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Trends am Lehrlings-Sektor

Experten-Interview

Trends am Lehrlings-Markt – ein überaus breites Thema. Und: ich schränke es nicht ein. Sondern gebe es so in meine Interview-Runde. Da ich persönlich sehr wenig mit Lehre an sich zu tun habe, bin ich gespannt, welche Trends auf den Tisch kommen.

 



 

Welche Trends können Sie im Bereich der Lehre erkennen?

Mag. (FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA: Der gesamte Bereich der Lehre erfährt im Moment einen Aufwärtstrend. Mehr Unternehmen schreiben durch die verbesserte Wirtschaftssituation mehr Lehrstellen aus, es gibt viele Fördermöglichkeiten für Lehrlinge und die Lehre mit Matura hat sich mittlerweile in ganz Österreich etabliert. Zusätzlich gibt es immer mehr Menschen, die eine verkürzte Lehre über verschiedene Förderprogramme durchführen, wo man nach der Hälfte der Lehrzeit bereits zu einem außerordentlichen Lehrabschluss antreten darf.

Peter Wiltsche (Il Aus- und Weiterbildung): Ein Trend der ganz klar zu sehen ist – und sich auch in vielen anderen Bereichen bemerkbar macht – ist die Digitalisierung. Auch vor der Lehrlingsausbildung macht sie nicht halt, und das hat unterschiedliche Gründe. Einerseits sind die Lehrlinge sehr affin im Umgang mit neuen Technologien und Medien (Stichwort: Digital Natives), andererseits zieht es viele HR-Abteilungen und Lehrlingsausbilder hin zur Nutzung digitaler Tools – auch im Lernkontext (Privat sind sie meistens sowieso schon „ev vogue“ 😉). Bemerkbar macht sich dieser Trend an unterschiedlichen Dingen: Einerseits an der Ausstattung von Seminarräumen (gut funktionierendes W-Lan und Beamer sind schon „must-haves“, Smartboards und andere Gadgets immer häufiger), andererseits auch in der steigenden Offenheit für die wirkliche Einbindung von digitalen Möglichkeiten im Lehr- und Lernkontext.
Ein weiterer Trend betrifft eher das Lernen selbst, kann aber auch mit der oben genannten Digitalisierung verknüpft werden: Der Trend geht zu immer kürzeren, intensiveren und erlebnisorientierteren Lernsequenzen („Micro-Learning-Sessions“). Diese sollen die effektive Lernzeit und damit die Absenz-Zeiten vom Arbeitsplatz verkürzen und gleichzeitig den konkreten Lernoutput steigern. Eine letzte Entwicklung (die noch nicht im „common sense“ angekommen ist, aber immer beliebter ist und häufiger vorkommt) ist die gemeinsame Schulung von Lehrlingen und ihren Ausbildern. Gerade für spezielle Anlässe (Onboarding, Ende der Lehrzeit, Incentives zur Verbesserung der Zusammenarbeit, …) werden immer mehr konkrete Angebote genützt.

Mag. (FH) Bernhard Hofer (talentify): Angefangen bei Initiativen zur „Aufwertung der Lehre“ bis hin zum – eben genannten – Thema „Digitalisierung“ tut sich sehr viel im Bereich der Lehre. Die Ausbildungsbetriebe müssen sich Herausforderungen wie dem demographischen Wandel, raschen Veränderungen von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der in der breiten Bevölkerung viel zu unterschätzten Bedeutung der Lehre für den Arbeits- und Wirtschaftsstandort stellen. Um entsprechend auf diese Faktoren zu reagieren sind Flexibilität und Innovation gefragt. Dabei gilt es, die Lehre attraktiver zu gestalten, neue Ausbildungsformate (z.B. duales Studium) und neue Zielgruppen (AHS Maturanten, Lehrlinge 40+) anzusprechen. Vor allem im Recruiting bieten sich durch die Digitalisierung viele neue Möglichkeiten, was sich an einer rasant steigenden Anzahl an Anbietern in diesem Bereich zeigt.

Welcher dieser Trends sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?

