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Die Kraft der Unterschiede | Was wir von Konflikten lernen können

„Es ist normal, verschieden zu sein“ – dieses Zitat eines unbekannten Autors über Unterschiede sagt eigentlich alles. Jeder, der es liest, wird zustimmend nicken. Aber das, was uns rational als selbstverständlich erscheint, leben wir im Alltag häufig anders.

Einen konstruktiven Umgang mit Unterschieden haben wir vielfach nicht gelernt. Dafür steht in unserem Konfliktverständnis die Suche dem Sündenbock ganz oben. Was schade ist, denn mit diesem destruktiven Ansatz wird es nie gelingen, die ganze Kraft, die unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen zu Grunde liegt, zu bündeln. Dabei würden wir genau das im COVID-19-Zeitalter dringend benötigen.

Unterschiede als Potentiale begreifen und nutzen

Lösungsorientiertes Denken und Handeln in Konfliktsituationen beginnt schon mit der richtigen Fragestellung. Anstelle von „Wer ist schuld?“ geht es um „Warum?“ oder „Wozu?“. In der Konfliktmoderation nennt man das auch „Beleuchten der Hintergründe“. Ein Beispiel: Zwei Männer streiten in einer Bibliothek. Der eine möchte das Fenster offen haben, der andere geschlossen. Sie zanken herum, wie weit man es öffnen soll: einen Spalt weit, halb, dreiviertel, offen. Keine Lösung befriedigt beide.

Die Bibliothekarin kommt herein. Sie fragt den einen, warum er denn das Fenster öffnen möchte. „Ich brauche frische Luft“. Sie fragt den anderen, warum er das Fenster lieber geschlossen hat: „Wegen der Zugluft“. Nach kurzem Nachdenken öffnet sie im Nebenraum ein Fenster weit. Auf diese Weise kommt frische Luft herein, ohne dass es zieht.

Dieses simple Beispiel zeigt gut, was in der Konfliktlösung der Schlüssel zum Erfolg ist. Es geht darum, die Interessen und Motive sichtbar zu machen, die hinter den Streitpositionen liegen. Erst mit dem Wissen über die eigentlichen Motive der Konfliktpartner – „Ich brauche frische Luft“ und „Wegen der Zugluft“ – ist eine nachhaltige Lösung des Konfliktes möglich.

Für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten sind  zwei Aspekte entscheidend: Unstimmigkeiten möglichst früh anzusprechen und sich vor allem auch zu fragen, was sich hinter einem Konflikt verbergen könnte.

Unterschiede – Über den Sinn und Nutzen von Konflikten

In unserer westlichen Kultur passt die Kombination „Konflikt + Sinn“ nicht ins logische Denkmuster. Nach unserem Konfliktverständnis muss immer eine von zwei Meinungen falsch sein. Dieses „Schwarz-Weiß“-Denken hat den Vorteil, dass wir uns dadurch sehr schnell ein Urteil bilden können. Je nach unseren Erfahrungen, Einstellungen und Werten stimmen wir dann einer Meinung zu oder lehnen diese ab. In der täglichen Praxis bedeutet das meistens, dass ein Konflikt im besten Fall durch eine einseitige autoritäre Entscheidung gelöst wird.

Ganz anders ist der Zugang zum Konflikt in den asiatischen Kulturen. Beispielhaft dafür ein Zitat des chinesischen Philosophen Lao-Tse „Nur wer beide Seiten einer Medaille kennt, ist im Besitz der ganzen Wahrheit.“ Während bei uns sehr oft bei Konflikten nach dem Grundsatz „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ agiert wird, werden in den asiatischen Ländern bis zu 90 % der Konflikte durch Konsens gelöst. Diese Einstellung ist stark von der Überzeugung geprägt, dass Konflikte immer einen Sinn und Nutzen haben.

Das Potential, dass in der konstruktiven Auseinandersetzung mit Unterschieden liegt, ist vielfältig.

  • Konflikte machen Probleme bewusst.

Die Beteiligten erfahren, wo die Brennpunkte liegen und was sie selbst tun müssen, um sie zu entschärfen.

  • Konflikte stärken den Willen zur Veränderung.

Sie signalisieren, dass etwas verändert werden muss. Z.B.: Eine alte Gewohnheit aufgeben, eine andere Einstellung aneignen, neue Fähigkeiten erwerben.

  • Konflikte erzeugen den notwendigen Druck.

Einen Druck, Probleme aktiv anzugehen. Ohne diesen Druck fehlt häufig die Kraft und Entschlossenheit, brisante Themen anzupacken.

  • Konflikte geben Anstoß, Fähigkeiten und Kenntnisse zu vertiefen.

Die zunächst schwer verständlichen Ansichten der anderen Seite machen neugierig, dem Thema auf den Grund zu gehen und neue Einsichten zu gewinnen.

  • Konflikte fördern Kreativität.

Ein Problem kann verschieden gesehen und bewertet werden. Die Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel vertieft das Problemverständnis der Beteiligten und erhöht die Chance, eine neue und kreative Lösung zu finden.

  • Konflikte führen zu besseren Entscheidungen.

Meinungsverschiedenheiten und Kontroversen zwingen uns dazu, eine Entscheidung sorgfältig zu durchdenken, widersprüchliche Alternativen durch zuspielen und erst dann für eine Lösung zu votieren.

Fazit

Gerade in Zeiten wie diesen, täten wir gut daran, unsere grundsätzliche Haltung zum Thema „Umgang mit Unterschieden“ zu überdenken. Mitten in der COVIC19-Krise ist eine extreme Polarisierung in unserer Gesellschaft zu beobachten. Mit zunehmender Wucht prallen die Ansichten zwischen Maßnahmen-Befürwortern und Maßnahmen-Gegner zusammen. „Recht haben“ ist angesagt, koste es was es wolle. Es geht nur mehr ums Verteidigen von Positionen, kaum jemand hinterfragt die Interessen dahinter.

„Mit dem Reden kommen die Leute zusammen“ – dieses alte Sprichwort zeigt, dass man den Lösungsweg nicht neu erfinden müsste. Aber davon entfernen wir uns leider immer weiter. Und das nicht nur deshalb, weil wir vielfach sozial distanziert arbeiten und leben müssen.

Mit dieser Konflikt-Haltung setzen wir wieder einmal nur auf eine Seite der Medaille. Hoffentlich auf die richtige….

 

„Das Vergnügen, recht zu behalten, wäre unvollständig
ohne das Vergnügen, andere ins Unrecht zu setzen.“

Voltaire, (franz. Philosoph)

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Ein Kommentar

  1. Reisenzein am

    Konflikte sind Interessensgegensätze und bei Kündigungen offensichtlich. Die begleitenden Gefühle lösen Reaktionen wie Wut, Trauer bis zu tätlicher Aggression aus. Doch den Emotionen ist Raum zu geben! Der Empfänger braucht nach einer schlechten Nachricht im Schnitt 18 Sekunden um sich wieder zu orientieren, daher soll der „Kündiger“ Stille zulassen, da die Aufnahmefähigkeit beim Betroffenen stark eingeschränkt ist. Als Überbringer versuche ich mein Gegenüber ruhig anzuschauen. Ich signalisiere Haltung und Verständnis – reiche wenn möglich, vielleicht ein Taschentuch oder schenke ein Glas Wasser ein

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