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New Work | Gedanken über eine distanzierte Arbeitswelt

New Work: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Mit welchen Arbeitsweisen, Systemen, Einstellungen und Werthaltungen werden wir auf die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft  und der Arbeitswelt reagieren? Dieses Kapitel darf komplett neu geschrieben werden.

Der globale, COVID 19 bedingte gesellschaftliche und wirtschaftliche Shut-down, schafft völlig neue Rahmenbedingungen. Oder, um es im „New-Work-Sprech“ zu formulieren:  Wir erleben gerade eine disruptive Störung unseres bisherigen Wirtschaftssystems, deren Auswirkungen wir noch gar nicht fassen können.

Sicher ist nur eins: So wie sie war, wird unsere Arbeitswelt nie wieder werden. Und mitten drin statt nur dabei: Der distanzierte Mensch.

New Work 2020 | Alles Home-Office, oder was?

Die staatlich verordneten Maßnahmen und Ausgangsbeschränkungen haben in Österreich das größte wirtschaftliche Change-Projekt aller Zeiten bewirkt. Innerhalb von wenigen Tagen wurden alle Mitarbeiter, bei denen es aufgrund der Aufgaben und Arbeitsabläufe möglich war, ins Home-Office geschickt. Und damit selbst die untalentiertesten Technik-Muffel zu einem Crash-Kurs in Sachen Telefon- und Videokonferenzen genötigt.

Gleichzeitig waren jene Manager, die bis dato den Antrag auf Home-Office als subversiven Versuch für ein verlängertes Wochenende angesehen haben, genötigt, von heute auf morgen der Belegschaft ihr uneingeschränktes Vertrauen auszusprechen.  Sie hatten schnell erkannt, dass ein flächendeckendes Home-Office die einzige Chance für Ihre Unternehmen bietet, einem wochenlangen, ruinösen Stillstand zu entkommen.

So eine Entwicklung wäre in einem „normalen“ Change-Prozess unmöglich gewesen. Die Widerstände, sowohl seitens der Belegschaft als auch seitens der Entscheidungsträger, wären unüberwindbar gewesen. Die COVID 19-Krise hat hier Fakten geschaffen. Und damit wohl auch die Weichen für die Zukunft gestellt. Viele Unternehmen werden diese Erfahrungen zum Anlass nehmen, um Home-Office als Arbeitsform nach der Krise erst so richtig zu forcieren.

Nicht jeden wird dieser Digitalisierungsschub freuen. Viele haben in den letzten Wochen erlebt, was es heißt, am Küchen- oder Wohnzimmertisch von einer Videokonferenz zur nächsten zu hüpfen. Und das natürlich immer besten vorbereitet. Etliche sehnen daher die Rückkehr an ihre Büroarbeitsplätze herbei.  Nach Wochen der Home-Office-Isolation wird das persönliche Gespräch, das Schmähführen und sogar der Tratsch in der Kaffeeküche mit den Kollegen und Kunden vielerorts schmerzlich vermisst.

New Work | Die distanzierte Arbeitswelt ist kostenoptimiert

Aber wir werden uns an diese distanzierte Form des Arbeitens wohl gewöhnen müssen. Und das nicht nur deshalb, weil das COVID-bedingte Abstandhalten noch länger vorgeschrieben sein wird. Als Folge der COVID-Krise baut sich gerade ein wirtschaftlicher Konjunktur-Tsunami auf. Daher werden viele Unternehmen den Digitalisierungs-Motor bald auf Hochtouren drehen, um dadurch möglichst viel Kosteneinsparungspotential zu lukrieren. Ganz nach dem Motto: „Prozessoptimierung, koste es, was es wolle“.

Darüber hinaus treffen die COVID-bedingten Maßnahmen jene Unternehmen besonders hart, die in den letzten Jahren massiv auf den Ausbau von Großraum-Büros gesetzt haben. Und das waren nicht wenige. Sie müssen aufgrund der behördlichen Abstandsvorschriften ihre Belegungskonzepte komplett neu denken, zumindest für die nächste Zeit. Mögliche Alternativen: Teure Umbauarbeiten oder die Auslagerung von Arbeitsplätzen in die Wohnzimmer ihrer Mitarbeiter. Also Home Office, wo und wann immer es möglich ist.

