griechischen Schuldenkrise für Furore sorgte? Der Star-Ökonom verwirrte lange die Europäische Union mit seinem Auftreten, gefühlt ließ ihn die ausweglose Situation seines Landes völlig kalt. Was nur wenige Menschen wissen: Varoufakis ist Spezialist in Spieltheorie, verfasste Lehrbücher und forschte hier für verschiedene Unternehmen an wirtschaftlichen Einsatzgebieten. Er bezeichnete die wirtschaftliche Lage Griechenlands, mit 300 Milliarden Euro Schulden und einer auslaufenden Finanzierung durch die EU, als eine Art des Gefangenendilemmas. Auch wenn er den Posten des Finanzministers nur eine gewisse Zeit innehatte, so konnte er durch spieltheoretische Ansätze geschickte Verhandlungserfolge gegenüber Brüssel erzielen und einen kooperativen Weg finden, der einen Grexit verhinderte sowie die EU-Partner Milde stimmte und die Finanzierung Griechenlands zumindest kurzfristig sicherte.

Entscheider stehen vor großen Herausforderungen und sehen sich mit vielfältigen Einflüssen konfrontiert; es gibt kein Universal-Rezept, was für jede Situation anwendbar ist. Trotzdem sollten hier keine eingefahrenen Pfade bestritten werden, externer Input aus anderen Richtungen kann für bestimmte Situationen sehr wertvoll sein. Die Spieltheorie bietet solch einen Ansatz, um spezifische Herausforderungen zu modellieren, zu analysieren und die Ergebnisse gegebenenfalls einfließen zu lassen. Das Beispiel von Varoufakis zeigt jedoch auch, dass spieltheoretische Ansätze an Grenzen stoßen können und zwar genau dann, wenn es auf menschliche Qualitäten ankommt.

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