Peter Wiltsche (Il Aus- und Weiterbildung): Ich glaube hier ist es wichtig zu definieren, was „die wichtigsten“ konkret heißt. Die Digitalisierung ist definitiv ein wichtiger Trend, den man als Firma und Unternehmen nicht verschlafen sollte. Das ist aber – mit ein bisschen Fokus und Ideenreichtum – auch schwer möglich, da dieser Trend so allgegenwärtig ist („Alexa, stimmt das?“).
Besonderes Augenmerk wird in Zukunft vor allem auf den Micro-Learning-Session und ähnlichen Formaten liegen. Gerade durch die immer schnelllebigere Arbeitswelt werden Schlüsselqualifikationen wichtiger als konkrete Fähigkeiten. In diesen Kurz-Sequenzen werden diese Qualifikationen trainiert und einsetzbar gemacht. Dieser Trend ist deshalb erfolgsversprechend, weil er doppelten Nutzen aufweist: Für die Lehrlinge, da diese Qualifikationen auch im privaten Kontext gut nutzbar sind und es leichter machen, konkrete Fähigkeiten dadurch zu erlernen. Aber auch für den Ausbildungsbetrieb ist der Benefit groß, da hier die konkrete Anwendbarkeit im Betrieb im Fokus steht. Durch das kurze, effektive trainieren von diesen Schlüsselqualifikationen (wie zB organisiertes Arbeiten, Stressresistenz, etc.) werden konkrete Aufgaben besser und schneller gelöst und gelernt.

Mag. (FH) Bernhard Hofer (talentify): Ich denke es wäre zu kurz gegriffen sich hier auf einen Trend zu fokussieren. Der Erfolgsfaktor liegt darin, zu erkennen, wo der Schuh drückt und zeitgerecht zu agieren. Zu verstehen, was junge Menschen beschäftigt und was ihnen wichtig ist, das Unternehmen selbst und die Lehrberufe dem Zeitgeist und den technologischen sowie organisatorischen Herausforderungen anzupassen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Erweiterung der Zielgruppe ermöglichen (Jugendliche mit speziellen Bedürfnissen, Lehrlinge 40+, etc.) wird zu mehr Flexibilität und Nachhaltigkeit im Recruiting führen.

Mag. (FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA: Lehre mit Matura ist mit Sicherheit ein wichtiger Trend, denn er gibt jungen Menschen eine Perspektive. Durch die gute Kursimplementierung an den Berufsschulen wird es nun auch flächendeckend angeboten.
Den zweiten Trend den ich sehe, sind definitiv die verkürzten Lehrausbildungen über Förderprogramme für Personen ab 18 Jahren. Hier hat das Berufsausbildungsgesetz (BAG) die Möglichkeit geschaffen, dass Personen, ab dem 19ten Lebensjahr, sich durch Aneignen der praktischen halben Lehrzeit, danach zum außerordentlichen Lehrabschluss antreten dürfen. Das schafft eine Vielzahl von neuen Fachkräften, die den sinkenden demographischen Geburtsraten von Jugendlichen und dem Fachkräftemangel entgegen wirkt.

Wo gibt es derzeit noch ungenützte Potenziale in der Lehrlingsausbildung?

Peter Wiltsche (Il Aus- und Weiterbildung): Ein Stichwort dazu: Out-of-the-box Schulungen. Was wir im Kontakt mit vielen Unternehmen erfahren ist, dass Schulungskonzepte und Trainings immer spezieller auf die Mitarbeiter, die Unternehmenskultur und andere Parameter zugeschnitten werden. Jedoch glaube ich, dass hier in Zukunft noch deutlich mehr passieren wird und Potenzial genutzt werden kann. Insbesondere wenn es um neue Methoden aus dem erlebnisorientierten und erlebnispädagogischen Bereich (City-Bound, etc.) oder neue Rahmenbedingungen für Schulungen (Halbtagesschulungen, gemeinsame Seminare von Lehrlingen und Ausbildern, etc.) eröffnen sich hier neue Möglichkeiten, Schlüsselqualifikationen zu erwerben und nachhaltiges Lernen zu ermöglichen. Wir haben hier auch schon mit Kunden aus unterschiedlichen Bereichen sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn es um neue, ausgefallene Konzepte und Methoden geht – und der Outcome aus diesen Schulungen ist deutlich erkennbar. Zum Beispiel die unterschiedlichen Möglichkeiten, Lehrlinge und Ausbilder gemeinsam in einen Seminarraum zu setzen (bei Onboarding-Veranstaltungen, Incentives unterm Jahr, ,..) kommt der gemeinsame Spaß nicht zu kurz (ja, wirklich!) und Lernen passiert für beide Seiten quasi „on-the-go“.

 



Die Gesprächspartner


Mag. (FH) Bernhard Hofer
Geschäftsführer

talentify GmbH

www.talentify.works

Unternehmens-Profil


Mag. (FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA
Geschäftsführerin

Mayerhofer-Trajkovski

www.mayerhofer-trajkovski.at

Unternehmens-Profil


Peter Wiltsche
Training & Coaching

Il Aus- und Weiterbildung GmbH

www.lehrlingstraining.at


selan_eva_150Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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