Dass die Digitalisierungspläne der Unternehmen vor allem auf Kostenoptimierung abzielen, ist nicht neu. Viele Prozesse sind schon lange aufgegleist und werden nun nach COVID 19 einen „Turbo-Booster“ erhalten. Wie es sich jedoch anfühlt, wenn auch die Kommunikationsprozesse in den Unternehmen digitalisiert sind, erfahren wir seit Wochen in unseren eigenen vier Wänden. Wie erleben Sie Ihre Video- und Telefon-Calls? Als effizient, zielorientiert und auf den Punkt gebracht? Oder als nüchtern, empathielos und distanziert?

New Work | Digitalisierung führt auch zu Distanzierung

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft bringt viele Vorteile mit sich: Verbesserte Diagnose- und Operationsmethoden in der Medizin, die Forcierung von erneuerbaren Energieträgern, den Einsatz von Robotern in Gefahrensituationen oder auch die Ersparnis von Weg und Zeit bei der Ausübung von Home Office. Die Auflistung von Errungenschaften durch den Einsatz von digitaler Technik ließe sich noch lange fortführen.

Gleichzeitig sollte uns aber bewusst sein, dass wir oft auch einen Preis dafür zahlen. Wenn wir zunehmend über soziale Medien kommunizieren, gehen wir vermehrt auf persönliche Distanz zum Gegenüber. Wenn Home Office ausgebaut wird, schafft das mehr Distanz in den Arbeitsteams. Und wenn Arbeitsprozesse digitalisiert werden, führt das dazu, dass immer mehr Mitarbeiter von den Unternehmen distanziert werden – und zwar für immer.

COVID 19 wird unsere Arbeitswelt dramatisch verändern. Vielleicht wird bald jeder von uns jemanden kennen, der wegen des behördlich angeordneten Shut-downs seinen Job verloren hat. Und gerade in einem wirtschaftlich instabilem Umfeld ist eine distanzierte Arbeitswelt für Mitarbeiter besonders heikel: Es ist immer leichter, aus der Distanz per Telefon oder Video eine unangenehme Nachricht zu überbringen, als wenn die betroffene Person persönlich gegenüber sitzt. Das könnte die Hemmschwelle für Kündigungen zusätzlich senken.

Fazit

Die Zukunft in unserer Gesellschaft ist digital. Dieser Weg ist vorgezeichnet. Die Auswirkungen der COVID-Krise werden dazu führen, dass eine Intensivierung der Digitalisierungs-Prozesse in den Unternehmen alternativlos ist. Und es ist auch davon auszugehen, dass nach der Krise unsere Kommunikation vermehrt über digitale Kanäle laufen wird. Das wird die Entwicklung in Richtung distanzierter Arbeitswelt weiter verstärken.

In so einem Umfeld gilt es gut darauf zu achten, dass dabei nicht das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschine verloren geht: Die Fähigkeit, für unser Gegenüber Empathie zu entwickeln. Und diese, falls nötig, auch einzusetzen. Digitale Kommunikation bietet viele Möglichkeiten, die Gefühlslage des Gesprächspartner aus der Distanz wahrzunehmen, zählt nicht dazu.

„Zusammen ist man weniger allein.“ Dieser Satz hat auch in unserer Berufswelt eine hohe Wertigkeit. Und er ist auch mit Garant dafür, dass wir zusammenhalten, wenn es hart auf hart geht. Dann brauchen wir Nähe und keine Distanz.


„Jedermann wird zugestehen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.
Wir sehen es in seiner Abneigung gegen Einsamkeit und seinem
Wunsch nach Gesellschaft über den Rahmen seiner Familie hinaus.“
(Charles Darwin, britischer Naturwissenschaftler)

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Ein Kommentar

  1. Andrea Zeilinger am

    Lieber Herr Schmid,

    vielen Dank für diese zutreffende Analyse der Situation und Ihr menschliches Fazit! Liebe Grüße Andrea Zeilinger

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